Dua Lipa, Jimi Tenor und Charles Lloyd liefern, auf dass die Krise keine musikalische werde!

Foto: AP / Jimi Tenor / imago/ZUMA Press

Empress Of – I'm Your Empress Of

Wenn Hot Chip Britney Spears' I'm a Slave 4 U produziert hätten, hätte es wohl so geklungen wie Empress Ofs Give Me Another Chance. Die Lead-Single vom dritten Album der Amerikanerin mit honduranischen Wurzeln lockt die Hörer auf den schwülen Dancefloor. So war man es von Lorely Rodriguez, wie die Gute mit bürgerlichem Namen heißt, nicht immer gewohnt. Ihr Debütalbum Me, ein ganz hervorragendes, aber deutlich kühleres Werk aus der Sparte feministische Kammerelektronik, hat nicht unbedingt vermuten lassen, dass die Empress doch etwas für die Disco überhat. I'm Your Empress Of überzeugt zwar auch mit ruhigeren Stücken (Should've; Hold Me Like Water), entdeckt aber nun die Körperlichkeit im Synth-Hagel. (abs)

Lorely Rodriguez tanzt um eine zweite Chance an.
Empress Of

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Dua Lipa – Future Nostalgia

Gäbe es nicht Wichtigeres, müsste einem die Britin Dua Lipa fast leidtun. Zwar schnappte sie sich Platz eins in den UK-Charts, ihr zweites Album Future Nostalgia hätte aber ohne Corona-Krise noch einmal ganz anders eingeschlagen. Hits, wo das Ohr hinhört, die an die glorreichsten Zeiten einer Madonna und Kylie Minogue erinnern und trotzdem eigenständig sind, soweit man das im Mainstream-Pop sagen kann. Dort macht den Meister das Zitat, und so finden sich die bunten 80er und 90er fulminant referenziert wieder. Na dann, zurück in die Zukunft! (abs)

Farbenfroh in Bild und Ton: Mainstream-Pop mit Retro-Note.
Dua Lipa

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Nicolás Jaar – Cenizas

Nicolás Jaar hatte schon die Krise, als Corona noch in einer nichtsahnenden Fledermaus steckte. Sein aktuelles Album Cenizas entstand in freiwilliger Selbstisolation. Wer nun in unfreiwilliger Selbstisolation nach Musik zur Erbauung sucht, sollte einen ganz großen Bogen um den neuen Jaar machen. Zwar ist Cenizas fantastisch, sicherlich das Beste, Ehrlichste und Dringlichste, das der chilenisch-amerikanische Experimentalelektroniker je gemacht hat, Freude macht es aber grad keine. Eher klingt Cenizas wie eine zweifelnde Pilgerfahrt zum Kern einer dunklen Seele. Ein existenzielles Album, zum Durchhören gemacht, wenn man's denn aushält. (abs)

Isolationsmusik, wie für die Krise gemacht.
OTHERPEOPLE

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Rowland S. Howard – Teenage Snuff Film

Verklärung in full force. Wenn zurzeit die zweite Wiederauflage von Rowland S. Howards Debütalbum Teenage Snuff Film überall als ein wahnsinnig wichtiges Album besprochen wird, müsste selbst sein Schöpfer bitter lachen. Auch Mick Harvey als an dessen Entstehung Beteiligter berichtet, dass das Album damals kaum registriert worden war. Was Howards Gemüt weiter verdunkelte. Rowland S. Howard war Gitarrist der Birthday Party. Wie Harvey ein Nick-Cave-Wegbegleiter der ersten Stunde, brach die Verbindung aber weitgehend ab, nachdem Cave seine Solokarriere einschlug, dazu Bad Seeds rekrutierte und Howard sitzen ließ.

Als der sich 1999 zu diesem Album aufraffte, war die Welt längst woanders. Die erste Auflage war gering und bald weg. Über die Jahre und nach seinem Tod 2009 entstand aber ein Mythos. Nun wurde TSF von Mute und Fat Possum neu aufgelegt. Es ist eine verwegene Nachtfahrt um Noir-Themen mit schaurigem Humor und dem verwegenen Slide- und Noise-Spiel Howards. Ein Song wie Exit Everything ist tatsächlich groß. Fans des Cave-Universums kennen es ohnehin, Konvertierte und Spätgeborene erwartet ein solides Werk mit ein paar Ausreißern nach oben. Das extrem einflussreiche Werk, als das es heute mancherorts besprochen wird, ist es nicht. Dazu war Howard als Songwriter nicht stark genug. (flu)

Rowland S. Howard: Blues-Noir und Leberschaden.
Mel S

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Thundercat – It Is What It Is

Der zwischen Jazz und Hip-Hop traumwandelnde Bassist Stephen Lee Bruner alias Thundercat wurde als Sideman von Kendrick Lamar oder Flying Lotus bekannt. Auf seinem neuen und mittlerweile vierten Album gibt es diesbezüglich keine neuen Ausrichtungen zu vermelden. Mit Gästen wie Childish Gambino spielt er an den Grenzen des klassischen Funk und dessen, was daraus geworden ist, eingängige Songs, die ein wenig direkter als zuletzt klingen. Alles sehr souverän – aber auch ohne den notwendigen Irrsinn, ohne Überraschung, wiewohl Fusion oder der Synthie-Funk der 1980er eingemeindet werden. Am Ende jazzelt es oft einfach eine Spur zu verspielt, zu angeberisch vielleicht. Nennen wir es Jazz-Problem. Oder Problem-Jazz. (flu)

Thundercat: Viele Noten.
Thundercat - Topic

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Robert Forster – Calling From A Country Phone / Danger in the Past

Noch ein Australier, der sich einer Solokarriere hingab, nachdem seine Band sich aufgelöst hatte. Die ersten beiden Soloalben des Singer-Songwriters Robert Forster von den Go-Betweens wurden soeben neu und im Falle von Country Phone erstmals auf Vinyl aufgelegt. Auch hier hatte bei Danger In The Past Mick Harvey die Finger im Spiel.

Forster fand sich 1990 im bayerischen Exil frisch verliebt gut zurecht und ergab sich genussvoll der Möglichkeit, erstmals ein ganzes Album mit eigenen Songs von vorne bis hinten ausrichten zu können. Klassisches Songwriting, exquisit produziert, kein Tand, kein unnötiger Ton.

Country Phone ist drei Jahre später in Australien erschienen. Ein lichtdurchflutetes Album mit Sixties-Touch, allerdings mit dem für Forster typischen Twist ins Persönliche und zart Schräge. Beide Werke sind als poppige Folk-Arbeiten ausgezeichnet gealtert und mit jeweils einer 7"-Single mit Bonus als Kaufanreiz ausgestattet. Hinzu kommen neue Linernotes und – im Falle von Country Phone – gar ein neues Cover-Artwork. (flu)

Erstamals auf Vinyl: Rober Forsters zweites Soloalbum Calling From A Country Phone. (Hier noch mit dem alten Cover-Artwork).
rinose1

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The Necks – Three

Wer sich einmal auf sie eingelassen hat, kommt nicht mehr von dieser Musik los. Zwischen Improvisation und gut austarierten Kompositionen, die gern einmal die 20-Minuten-Grenze sprengen, produziert das australische Trio The Necks seit über 30 Jahren wunderbar warm swingende, groovende und frei fließende Stücke und Alben. Zwischen "Jazz" ohne Soli und atmosphärischem Postrock, oft auch an die Spätwerke der britischen Band Talk Talk um Mark Hollis erinnernd, ist Chris Abrahams am Klavier und an der Orgel, Lloyd Swanton am Bass und Tony Buck am Schlagzeug mit Three wieder ein Meisterwerk gelungen. Eine beste Band der Welt. (schach)

The Necks zwischen "Jazz" ohne Soli und atmosphärischem Postrock.
TheExileonmainstreet

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Arca – @@@@@

Das neue Album des venezolanischen Wahl-New-Yorkers Alejandro Ghersi alias Arca besteht aus einem einzigen, 62 Minuten langen Stück. Ein harter Brocken, den man sich erst einmal erarbeiten muss. Live wie in den Videos geht es nicht nur um devianten Sex und dystopische Grundstimmungen. Man hört dazu auch geschredderte und holprige Laptop-Beats, pastorales Kunstlied, Noise und nervöse Verbeugungen vor alten Arbeiten von Aphex Twin. Es tauchen auch immer wieder neoklassizistische Klänge auf. Atemberaubend wie verstörend. (schach)

Ein harter Brocken, den man sich erarbeiten muss. Zahlt sich aber aus!
Arca

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Gorillaz – Aries

Im dritten Teil ihres Projekts Song Machine haben sich Britpop-Held Damon Albarn und seine Comic-Band Gorillaz nach Rap-Jungstar Slowthai und einer Punky Reggae Party namens Momentary Bliss sowie dem Afro-House-Song Désolé mit Sängerin Fatoumata Diawara nun für Aries einen alten Helden geladen. Bassist Peter Hook von Joy Division und New Order und die junge Sängerin und Drummerin Georgia legen mit Aries den besten New-Order-Song seit mindestens 20 Jahren vor. Der signifikant-bärbeißige Melodiebass von Hook ist dabei die halbe Miete. (schach)

Der beste New-Order-Song seit mindestens 20 Jahren.
Gorillaz

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Jimi Tenor – NY, Hel, Barca

Die Lizenz, um als Sternfahrer zum Saturn aufzubrechen, wechselte aus den Jazz-Händen Sun Ras ausgerechnet in diejenigen eines schmächtigen Finnen. Jimi Tenor aus Lahti gab auf unzähligen Alben den Fela Kuti von der finnischen Seenplatte. In seinen furiosen Stil-Collagen, die Henry Mancini und Robert Hood sich gut und gerne miteinander ausgedacht haben könnten, rast ein Al Green mit rostiger Stimme auf dem Techno-Schlitten durch die Tundra. Take Me Baby war der gar nicht so heimliche Techo-Hit für alle aufgekratzten Loungecore-Besucher in der Arktis! Jetzt gibt es das Frühwerk dieses Andy-Warhol-Klons aus dem hohen Norden auf zwei CDs auszugsweise nachzuhören. NY, Hel, Barca (Bureau B) versammelt Proben exotischer Herrlichkeit (von 1994 bis 2001), komplett nur mit Tonnen von baltischem Orchesterschmalz und brünstigem Barry-White-Gemurmel zu ausgefuchsten Gil-Evans-Scores. Dazu haben Roboter mit bleistiftdünnen Beinchen echten, schmutzigen Sex! Es klingelt und bimmelt, und die Einbauküche bereitet selbsttätig wohlschmeckende Astronautenkost zu, die auch nicht an den falschen Stellen aufträgt. Die Aufnahmen entstanden übrigens für die Labels Warp und Sähkö. (poh)

Das Frühwerk des Andy-Warhol-Klons Jimi Tenor gibt es nun auszugsweise nachzuhören.
Jimi Tenor - Topic

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Kassa Overall – I Think I‘m Good

Ein begnadeter junger Jazzdrummer, der unter anderem schon für Geri Allen und Arto Lindsay die Felle gestreichelt hat, zimmert mit Mitteln des Trap und der neuesten Bass-Musik ein bedrückendes Zeugnis von Klaustrophobie und Isolation. Der Hörer meint, direkt durch Kassa Overalls Kopf zu spazieren. Die fest angezogenen Piano-Saiten drohen zu zerreißen; Overalls Autotune-Stimme gleitet durch wüste Sound-Landschaften, Theo Crokers Flügelhorn öffnet die Tür einen Spalt weit, um einen Blick hinaus ins Reich der Freiheit zu ermöglichen. Jeden Augenblick scheint alles vorstellbar. Alice-Coltrane-Jazz wird in Klangbröseln gewälzt, Pianist Sullivan Fortner steckt ein Chopin-Prelude in den Mixer. I Think I‘m Good (Rough Trade) verhandelt die bipolaren Störungsprobleme eines exzellenten Musikers – und erzählt doch auch von einem kranken Amerika, das seine Bewohner isoliert, segregiert und sie keinen Atem schöpfen lässt. Famoser afroamerikanischer Neo-Expressionismus mit stark erzählerischem Einschlag – und mit einer Voicemail-Botschaft von Angela Davis! (poh)

Famoser afroamerikanischer Neo-Expressionismus mit stark erzählerischem Einschlag.
Brownswood Recordings

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Charles Lloyd – 8: Kindred Spirits

Einer der letzten großen Nestoren des Jazz: Saxofonist Charles Lloyd hatte Mitte März seinen 80er gefeiert. Zur "Party" lud er in seiner Heimatstadt Santa Barbara ins Lobero Theatre – und wie! Die Einspielung 8: Kindred Spirits – Live From The Lobero (Blue Note) ist das Dokument abgeklärter Jazzpoesie. Wie immer präsentiert sich Lloyd auf Basis modaler Strukturen als Saxofon-Lyriker mit dem Hang zu expressiven Zwischentönen. Phrasen packt der Altmeister in zarten Klang, sein Ton hat etwas Flehendes, ohne jedoch resignativ zu sein, und schon gar nicht weinerlich. Aus einem Mix von Schmelz und Schmerz steigen angriffslustige improvisatorische Schlenker auf, ein kreativer Dauerstress, der sich in Sanftheit hüllt. Ein Stilist in Höchstform. (tos)

Einer der letzten großen Nestoren des Jazz: Saxofonist Charles Lloyd.
CharlesLloydVEVO

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Andreas Schaerer – The Waves Are Rising, Dear!

Düster beginnt es: Eine Ursuppe aus komplexen Harmonien und sich ineinander verkeilenden Instrumentalstimmen bringt Drama. Sänger Andreas Schaerer hat auf The Waves Are Rising, Dear! (ACT) raffinierte Arrangements ersonnen, die seine vokalen Ideen umschließen. Schaerers Zugang zum Gesang ist virtuos exzentrisch: Er geht über die Konvention hinaus, bezieht Rezitation ebenso ein wie Scatten und instrumentale Fantasiesprache ein. Aber siehe da! Ein Komponist mit Sinn für Strukturen und Dramaturgie ist er auch. Jazzige Kammermusik mit Hang zu Blechbläsern dominiert, wobei er auch Ausflüge in klassische angehauchte Kammermusik gibt. Mit dabei auch Stücke wie Embraced By The Earth, ein Duett mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani. Es zeigt Schaerer als Balladensänger auf Basis komplexer abstrakter Harmonien. Eine Einspielung im Sinne der Vielfalt. (tos)

Geht über die Konvention hinaus: Sänger Andreas Schaerer.
klemu-film

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Viola Hammer – Places

Die steirische Pianistin zelebriert auf ihrem Solodebüt Places unprätentiöse Erzählkunst: Beschaulichkeit und Verspieltheit finden auf wundersame Art und Weise zueinander und ergeben Momente der Zugänglichkeit, die jedoch nie trivial wirken. Ihre Klaviergeschichten sind Lieder ohne Worte, mitunter schimmert ein bisschen Keith Jarrett durch, wenn Hammer beginnt, Steigerungen zu bauen, indem sie immer impulsiver um ein Riff oder eine melodische Phrase kreist. Diese Leichtigkeit hat auch Tiefe, die Kompositionen als Soundtrack ohne Film zu betrachten wäre ein Fehler. Es sind Charakterstücke an der Schnittstelle von Impressionismus, Romantik und Jazz und Popballade. Bisweilen auch zart mit Elektronik verziert. (tos, 15.4.2020)

Charakterstücke an der Schnittstelle von Impressionismus, Romantik und Jazz und Popballade.
Fievel Music