In komplexer Lage: Dominique Meyer, Direktor zweier Häuser.

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In diesen sonderbaren Tagen, da öffentliches Leben tendenziell im Tiefschlaf ruht, oblag es auch Direktoren, ihren Kulturhäusern Sperrstunde und Dauerschlummer zu verordnen. Dominique Meyer ist in dieser Disziplin ein Direktor für das Guinnessbuch der Rekorde. Bis Saisonende eigentlich noch Chef der Wiener Staatsoper, leitet er parallel längst auch die Mailänder Scala. So musste er "zwei Häuser innerhalb von zehn Tagen schließen", sagt der Franzose, der in Wien Homeworking betreibt, nicht nach Mailand kann und sich "wie eine Telefonzentrale fühlt".

Als selbige muss Meyer mühsam und "diplomatisch Probleme lösen", statt das Ende seiner Wiener Amtszeit zu vollziehen, die bezüglich der Auslastung Rekorde aufstellte, also in der Regel an die 100-Prozent-Marke heranrückte. Was einst mit der Premiere von Cardillac fulminant und noch mit Musikchef Franz Welser-Möst begann, endete also mit Fidelio, der eigentlich drittletzten Premiere dieser Saison.

Kleine Bilanz

Diese Inszenierung von Amélie Niermeyer kann mit ihrem ambitionierten, jedoch nicht konsequent genug belebten Konzept stellvertretend für die gesamte respektable Zeit Meyers stehen. Es mangelte da an Regieglück, dort an Ambition. Führende Vertreter der Zunft wie Stefan Herheim fehlten, Alvis Hermanis hatte kein großes Glück mit Parsifal in der Psychiatrie. Meyer sieht in dem Punkt vieles anders ("da müssten wir seriös reden!"); ohnedies aber ist das zurzeit wohl seine geringste Sorge.

Ohne Proben geht es nicht

Schließlich hatte sich jegliche Hoffnung zerschlagen, in beiden Häusern doch noch etwas an Spielbetrieb retten zu können. In Wien wäre schnell etwas möglich gewesen, da die Staatsoper über ein Ensemble verfügt, das mittlerweile natürlich – samt Orchester – in Kurzarbeit geschickt wurde. "In Mailand wäre das unmöglich, es ist ein Stagionehaus. Man hätte nur etwas servieren können, wenn es geprobt gewesen wäre."

So lenkte Meyer den Blick auf die ferne Zukunft. "Ich sagte: Wir wissen nicht, was wir im Juni machen können. Aber wir können jetzt entscheiden, was wir 2023 und 2024 anbieten. In diese Richtung haben wir dann viel gearbeitet." Sich mit fernen Zukunftsplänen von nahenden finanziellen Einbußen abzulenken wäre hingegen gefährlich gewesen. In Wien entgehen der Staatsoper täglich etwa 130.000 Euro an Einnahmen. Das kommt in Summe jener einen Million Euro nahe, die die Scala pro Woche verliert.

"Wir haben das durchgerechnet, und es ergibt keine angenehme Situation, die Bundestheaterholding wird sicher Geld brauchen. Die Staatsoper hat zwar so gut gewirtschaftet, dass sich keine Katastrophe ereignen wird. Schwarze Zahlen wird es aber nicht geben."

Viele Touristen vermisst

Noch mehr Sorgen bereitet Meyer die Zukunft an beiden Häusern: "Sie wissen, dass wir an die 30 Prozent ausländische Gäste begrüßen. Die werden wohl nicht sofort wiederkommen, und das wird für die neue Wiener Leitung ein Problem werden. Wir haben im Vorjahr 37 Millionen Euro durch Kartenverkauf eingenommen. Wenn sie davon ein Drittel abziehen, ergibt das riesige Summen ..."

In Mailand sei dies genauso ungemütlich. "Auch dort sind es 25 bis 30 Prozent an Touristen. Sie geben viel Geld für die besten Preiskategorien aus. Wir werden sie sicher für Monate verlieren." Zudem käme in Mailand ein Drittel der Einnahmen aus Sponsorengeldern. "Und man kann nicht ignorieren, dass die Wirtschaft keine gute Zeit haben wird. In Italien hegen wir zwar große Hoffnungen bezüglich der Rettungsprogramme. Aber man weiß, dass Italien selbst viele Schulden hat. Und wir sind gewissermaßen am Ende der Kette jener, denen zu helfen wäre."

Alles weggebrochen

Gedanken macht sich Meyer auch über die freiberuflichen Sänger. "Ich hoffe, dass man etwas für sie macht, man kann nicht behaupten, dass sie reich sind. Dass Stars gut verdienen, ist klar, aber nicht die gesamte Realität. Ich denke, man muss Solidarität zeigen. Ich sage zwar immer: Der Portier und der Bühnenarbeiter sind mir genauso wichtig wie die Sänger." Nun sei den Sängern aber durch Absagen alles weggebrochen.

"Eigentlich dürfen wir nichts zahlen, denn die Verträge beinhalten die Klausel ,Höhere Gewalt‘. Wenn die Sänger aber sechs Monate nichts bekommen, ist das schlimm. Zwar ist die rechtliche Grundlage eindeutig. Aber eine entgegenkommende finanzielle Geste wäre wichtig. In Paris und London haben sie eine solche gesetzt. Wir haben schon mit Holding-Chef Christian Kircher und Staatssekretärin Ulrike Lunacek gesprochen. Ich hoffe, dass wir rechtliche Grundlagen bekommen, um etwas zahlen zu können."

Intendant ohne Sänger

"Was sind wir Intendanten schließlich ohne Sänger? Nichts! Wo wären die Einnahmen ohne sie?", fragt Meyer rhetorisch, was auch eine neue Initiative freuen wird, die sich gebildet hat, um die Probleme freiberuflicher Sänger auch auf EU-Ebene zu diskutieren, wie der Kurier berichtet. So könnte Meyer das Sängerthema auch dann erhalten bleiben, wenn er Wien längst verlassen hat.

Er wäre wohl gerne geblieben. Stolz auf das Streamingangebot der Staatsoper, das nun besonderen Zulauf hat, nimmt er die Art und Weise, wie er nicht verlängert wurde, manchem übel. An sich aber habe er "die Zeit genossen! Wissen Sie, was ein guter Applaus in Paris ist? Fünf Minuten! Hier sind es 15. Manchmal kann man hier keine Wurst kaufen, ohne einen Ratschlag zu bekommen. Und ich konnte von der Votivkirche bis zur Oper nicht gehen, ohne angesprochen zu werden. Es waren Teppichverkäufer, Kutscher oder Polizisten. Aber sie waren immer lieb. Und ich habe das Wort Franzose in den Jahren nur viermal im schlechten Sinne gehört!"

Möge es in Mailand so werden, wenn in der geplagten Stadt dereinst wieder Normalität einzieht. (Ljubiša Tošic, 14.4.2020)