Kommenden Mai hätte ich im Rahmen einer Vorlesungsreihe an meiner Universität einen Vortrag über Arbeitspolitik halten sollen. Dann kam Corona. Die Präsenzlehre an der Universität wurde eingestellt; die genannte Vorlesungsreihe findet nun virtuell statt. Anstelle meiner Präsentation werde ich den Studierenden einen Mitschnitt meines Vortrags aus dem Vorsemester zusammen mit Folien und Literatur digital zur Verfügung stellen. Ich habe mich damit erstmals gewissermaßen selbst "wegrationalisiert".

Die Episode erinnert mich daran, wie in Großbritannien 2018 aufgrund einer Pensionsreform die Hochschullehrenden in den größten Streik ihrer Geschichte gingen: Prüfungen blieben unbenotet, Vorlesungen entfielen. Mehrere Universitäten machten daraufhin ihren Studierenden Vorlesungsaufzeichnungen aus früheren Semestern verfügbar. Sie lösten damit einen Sturm der Entrüstung bei den Streikenden und eine Debatte über geistiges Eigentum und Machtverhältnisse im digitalen Zeitalter aus.

Corona als Katalysator

Die Corona-Krise wirft Fragen über mögliche langfristige Veränderungen in unserer Gesellschaft auf. Beobachter des politischen Geschehens zeigen sich darüber besorgt, dass wir uns eventuell nicht nur mit dem Virus, sondern auch mit einem neuen Autoritarismus infizieren: Könnten beschnittene Freiheitsrechte und überwachungsstaatliche Begehrlichkeiten die Krise überdauern?

Mit Folgewirkungen sollten wir auch im Bereich der Erwerbsarbeit rechnen. Die Pandemie beschleunigt Entwicklungen, die sich seit langem abzeichnen: Digitalisierung und Telearbeit, Gig-Economy, allumfassender bargeldloser Zahlungsverkehr, autonomer Transport und automatisierte Produktion. Evolutionstheoretiker sprechen von einem "unterbrochenen Gleichgewicht", wenn ein Ereignis zu einer sprunghaften Diskontinuität in einer sonst graduell verlaufenden Entwicklung führt. Corona "unterbricht" in diesem Sinn die Evolution der Erwerbsarbeit.

Risiken und Folgewirkungen

Viele Augen sind derzeit auf die Explosion der Arbeitslosigkeit als auffälligste Unterbrechung gerichtet. Sie ist die Folge eines Arbeitsverbots für ganze Branchen – nicht Arbeitslosigkeit im bisher geläufigen Sinn. Es besteht daher die Hoffnung auf rasche Erholung, sobald politische Normalität eingekehrt ist.

Ob Teambesprechungen oder Kurse – wegen Corona findet alles nur mehr online statt.
Foto: REUTERS/ Albert Gea

Wird damit alles zum Alten zurückkehren? Das bezweifle ich. Viele Organisationen investieren in technologische Infrastruktur, um dem gestiegenen Bedarf an Tele-Aktivitäten gerecht zu werden. Das Internet etabliert sich noch stärker als Schauplatz für Kultur, Sozialkontakte, Wirtschaft, Politik – selbst der traditionsreiche Maiaufmarsch der Arbeiterbewegung soll virtuell stattfinden. Wer Produkte für den digitalen Ausnahmezustand anbietet, geht gestärkt aus der Krise hervor: Microsoft meldet Rekord-Nutzungszahlen, die Videokonferenz-Plattform Zoom freut sich über einen Börsensprung, Amazon stellt hunderttausende Arbeitskräfte in der Lagerabwicklung ein. Selbst kleine Geschäfte und Restaurants rüsten mit Onlineversand nach. Im arbeitsmarktpolitischen Diskurs wird das bedingungslose Grundeinkommen salonfähig. Und Tätigkeiten in der Pflege oder im Handel erfahren eine symbolische Aufwertung. Kurzum: Die Gesellschaft übt sich in neue Formen und Wertungen der Arbeit ein.

Ein Blick über den Tellerrand

China zeigt uns die technologische Dimension der Krise. Nicht nur kommen Roboter und Drohnen bei der Seuchenbekämpfung zum Einsatz; chinesische Unternehmen automatisieren wegen des Personalmangels stärker denn je. In der Pandemie sind Menschen verletzlich, Maschinen immun. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Kaushik Basu, äußerte deshalb die Sorge, dass Covid-19 eine "technologische Verschiebung" auf Kosten des bereits geschwächten Faktors Arbeit bedeute.

Corona verdeutlicht uns auch die Verwundbarkeit der arbeitsteiligen Weltwirtschaft. In Europa führt eine schwindende Kapazität, elementare medizinische und Hygieneprodukte wie Beatmungsgeräte und Schutzkleidung herzustellen, zu Engpässen. Wirtschaftliche Interdependenz, das gegenseitige Aufeinander-angewiesen-Sein, galt lange Zeit als Garant für Frieden und Wohlstand. Nun wird der Ruf nach nationaler Unabhängigkeit lauter werden angesichts einer Situation, in der man auf Hilfslieferungen politischer Kontrahenten angewiesen ist und befreundete Staaten einander Gesichtsmasken vor der Nase wegkaufen. In Zukunft werden wir mehr "Reshoring", die Rückholung global ausgelagerter Produktion, erleben. Wer virologische Massentests durchführen will, dem dürfen die Wattestäbchen nicht ausgehen.

Auch diese Tendenz ist nicht neu, die Pandemie beschleunigt sie nur: In dem gerade erschienenen Buch "Disrupted Development" diskutiere ich gemeinsam mit dem britischen Ökonomen Andy Sumner die Zukunft der globalen Arbeit vor dem Hintergrund des technologischen Wandels. Eine erstarkende "Roboterreservearmee", Tendenzen der Deglobalisierung und der Deindustrialisierung stehen im Zentrum unserer Analyse.

Zurück in die Zukunft

Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass Seuchen bestehende soziale Ungleichheiten teils verstärken, langfristig aber eine Vielzahl unvorhersehbarer Folgen zeitigen. Die Pest im Mittelalter löste Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Europa aus, sie beförderte andererseits das Ende der Leibeigenschaft. Die Knappheit an Arbeitskräften aufgrund des Massensterbens schuf einen Anreiz für arbeitssparende landwirtschaftliche Innovationen, die ihrerseits den Boden für die industrielle Revolution bereiteten.

Wenn sich nach der akuten Krisenbewältigung der Staub gelegt hat, werden es langfristige Strukturveränderungen und neue soziale und technologische Gleichgewichte sein, die uns in den kommenden Jahren "beschäftigen" – in welcher Form auch immer. (Lukas Schlögl, 16.4.2020)