Der ewige Sonntag

Wir genießen den ewigen Sonntag. Lukas verbringt die Zeit im Wald, um Tiere zu füttern, Quirin ruft das Initiativprojekt "BigBang" ins Leben, und Rupert hilft als Erntehelfer und dokumentiert das Ganze unter #EditionSpargel. Diese meditativen Beschäftigungen erlauben es uns, die ungewisse Zukunft gedanklich zu simulieren.

Rupert Zallmann, Madame Architects, Wien

Kuchen backen, Holz sammeln

Während unser Haus durch das Kommen und Gehen unserer sieben Töchter normalerweise einem Bienenstock gleicht, dominieren nun Ruhe und Stille. Die Jüngsten nicht in der Schule, die Ältesten nicht in Wien, die Mama früher aus dem Büro zurück. Der Geruch frischgebackenen Kuchens. Nach dem Essen dann Holz sammeln im Wald. Hinter dem Haus werden wir eine Baumhütte bauen.

Stefan Marte, Marte Marte Architekten, Feldkirch

Hallo Fünfzigerjahre!

Durch die Corona-Krise fühle ich mich im Zuhausesein in die Fünfzigerjahre zurückgeworfen. Damals hatte man selbst in kleinen Wohnungen eine Bastelecke und eine Nähecke samt Nähfauteuil. Die Möbel haben Rituale gefördert, die in einem monotonen Alltag gute Dienste erweisen. Zu meinen persönlichen Ritualen gehören nun das Kochen und das rechtzeitige Beenden der Arbeit.

Sabine Pollak, Köb & Pollak, Wien

Echoraum und Exoskelett

Wohnen ist keine Funktion, sondern eine Beschäftigung. So gesehen ist die Wohnung ein Echoraum, ein Exoskelett, eine Selbsterkenntnis- und Ermächtigungsmaschine. Durch die notgedrungene Beschäftigung während der Corona-Pandemie bekommt das Wohnen einen essenziellen Stellenwert. Und das ist gut.

Anna Popelka, PPAG, Wien

Zum Wohnen verdammt

Während draußen der Feind lauert und der öffentliche Raum zum Kriegsgebiet deklariert wird, sollen uns die eigenen vier Wände vor dem Virus beschützen. Paradox: Das Virus befällt die Zelle, und zugleich beschützt uns die Wohnzelle vor dem Virus. Wir sind zum Wohnen verdammt, und es wird klar, dass Wohnen ein Luxus ist, denn es bedingt die Erträglichkeit in Zeiten aufoktroyierter Klausur.

Walter Prenner, columbosnext, Innsbruck

Wohnen fast wie im Himmel

One step to heaven: Eine große Raumhöhe wie im Altbau ist zwar nett, aber ein Schritt auf den Balkon ist jetzt Gold wert. Wir fordern Balkone für alle! Außerdem erkenne ich, dass Tauschen, Teilen, Helfen und nachbarschaftliche Gemeinschaft und Organisation ein wahrer Luxus ist, den ich nicht mehr missen möchte.

Katharina Bayer, einszueins architektur, Wien

Das Motorrad in der Küche

Das Büro neben der Wohnung, der Partner als Geschäftspartner, der Hund als Lizenz zum Rausgehen – in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen Gold wert! Das Wohnen spielt sich in der Küche ab: DKT spielen, Schwarzwälder Kirschtorte backen, Motorräder umbauen, Masken nähen und Desinfektionsmittel mischen. Der Hund kann auch schon nicht mehr …

Verena Mörkl, Superblock, Wien

Bis zum Sonnenuntergang

Als Familie genießen wir die Ruhe und das intensive Zusammensein in der Wohnung. Nun gibt’s täglich ein gemeinsames Frühstück, Lesen am Morgen, Brettspiele, Sonnenuntergang auf der Loggia und meist eine Flasche Wein. Die Krise hat auch schöne Seiten.

Gernot Hertl, Hertl Architekten, Steyr

Flipchart mit Yung Hurn

Es gibt weder Brettspiele noch Back-Sessions. Doch ein bisschen Corona-Lager haben auch wir: Die Familie sitzt den ganzen Tag in Videokonferenzen. Dafür haben wir ein wandelbares, mobiles Flipchart mit unterschiedlichen Hintergründen gebaut – auch eines mit dem Konterfei des Austro-Hip-Hoppers Yung Hurn.

Michael Salvi, Schenker Salvi Weber, Wien

Lust auf Yoga

Im Leben vor Covid-19 habe ich gewisse Bereiche meiner Wohnung zwar optisch genossen, aber nicht physisch genutzt. Einen solchen Raum habe ich nun zum Sportcenter mit soften Trainingsgeräten und Yogamatte ausgestattet – wenn auch nur zur Gewissensberuhigung! Und dann wäre da noch die Lust am ständigen Umgestalten …

Elke Delugan-Meissl, DMAA, Wien

Allumfassende Nähe

Gerade habe ich von einem Liebespaar gelesen, das eine Schiffsreise über den Atlantik macht, um sich kennenzulernen. So nah und intim fühlt es sich gerade an. Drei Tage ein langer Strom an Videokontakten in die weite Welt, dann drei Tage ganz intensiv mit meinem dreijährigen Sohn. Die Türe zum Nachbarkind ist offen, wir tauschen Selbstgekochtes und Masken, meine Freundin sitzt mir gegenüber, es hat eine allumfassende Nähe.

Michael Anhammer, Franz & Sue, Wien

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Auf der Suche nach dem Gewohnten. Zurückgeworfen in die Fünfzigerjahre? Familie Wohnzimmer, 1958.
Foto: APA Picturedesk / Evert F. Baumgardner

Konferenz im Schlafzimmer

Im Schlafzimmer jagt heute eine Videokonferenz die nächste, ich habe eine Videokonferenz im Gästezimmer, und meine Tochter hat heute EDV-Probleme im Kinderzimmer, doch ich habe keine Zeit, denn meine VPN-Verbindung funktioniert grad nicht. Der improvisierte Charme eines Computerladens ist jetzt endlich mit Design besiegt worden.

Bernhard Schönherr, Love Architecture, Graz

Coworken am Esstisch

Die Zeit verlangt nach Flexibilität, Fantasie und konflikthemmenden Strategien. Das Wohnzimmer wird zur Lounge-Area, der Esstisch zum Coworking-Space, und in den Kinderzimmern werden Höhlen gebaut. In Zukunft werden Wohnräume noch flexibler, noch größer werden müssen, denn auch die gehamsterten Klopapierrollen und Konservendosen wollen irgendwo gelagert werden.

Gregor Wakolbinger, waax architekten, Linz

Das Fenster zum Wald

Der Blick aus dem Fenster auf den Wald bekommt Bedeutung. Das Schlafzimmer wird zur Spielhöhle für die Kinder. Der Tisch ist zum Zentrum geworden – für Schule, Arbeit, Spiel und Essen. Es braucht Ordnungssinn und Stauräume. In meinen beruflichen Alltag werde ich mitnehmen, wie wichtig private Freiräume und hochwertige Gartenanlagen im Wohnumfeld sind.

Bettina Brunner-Krenn, X Architekten, Linz

Die Entdeckung des Lichts

Das Licht im Wohnzimmer mit Zeit und Ruhe ist noch schöner, noch wärmer als sonst. Ich entdecke meine Dachterrasse neu und verbringe dort viel Zeit, obwohl es noch nicht sehr warm ist. Mich fasziniert der Anblick auf die Stadt in diesem Zustand der Ruhe und Stille. Und ich entdecke viele Superfunktionen meines neuen Backofens, für die ich bis jetzt keine Zeit hatte!

Nerma Linsberger, Wien

Sonnenstrahlenstudium

Die ersten Sonnenstrahlen zeichnen Figuren an die Wand. Endlich mal Zeit, diese zu beobachten. Gearbeitet wird am Küchentisch, als Naherholungsgebiet hat sich der Balkon etabliert, wo der Kräutergarten unsere grünen Daumen aufblühen lässt, und wenn die Nachbarn rüberrufen, lässt man sich gern in ein Gespräch verwickeln. Danach noch eine Verabredung in irgendeinem virtuellen Wohnzimmer.

Elias Walch, he und du, Innsbruck

Die Schule des Hörens

Ein Chat mit den verstreuten Kollegen, ein Kaffee auf dem Balkon, schön die Singvögel, genug Muße, um das Musikinstrument in die Hand zu nehmen, dann piepst der Spüler, dazwischen Ö1 gehört, begleitet vom ständigen Rauschen der Ache. Das Gefühl, sein Zuhause zu hören, beruhigt – in einer Zeit, die beunruhigt.

Bernd Haslauer, haro architects, Salzburg

Den Biedermeier ausmisten

Beschert uns der gebotene Rückzug ins häusliche Umfeld ein neues Biedermeier? Durch den reduzierten Radius nehme ich die Dinge, die mich umgeben, bewusster und intensiver wahr. Ich erkenne, was sich bewährt hat, und entscheide rasch, was entsorgt wird – bis nur noch die Lieblingsstücke übrig sind. Mehr brauche ich nicht (mehr).

Heike Schlauch, raumhochrosen, Lochau bei Bregenz

(Wojciech Czaja, 14.4.2020)