Die Verbindungen zwischen Russland und China sind in Heilongjiang eng, die Grenze oft schwer zu überwachen.

Foto: Reuters / Huizhong Wu

Peking – Im Nordosten Chinas ist die Grenze zu Russland zur neuen Frontlinie im Kampf der Volksrepublik gegen das Coronavirus geworden. Nachdem die Epidemie als weitgehend eingedämmt gegolten hat, ist die Zahl der Neuinfektionen am Montag auf den höchsten Wert seit fast sechs Wochen gestiegen. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um Menschen, die aus dem Ausland nach China kamen, die Hälfte von ihnen aus Russland.

Die Angst ist groß, dass es zu einer zweiten Infektionswelle in China kommt, das doch gerade damit begonnen hat, die massiven Beschränkungen des öffentlichen Lebens wieder zu lockern. Insgesamt sind derzeit 82.160 Infektionen in der Volksrepublik erfasst. 108 bestätigte Neuinfektionen meldeten die Behörden am Sonntag im chinesischen Kernland. In 98 dieser Fälle wurde das Virus nach China eingeschleppt – zur Hälfte von Chinesen, die aus Russland heimkehrten. Sie kamen aus dem russischen Föderationskreis Ferner Osten, in dem die Hafenstadt Wladiwostok liegt, und passierten Grenzübergänge in der chinesischen Provinz Heilongjiang.

"Unsere Grenze ist lang"

"Wir dachten, unsere kleine Stadt hier wäre ein sicherer Ort", sagt ein Bewohner von Suifenhe, einem Grenzort in Heilongjiang. "Aber einige chinesische Bürger wollen zurückkommen, doch das ist nicht sehr vernünftig." Die Grenze ist dicht – außer für chinesische Staatsbürger. Da ist der Landweg durch die Stadt Suifenhe eine der wenigen Möglichkeiten für Chinesen, Russland zu verlassen. Denn die Regierung in Moskau hat alle Flüge außer Evakuierungstransporten gestoppt.

Die chinesischen Behörden haben die Aus- und Einreisen auf ein Minimum beschränkt. "Aber unsere Grenze ist lang", betont Liu Haitao von der Einwanderungsbehörde. "Und abgesehen von den Übergängen gibt es sehr viele Pässe in den Bergen, Pfade, Fähren und schmale Straßen. Die Situation ist sehr schwierig."

Schärfere Kontrollen

Die chinesischen Städte an der Grenze zu Russland haben ihre Kontrollen verschärft und striktere Quarantänebestimmungen verhängt. So stellen Suifenhe und Harbin, die Hauptstadt der Provinz Heilongjiang, alle Personen, die aus dem Ausland einreisen, für 28 Tage unter Quarantäne. Tests, ob die Menschen bereits infiziert waren und Antikörper entwickelt haben, sind Pflicht. Versammlungen jeder Art sind verboten.

"Ich muss mir keine Sorgen machen", sagt ein anderer Anrainer in Suifenhe. "Wenn es hier im Ort Ansteckungsfälle gäbe, dann wäre ich besorgt. Aber es gibt keinen einzigen. Die kommen alle von der Grenze. Aber sie wurden alle unter Quarantäne gestellt."

In Russland steigt die Zahl der Infizierten rasch an. Am Montag meldeten die Behörden 2.558 Neuinfektionen binnen 24 Stunden – so viele wie nie zuvor an einem Tag. Insgesamt sind damit 18.328 Infektionsfälle und 148 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus registriert – die meisten davon in Moskau. Die russische Hauptstadt liegt zwar weit entfernt von China. Doch flächendeckende Tests sind im größten Land der Erde kaum vorstellbar. Die Dunkelziffer der Infektionen dürfte hoch sein. Und Wladiwostok, die wichtigste Hafenstadt Russlands am Pazifik mit ihren rund 600.000 Einwohnern, ist nur rund 150 Kilometer von der Grenze zu China entfernt. (APA, 13.4.2020)