Danke ans NHS und dessen Schlüsselarbeitskräfte – eine Welle geht durch das Land.
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"Bleibt daheim! Beschützt das NHS! Rettet Leben!" Jeden Tag flimmert der dreiteilige Slogan, dieser Imperativ der britischen Regierung, über die Bildschirme der Nation.

Das Gesundheitswesen – auf Englisch: National Health Service (NHS) – beschützen, dessen Zweck doch eigentlich die Versorgung und Heilung der Bevölkerung ist? Gewiss liegt es in der Logik der Pandemiebekämpfung, die Krankenhäuser vor einer Covid-19-Überforderung zu bewahren. Beklatscht werden Ärztinnen und Krankenpfleger auch anderswo. Nirgendwo sonst aber genießt das Gesundheitssystem selbst so totemistische Bedeutung wie das NHS auf der britischen Insel.

"We love NHS", "Thank you NHS" – Kinder malen zu Tausenden Regenbogen, aus Nordlondoner Einfamilienhäusern hängen Transparente, und alle tragen diesen Slogan. In anderen Ländern lieben die Menschen ihre nächsten Angehörigen, gelegentlich sogar das Vaterland. Die Briten, so scheint es, lieben ein System.

Einigendes Band für die große Mehrheit

In einer durch und durch säkularen Gesellschaft, in der Institutionen wie Parlament, Kirche oder Polizei vom Sockel gestoßen wurden, dient die allgemeine Gesundheitsversorgung, neben der Monarchie, als einigendes Band für die große Mehrheit – boshaft ließe sich auch sagen: als heilige Kuh, für die man im Zweifelsfall nicht nur Geld, sondern auch Freiheit und sogar das Leben opfert. Dafür gibt es drei wichtige Gründe.

Erstens genießt das NHS im Vereinigten Königreich hohes Ansehen, allen vielbeschriebenen Krisen seit seiner Gründung durch Clement Attlees Labour-Regierung 1948 zum Trotz. Das liegt vor allem am ehernen Prinzip der Kostenfreiheit: Briten und legal im Land lebende Ausländer erhalten akute Behandlung, ohne Geldbeutel oder Versicherungskarte zücken zu müssen; behandelt wird gemäß der medizinischen Notwendigkeit, nicht nach dem finanziellen Vermögen der Patienten. Für die Finanzierung sorgen zu 87 Prozent die Steuerzahler, der Rest stammt aus Gebühren und Sozialabgaben.

Längst kann von einem "nationalen" System nicht mehr die Rede sein, die Regionalregierungen von Schottland, Wales und Nordirland treffen ihre je eigenen Entscheidungen. Sie alle aber hängen am Tropf des Londoner Gesundheitsministers, derzeit Matthew Hancock. Der hat seine Infizierung mit Sars-CoV-2 binnen weniger Tage abgeschüttelt, anders als Premier Boris Johnson, der aber immerhin vor dem Osterwochenende nach drei Tagen wieder von der Intensiv- auf eine Normalstation verlegt werden konnte.

Irgendwo im Norden Londons manifestiert sich die Liebe zum NHS in Form eines Transparents.
Foto: Sebastian Borger

Bei jeder Wahl gehört das NHS zu den Themen, die von den Bürgern als vordringlich gekennzeichnet werden. Das führt, zweitens, zu einer starken Politisierung. Jahrzehntelang – und häufig erfolgreich – hat die Arbeiterpartei das NHS als Wahlkampfthema benutzt und den Tories um die Ohren geschlagen. Nicht immer zu Unrecht wurden seit 1948 die auch jetzt wieder seit zehn Jahren regierenden Konservativen beschuldigt, sie würden das Gesundheitswesen aushungern oder allzu stark für private Anbieter öffnen und damit den allgemeinen Gleichheitsgrundsatz verletzen. "Beschützt das NHS!" – das war, in mancherlei Variationen, eine klassische Aufforderung von Labour an seine Wählerschaft.

Johnson kapert den Slogan

Sich den Slogan zu eigen gemacht zu haben, das gehört zu Boris Johnsons größten Errungenschaften. Bei früheren Wahlen entschieden sich die Briten trotz ihrer Vorbehalte gegen deren Gesundheitspolitik für die Tories. Beim vergangenen Urnengang im Dezember gelang dem Premierminister und seinem Beraterteam um Dominic Cummings das eigentlich Undenkbare: Umfragen zufolge hielten mindestens so viele Wähler die Regierungspartei für kompetent im Umgang mit dem NHS wie Labour, teilweise lagen die Konservativen sogar vorn.

Mit dem Versprechen neuer Rekordinvestitionen sowie der Rekrutierung von Zehntausenden neuer Ärzte und Krankenschwestern baute der einstige Brexit-Vormann auf der Leave-Kampagne auf. Deren Erfolg im EU-Austrittsreferendum basierte nicht zuletzt auf der (sachlich falschen) Behauptung, das Königreich müsse wöchentlich 250 Millionen Pfund (285 Millionen Euro) in die Brüsseler Gemeinschaftskasse beisteuern. "Wir sollten das Geld lieber dem NHS geben" – dieser Slogan beeindruckte damals Umfragen zufolge viele Unentschlossene.

Außenminister Dominic Raab, der den erkrankten Premierminister Boris Johnson vertritt, und Schatzkanzler Rishi Sunak applaudieren allabendlich den Ärzten, Pflegern und anderen Mitarbeitern des NHS.
Foto: AFP/POOL/HENRY NICHOLLS

Im Dezember 2019 scheint das Versprechen viel zu Johnsons Erfolg beigetragen zu haben, in der neuen Legislaturperiode allein in England den rund 280.000 Krankenschwestern und -pflegern 50.000 weitere hinzuzufügen. Bei genauerer Betrachtung stellte sich zunächst heraus, dass die imposante Zahl 18.500 Menschen enthielt, die schon jetzt im NHS arbeiten, aber dem bisherigen Trend folgend in den kommenden fünf Jahren ihren Job verlassen würden. Völlig unerwähnt blieb der Brexit-Effekt: Wegen des schlechteren Pfundkurses und tatsächlicher oder auch nur eingebildeter Feindseligkeit gegenüber Ausländern haben Tausende von Fachkräften aus anderen EU-Staaten der Insel den Rücken gekehrt. Beseitigt werden soll also ein Missstand, den Johnson und seine Brexit-Jünger den Briten selbst eingebrockt haben.

Milliardeninvestititionen

Weil die Opposition noch weniger überzeugend wirkte, gaben auch viele einstige Labour-Wähler den Konservativen ihre Stimme und begründeten dies nicht zuletzt mit den versprochenen Milliardeninvestititionen in das NHS. Millionen von Briten machten sich damals und machen sich heute große Sorgen um ihr Gesundheitssystem – womit der dritte Hauptgrund für dessen zentrale Bedeutung im kollektiven Bewusstsein der Briten benannt ist. Patient ist, so scheint es, weniger die hinfällige Tante Myrtle oder der Asthma-kranke Teenager Kevin: Dauerpatient ist vielmehr das System an sich.

Beispiele gefällig? Im Normalfall sollen höchstens 85 Prozent der verfügbaren Hospitalbetten belegt sein. Seit 2012 liegt das NHS dauerhaft über dieser Kennzahl. Krebskranke, Herzleidende oder Schlaganfall-Opfer warten wochen- und monatelang auf Termine bei Spezialisten sowie die nötige Nachsorge. Blutuntersuchungen, Krebs-Vorsorgeuntersuchungen, Ernährungstipps – alle Formen präventiver Medizin werden höchst zögerlich praktiziert. Erfahrene Praktiker raten Verwandten und Bekannten zur Quengelei oder direktem Schwindel, um beispielsweise die andernorts übliche Darmkrebsvorsorge für über 55-Jährige zu ergattern.

Selbst wenn das Vereinigte Königreich nach langem Zögern und zunächst falscher Vorgehensweise am Ende noch einigermaßen glimpflich aus der Pandemie hervorgeht, wird sich am Dauerproblem NHS nichts ändern. Schließlich wird die Bevölkerung genau wie anderswo immer älter, gleichzeitig immer anspruchsvoller – ja, sie wächst sogar, was die Insel von den europäischen Nachbarn unterscheidet. Womöglich braucht die Gesundheitsversorgung weniger Liebeserklärungen oder Schutzbeschwörungen, sondern schlicht mehr Geld.

Ernüchternde Zahlen

Ein Zahlenvergleich bestätigt die Diagnose. Den aktuellsten verfügbaren Zahlen der OECD für 2018 zufolge wendete das Königreich 9,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Gesundheitsversorgung auf, deutlich weniger als Österreicher (10,3), Deutsche (11,2) und Schweizer (12,2). Pro Kopf der Bevölkerung tritt der Unterschied noch klarer zutage. Die Aufwendungen für jeden Bewohner der Insel lagen bei 4.070 US-Dollar (3.735 Euro), in Österreich bei 5.395, in Deutschland bei 5.986 und in der Schweiz bei 7.317 Dollar, jeweils umgerechnet auf die Kaufkraft.

NHS-Mitarbeiterinnen vor dem Chelsea and Westminster Hospital lassen sich applaudieren – und fallen selbst in den Applaus ein.
Foto: REUTERS/Kevin Coombs

Bekanntlich wird auch in den Nachbarländern stets gern über die Gesundheitsversorgung gejammert. Vielleicht belassen es die Briten deshalb bei Liebeserklärungen. Sollten sie aber wirklich mehr Geld in die Hand nehmen wollen, müssen die Steuern steigen.

Den Politikern, die ihren Bürgern ungeschminkt diese einfache Rechnung präsentieren, kann man schon vorab nur Glück wünschen. Denn die Erfahrung zeigt: Beim Griff in den Geldbeutel findet die Liebe für ein abstraktes System rasch ihr Ende. (Sebastian Borger, 10.4.2020)