Ein Anhänger von QAnon im Publikum bei einem Auftritt von US-Präsident Donald Trump.

Foto: Matt Rourke / AP

Unsichere Zeiten waren schon immer ein guter Nährboden für Verschwörungstheorien aller Art. Und das ist in Zeiten der Corona-Krise nicht anders: Die Palette an Behauptungen, die derzeit in Zusammenhang mit Covid-19 kursieren, ist groß. Und das bringt einer ursprünglich aus den USA stammenden Bewegung neuen Aufschwung – und zwar auch in Europa: QAnon.

Vorgeschichte

Der Ursprungsmythos von QAnon geht dabei auf den Oktober 2017 zurück, wie Felix Huesmann für das Redaktionsnetzwerk Deutschland in einem aktuellen Artikel schreibt. Damals meldet sich im Onlineforum 4chan ein anonymer Nutzer zu Wort, der nach eigenen Angaben dem direkten Umfeld von US-Präsident Donald Trump angehört. Dieser nährte die Behauptung, dass Trump in Wirklichkeit ein heldenhafter und genial agierender Kämpfer gegen den "tiefen Staat" sei – eine verschwörerische Gemeinschaft, die die USA fest in ihrem Griff habe.

Die Behauptungen des "Q" genannten Informanten ließen sich dabei an Absurdität kaum überbieten. So erzählte er von einem Netzwerk von pädophilen Politikern bis zu Hollywoodstars, die angeblich Kinder entführen und ermorden würden, um dann aus ihnen eine Lebenselixier namens "Adrenochrom" zu gewinnen – und sich damit verjüngen.

Realitätscheck: Egal

Dass sich die Ankündigungen von "Q" zumeist als falsch erwiesen – so sprach er schon 2017 von einer bevorstehenden Festnahme von Hillary Clinton –, schreckte seine Anhänger, die sich bald "QAnon" nannten, nicht ab. Das "Q" als Symbol ist mittlerweile tief in der rechten Politik der USA verankert und immer wieder im Publikum bei Ansprachen von Donald Trump zu sehen.

Covid-19

Die Verunsicherung rund um Covid-19 nutzt QAnon nun für eine neue Erzählung. In Wirklichkeit handle es sich dabei nämlich um ein raffiniertes Ablenkungsmanöver von Donald Trump, damit dieser endlich in Ruhe mit dem "tiefen Staat" und pädophilen Weltverschwörung aufräumen können. Das mag für viele zunächst absurd klingen, der Zulauf zu QAnon ist aber so stark wie noch nie. So soll einer der populärsten, deutschsprachigen Telegram-Kanäle der Anhänger der Verschwörungstheorie allein in den vergangenen Wochen mehrere zehntausend neue Abonnenten erhalten haben.

Besonders problematisch wird es, wenn sich Prominente als Anhänger von QAnon herausstellen. So sorgte etwa Xavier Naidoo, der erst vor wenigen Wochen wegen rassistischer Aussagen von RTL aus der Jury von "Deutschland sucht den Superstar" geworfen wurde, unlängst mit einem Video für Verblüffung. Darin ist der Sänger zu sehen, wie er unter Tränen davon berichtet, dass "in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit" würden. Zudem forderte er seine Fans dazu auf, nach dem Begriff "Adrenochrom" zu suchen – eine direkte Anspielung auf die QAnon-Verschwörungstheorie.

Reaktion

Experten warnen davor, solche Behauptungen auf die leichte Schulter zu nehmen. So haben QAnon-Anhänger in den USA bereits mehrere Gewalttaten verübt. Die Bundespolizei FBI sieht gar eine wachsende Terrorgefahr durch QAnon und andere Verschwörungstheorien. Auch die Psychologin Pia Lamberty, Co-Autorin des Buchs "Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" warnt vor einer solchen Gefahr. "Wenn man wirklich glaubt, dass es ein Netzwerk an Pädophilen gibt, die Menschen opfern, dann ist Gewalt natürlich die letzte Konsequenz", sagt sie. Solch einer Gefahr könne nur mit intensiver Auseinandersetzung begegnet werden – und zwar vom zivilgesellschaftlichen Bereich bis zur Politik. (red, 13.4.2020)