Boris Johnsons Zustand hat sich am Donnerstagabend verbessert.

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Nach einem Statement der britischen Regierung hat Premier Boris Johnson am Donnerstagabend die Intensivstation wieder verlassen können. Er bleibe aber weiter unter strenger gesundheitlicher Beobachtung. Meldungen über eine Verbesserung seines Zustandes hatte es im Laufe des Tages bereits gegeben. Johnson befinde sich in "sehr guter Stimmung", so das Statement.

Für das gesamte Land Großbritannien ist die Stimmung hingegen schlechter. Da waren sich die Medien zu Beginn des Osterwochenendes einig: "Kein Ende des Lockdowns in Sicht." Zwar hat die Regierung dies noch nicht bestätigt, aber allgemein gilt als sicher: Die bis Ostermontag zunächst für drei Wochen geltenden Ausgangsbeschränkungen werden bis Ende April verlängert.

Die Schwächen des britischen Gesundheitssystems NHS werden durch Corona noch offensichtlicher als im Normalbetrieb.
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Keine Strategie in Sicht

Die Diskussion über eine Rückkehr zur Normalität hat der neue Oppositionsführer Keir Starmer angefacht. Er verlange nicht nach einem Termin, beteuerte der Labour-Vorsitzende: "Aber die Regierung muss eine Strategie vorlegen." Diese ist bisher nicht in Sicht.

Damit bestätigt sich der Trend, wonach die Regierung die Öffentlichkeit stets nur zögerlich über das Coronavirus und seine Auswirkungen informiert. Bis tief in den März hinein lag dies an zwei Faktoren. Zum einen hatte Premierminister Johnson nach dem anstrengenden Brexit-Wahlkampf öffentliche Auftritte und Medieninterviews stark reduziert. Zum anderen galt das Verdikt seines Chefberaters Dominic Cummings, wonach sämtliche Regierungsvertreter die Nachrichtensendungen der weltweit angesehenen BBC boykottieren sollten – dem öffentlich-rechtlichen Sender wurde angebliche Parteilichkeit im Wahlkampf vorgeworfen.

Zweimal Happy Birthday

So beschäftigte sich der Krisenstab Cobra erst am 2. März erstmals mit Sars-CoV-2. Auf einer Pressekonferenz umgab sich Johnson demonstrativ mit zwei Wissenschaftern: dem höchsten Gesundheitsbeamten Englands, Christopher Whitty, und dem Wissenschaftsberater Patrick Vallance. Die beiden oder ihre jeweiligen Stellvertreterinnen sind seither bei jeder Medienunterrichtung durch Minister anwesend, um Fachfragen zu beantworten. Die Regierung richte sich, so der Premierminister, streng an die Vorgaben der Wissenschafter.

Staatliche Maßnahmen beschränkten sich zu diesem Zeitpunkt auf Johnsons Aufforderung an die Bevölkerung zu häufigem und gründlichem Händewaschen, "so lange, wie es dauert, zweimal Happy Birthday zu singen". Menschen mit Symptomen wie Fieber und trockenem Husten wurden zur Selbstisolierung aufgefordert, aber nicht getestet, wie es die WHO fordert.

Wachstumsmärchen

Öffentliche Auftritte des Regierungschefs sowie von Gesundheitsminister Matthew Hancock blieben in der ersten Märzhälfte Mangelware. Das Unterhaus tagte weiter wie gehabt, am 11. März bejubelten die vollgepackten konservativen Bänke die Haushaltsrede von Schatzkanzler Rishi Sunak. Darin war für 2020 von 1,1 Prozent Wachstum die Rede – angesichts abstürzender Börsenkurse und Firmenschließungen schon zu diesem Zeitpunkt eine Mitteilung aus dem Märchenbuch. Am gleichen Abend konnte der FC Liverpool sein Champions-League-Achtelfinale vor ausverkauftem Haus spielen, tausende Atlético-Fans waren dazu aus Madrid, dem Corona-Hotspot Spaniens, angereist. In Cheltenham feierten Zehntausende die traditionsreichen Pferderennen.

Massenveranstaltungen abzusagen sei nicht notwendig, behaupteten Johnson und seine Berater tags darauf. Der deutschen Kanzlerin Angela Merkel habe der Premierminister telefonisch die "wissenschaftsbasierte Vorgehensweise" seines Landes erläutert, verlautete aus der Downing Street – ganz so, als vertraue der Rest Europas auf Voodoo. Weil die Zivilgesellschaft längst von sich aus Maßnahmen ergriff, warf die Regierung am darauffolgenden Wochenende das Ruder herum. Seither (16. März) gibt es eine tägliche Pressekonferenz, die mittlerweile virtuell abgehalten wird.

Lockdown

Auch der BBC-Boykott wurde aufgehoben. An diesem Tag forderte Johnson die Bürger auf, nicht mehr ins Theater, Museum oder Restaurant zu gehen. Deren Schließung verfügte die Regierung vier Tage später. Am Abend des 23. März wandte sich der Premierminister dann in einer kurzen TV-Ansprache an die Nation und verkündete den Lockdown, der bis heute gilt. "Sie müssen zu Hause bleiben, um Tausende von Menschenleben zu retten", schrieb er den Bürgern ins Stammbuch.

Schon vor Johnsons Erkrankung traten gelegentlich Kabinettsmitglieder wie Hancock, Sunak oder Kabinettsbürominister Michael Gove ans Rednerpult, stets flankiert von den beiden Beratern. Während hier immer wieder auch eine Ärztin oder Wissenschafterin zu Wort kam, kommunizierte für die Regierung stets ein Mann. Auffallend ist vor allem das komplette Abtauchen von Innenministerin Priti Patel; sie verweigert auch eigentlich übliche Befragungen durch den zuständigen Innenausschuss des Unterhauses.

Der Popularität der konservativen Regierung hat ihre zögerliche Informationspolitik nicht geschadet. Die Firma Yougov ermittelte Ende März überwältigende Zustimmung von mehr als 90 Prozent der Briten zu den neuen Ausgangsbeschränkungen und deutlich gestiegene Sympathiewerte für Johnson und seine wichtigsten Minister. (Sebastian Borger, 9.4.2020)