Im Moment beschäftigt das Coronavirus die Politik und das gesellschaftliche Leben – aber auch Verschwörungstheoretiker.
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Das Coronavirus bietet auch Stoff für neue Verschwörungstheorien: Das Virus sei in Wuhan aus einem Labor ausgebrochen – oder überhaupt ausgesetzt worden, um Impfungen zu vermarkten. Die Handystrahlung habe etwas damit zu tun oder George Soros oder Bill Gates, weil eine Firma, die von seiner Stiftung unterstützt wird, davon profitiere etc. Solche Konstrukte fordern die menschliche Urteilskraft. Darum sind Verschwörungsthemen auch Thema für die Philosophie. Die Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" an der Uni Wien (organisiert von dem Philosophen Konrad Paul Liessmann und der Philosophin Caroline Heinrich in Kooperation mit dem STANDARD) setzte schon im Herbst 2019, also lange vor der Corona-Krise, das Thema Verschwörungstheorien auf das Programm des Sommersemesters. Dann kam Corona. Die Vorträge sind aufgeschoben, das Thema selbst ist aber präsenter denn je.

STANDARD: Welche Funktion erfüllen Verschwörungstheorien?

Heinrich: Verschwörungstheorien erfüllen eigentlich immer dieselbe Funktion: In einer Situation, die man sich nicht erklären kann, die man nicht kontrollieren kann, die als bedrohlich für das eigene Leben empfunden wird, Sicherheit herzustellen, indem man Urheber und Schuldige ausmachen kann. Das Erklären suggeriert, in einer unübersichtlichen Situation den "Durchblick zu haben" und so Kontrolle zurückzugewinnen. Was die Sache schwierig macht, ist, dass es tatsächliche Verschwörungen gibt – angefangen bei kleinen Intrigen und unzulässig geheimen Absprachen – und dass es partikuläre Einzelinteressen gibt, die auf den eigenen Vorteil – ökonomischer oder sonst wie gearteter Natur – ausgerichtet sind. Damit gibt sich der Verschwörungstheoretiker aber nicht ab. Er will nur die "groß angelegte konzertierte Aktion" sehen, durch die er sich, indem er sie vermeintlich durchschaut, selbst überhöht.

STANDARD: Wie lässt sich dies auf das Coronavirus herunterbrechen?

Heinrich: Da zeigt sich, wie Verschwörungstheorien Aufmerksamkeit absorbieren und eine rationale Analyse der Situation danach unmöglich wird. Man könnte sich ja die Frage stellen, ob Einbrüche des Unkontrollierbaren (Viren, Terroranschläge etc.) in einer globalisierten, das radikal Andere ausschließenden und unter das "Gesetz" des Kapitalismus zwingenden Welt nicht eine notwendige Folge sind. Oder, ob die Bedrohung jetzt nicht vor allem in den Ausnahmezuständen liegt, die es heraufbeschwört, dass wir Gefahr laufen, unserer Freiheit beraubt, zwangsweise festgesetzt oder wie Aussätzige behandelt zu werden. Das ist natürlich nicht möglich, wenn man in einer panischen Grundstimmung mit der Frage beschäftigt ist, welche Verschwörung hinter dem Virus steckt und seine Energien darauf konzentriert, nach etwas zu suchen, was sie "beweist".

Auch um die erste bemannte Mondlandung 1969 ranken sich allerlei Verschwörungstheorien.
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STANDARD: Gibt es heute mehr Verschwörungstheorien als früher, oder kriegen sie auf digitalen Kanälen einfach mehr Menschen mit?

Heinrich: Ich denke, dass unsere Zeit für den Glauben an Verschwörungstheorien prädestiniert ist, weil in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen – Medien, Bildung, Politik – zunehmend klassische Differenzen – wahr und falsch, vernünftig und wahnsinnig etc. – verlorengegangen und in Simulationsprozessen aufgelöst worden sind. Das Hauptproblem besteht darin, dass wir zu einer Wahrheit gelangen wollten, die von aller Perspektive gereinigt ist. Weil es diese Wahrheit jedoch nicht gibt, haben wir ein Nichts an Wahrheit zurückbehalten und leere, bedeutungslose Information an ihre Stelle gesetzt. Statt anzuerkennen, dass es absolute Wahrheit nicht geben kann und dass jede Kultur, jede Gesellschaft, perspektivische Maßstäbe der Beurteilung braucht, feiern wir den Ausfall unseres Beurteilungsvermögens als zivilisatorische Errungenschaft – und wundern uns dann über reaktionäre Ansprüche auf Wahrheit.

STANDARD: Welchen Einfluss haben die neuen sozialen Medien auf Verschwörungstheorien? Das US-Außenministerium bzw. das Global Engagement Center hat analysiert, dass zwischen 20. Jänner und 10. Februar in sieben Prozent aller Tweets über das Coronavirus aus US-Amerika – mehr als zwei Millionen Meldungen – Falschinformationen enthalten waren.

Heinrich: Sicher lassen sich Verschwörungstheorien durch die neuen sozialen Medien ziemlich einfach und schnell verbreiten. Man muss aber zwischen Falschinformationen und Verschwörungstheorien unterscheiden. Denn es gibt zwar Verschwörungstheorien, die im Kern auf Falschinformationen beruhen, aber auch andere. Zu Ersteren gehört zum Beispiel die Theorie von einer jüdischen Weltverschwörung. Die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion", die sie belegen sollte, waren bekanntermaßen keine Protokolle, sondern literarische Plagiate, was bereits 1935 von einem Berner Gericht festgestellt wurde. Auch die heute populäre Verschwörungstheorie des "Bevölkerungsaustauschs" arbeitet zum Teil mit gefälschten Belegen wie manipulierten, nachbearbeiteten Fotos. Aber es gibt eben auch Verschwörungstheorien, die nicht auf gefälschten Dokumenten beruhen.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind für Verschwörungstheoretiker bis heute Anlass für krude Ideen.
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STANDARD: Welche meinen Sie?

Heinrich: Das lässt sich zum Beispiel bei vielen Verschwörungstheorien feststellen, die sich um 9/11 ranken. Das Problem besteht hier nicht darin, dass etwas als Tatsache behauptet wird, was keine Tatsache ist, sondern dass verschiedene Tatsachen bereits von der Vorannahme aus betrachtet werden, dass eine Verschwörung vorliegt. Das heißt, nur für jemanden, der bereits eine "verschwörungstheoretische Brille" aufgesetzt hat, kann z. B. eine Tatsache wie die, dass eine Nachrichtensprecherin vor dem faktischen Einsturz von WTC 7 von diesem Einsturz berichtete, zu einem Indiz für eine Verschwörung werden. Das heißt: Auch wenn Verschwörungstheorien unwahr sind, sich im Laufe der Geschichte noch keine Verschwörungstheorie jemals als zutreffend herausgestellt hat, so ist die Form ihrer Unwahrheit anders als bei der reinen Falschinformation. Da zeigt sich, dass eine Überprüfung der als wahr behaupteten Tatsachen allein nicht weiterhilft. Die verschwörungstheoretische Perspektive im Ganzen muss einer Kritik unterzogen werden.

STANDARD: Was braucht eine krude Idee eines Einzelnen, damit aus ihr eine echte, große Verschwörungstheorie werden kann?

Heinrich: Dazu braucht es zunächst ein großes Ereignis oder eine Kette kleinerer Ereignisse, die von vielen als unerklärlich und bedrohlich empfunden werden, und eine imaginierte Gruppe von Verschwörern, gegen die möglichst viele bereits Ressentiments hegen, z. B. Kommunisten, Juden, die CIA etc. Von großem Vorteil ist es dann, wenn man diesen ein irgendwie plausibles Motiv unterstellen kann. Zudem gilt: Je böser die angeblichen Verschwörer dargestellt werden, umso größer die Attraktivität der Verschwörungstheorie. Soll diese intellektuell anspruchsvoll sein, empfiehlt sich die häufige Verwendung von Analogieschlüssen. Außerdem sind eine Fülle von "Beweisen" anzuführen, inklusive Aussagen von Leuten, die nicht in Verdacht stehen, Anhänger einer Verschwörungstheorie zu sein, also etwa Aussagen bestimmter Experten, die sich zu bestimmten Sachfragen äußern. Und dann sollte man sich selbst als jemanden darstellen, der nur Fragen stellt und begründeterweise die "offiziellen Darstellungen" in Zweifel zieht.

STANDARD: Wie weit funktioniert die menschliche Vernunft oder Urteilskraft als verlässliches Bollwerk gegen absurde, oft gemeingefährliche Verschwörungstheorien?

Heinrich: Sie funktioniert verlässlich, wenn sie geschult wird. Eine Auseinandersetzung mit dem Unsinn – und Verschwörungstheorien sind ja nur eine Form von Unsinn – kann heilsam sein. Ludwig Wittgenstein sagte: "Der Philosoph ist der, der in sich viele Krankheiten des Verstandes heilen muss, ehe er zu den Notionen des gesunden Menschenverstandes kommen kann." Verschwörungstheorien können als "Krankheit des Verstandes" verstanden werden. Zugleich sollte sich eine Gesellschaft der Bedeutung, die eine Schärfung des Urteilsvermögens besitzt, prinzipiell bewusst sein. Vieles weist aber in die entgegengesetzte Richtung: In der Bildung ersetzt die abgefragte Kompetenz das begründete Urteil, und es werden Systeme etabliert, die das für den Beurteilungsprozess notwendige Gefüge der Zeit auflösen. Das ist bei allen möglichen Verfahren von Precognition, zum Beispiel dem Einsatz von Drohnen oder von Computerprogrammen, die die Reihenfolge von Straftat und Strafverfolgung aufheben. Daher halte ich nichts davon, über Verschwörungstheoretiker nur die Nase zu rümpfen. Verschwörungstheorien sind immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. (Lisa Nimmervoll, 10.04.2020)

Philosophin Caroline Heinrich lehrt an der Uni Wien.
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