Geschäfte mit weniger als 400 Quadratmetern Kundenfläche konnten am Dienstag wieder aufsperren. Impressionen aus der Wiener Mariahilfer Straße
DER STANDARD

Rund 150 Meter war die Schlange lang – und das eine Viertelstunde vor Ladenöffnung. Die Kunden vor einem Baumarkt im 14. Wiener Gemeindebezirk wollten offensichtlich keine Zeit verlieren. Seit rund vier Wochen waren diese, wie auch alle anderen Geschäfte abseits von Supermärkten und Drogerien, geschlossen. Seit Dienstag dürfen Shops mit weniger als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche, Bau- und Gartenmärkte und einige weitere Geschäfte wieder öffnen.

Für Kunden gibt es allerdings neue Regeln, wie ein Mitarbeiter des Baumarktes erklärt, der selbst eine Kappe mit großer Plexiglasscheibe vor dem Gesicht trägt. Diese dürfen nur mehr mit Wagerl in den Markt – und zwar immer nur eine Person pro Einkaufswagen. Außerdem müssen alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen und Abstand zu anderen Kunden halten.

Von Schrauben bis zu Balkonblumen: Bei heimischen Baumärkten herrschte bereits frühmorgens ein großer Andrang.
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Dass das Tragen der Gesichtsmasken für einige noch ungewohnt ist, sieht man gleich mehreren Kunden an: Bei vielen schaut die Nase über dem Stofftuch heraus. Neben Bauarbeitern haben am Dienstag frühmorgens vor allem ältere Personen den Baumarkt gestürmt. "Meine Freundin braucht Hortensien", sagt ein älterer Herr, der ein Wagerl voller Blumenerde vor sich herschiebt, zu dem frühen Einkauf. "Die wartet schon ewig darauf." Sorgen, sich im Baumarkt mit dem Coronavirus zu infizieren, hat der Mann nicht: "Ich schau ja auf den Abstand."

Gleiches erzählt eine Frau, die eigentlich ein Türschloss kaufen wollte, jetzt aber Tomatenpflanzen in ihr Wagerl schlichtet. "Anstecken könnte ich mich ja überall", sagt sie hinter ihrer Atemschutzmaske. Außerdem würden ausreichend Sicherheitsmaßnahmen vorherrschen. Damit gemeint sind beispielsweise die Bodenmarkierungen, die Kunden im ganzen Markt auf Distanz halten sollen. Die Stimmung ist jedenfalls – trotz des großen Andrangs – entspannt.

Zettel mit neuen Regeln in Schaufenstern

Im Gegensatz zum Baumarkt ist auf der Wiener Mariahilfer Straße kaum etwas los. Am Dienstagvormittag waren nur wenige Einkäufer unterwegs. Immerhin bleiben die großen Ketten und Einkaufszentren weiterhin geschlossen. Aber auch viele kleine Geschäfte haben offensichtlich darauf verzichtet, frühzeitig wieder aufzusperren. In beinahe allen Schaufenstern wurden Zettel montiert, um Kunden auf die neuen Regeln hinzuweisen.

"Man merkt schon, dass weniger Menschen unterwegs sind", erzählt eine Verkäuferin in einem Unterwäschegeschäft. Bisher hätten alle Kunden im Geschäft Masken getragen, und auch die Angestellte selbst trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Dieser sei "nicht so angenehm", wie sie sagt, aber natürlich ginge die Sicherheit vor. Abgesehen von den wenigen Kunden hätte sich nicht viel verändert. Nur in der Kabine wird nicht mehr beraten, das sei einfach nicht mehr möglich.

In Österreichs Einkaufsstraßen war am Dienstag relativ wenig los. Die meisten Einkäufer haben Masken getragen.
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Trotz der teilweisen Öffnung des Handels zeigen sich nicht alle Unternehmer glücklich mit der Lösung. Persönlich halte sie den Schritt für verfrüht, sagt etwa Sylvia Moser. Die Geschäftsführerin eines Näh- und Strickgeschäfts im 6. Wiener Gemeindebezirk hat dennoch wieder geöffnet. "Ich muss, die Wirtschaft ist am Boden, und wir Kleinen haben null Chancen."

Immerhin müsse sie nach wie vor ihre Miete bezahlen, sagt die Unternehmerin. "Kulanz gibt es nicht." Sie habe viele Geschäftspartner im Umfeld, die es nicht durch die Krise schaffen würden. Auch sie hätte einen hundertprozentigen Geschäftsausfall erlitten, sagt Moser. Den Härtefallfonds für Kleinbetriebe habe sie zwar beantragt, aber eine Absage erhalten. Nun hofft sie auf rege Kundschaft. Die bleibt zwar nicht aus, rauscht aber schnell wieder ab, wenn Moser erklärt, dass sie keine Gummibänder für selbstgenähte Masken mehr auf Lager habe.

Wenige Passanten in Graz

Auch in der größten Shoppingmeile der steirischen Landeshauptstadt, der Herrengasse, herrschte um die Mittagszeit sonntägliche Betriebsamkeit: Es war ruhig, so als hätten die Geschäfte geschlossen. Nur wenige Passanten – so ziemlich alle mit Nase-Mund-Schutz unterwegs – belebten die sonst stark frequentierte Einkaufsstraße vom Grazer Rathaus bis zum Eisernen Tor. Von einem erhofften Ansturm auf die Innenstadtgeschäfte von Graz konnte jedenfalls keine Rede sein.

Die Modeläden, Confiserie-Shops, Parfümerien und Schuhgeschäfte öffneten zwar weit ihre Pforten, es fanden aber nur vereinzelt Kunden den Weg hinein. Um die Mittagszeit waren die Läden fast ausschließlich von mundgeschützten Verkäuferinnen, die Desinfektionsmittel parat hielten, bevölkert.

In der Grazer Innenstadt war am Dienstagvormittag wenig los.
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Irgendwie "eigenartig" sei es heute morgen gewesen – nach drei Wochen unfreiwilliger Corona-Pause hat Birgit Obermüller ihr kleines Blumengeschäft "Blatt und Blüte" am Ennser Stadtplatz wieder aufgesperrt. Immer noch sei die Stimmung "geisterhaft". Obermüller: "Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich wenig Menschen. Am Stadtplatz ist kaum etwas los. "Die Stammkunden sind an diesem Dienstagmorgen die Ersten, die ins Geschäft kommen. Im direkten, maskenverhangenen Kundenkontakt stehen aber nicht zwingend Flora und Fauna im Vordergrund. Vielen scheint es einfach um das Gespräch zu gehen.

Man hat das Gefühl, das Durchschnaufen, die Erleichterung zwischen den Blüten zu spüren. Gekauft wird die Blumenpracht aber schließlich dennoch. Eine ältere Dame ist froh, endlich ihren Balkon bepflanzen zu können, ein junger Mann ist auf der Suche nach einer blühenden Liebesbotschaft für die Partnerin. Entscheidend sei jetzt, wie sich die Situation weiter entwickle. Obermüller: "Wenn ich normal öffnen darf und die Kunden kommen, dann kann ich höchstwahrscheinlich die drei Wochen Totalausfall dank vorhandener Rücklagen verschmerzen."

Eine Frau in Salzburg bereitet ihr Geschäft auf die Wiedereröffnung vor.
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In der Salzburger Linzer Gasse ist das Kundenaufkommen am Dienstagvormittag eher noch verhalten, obwohl viele der überwiegend kleinen Geschäfte wieder geöffnet haben. Vor der Rupertus-Buchhandlung steht ein Schild, dass maximal zehn Personen eintreten dürfen. Gleichzeitig wird um Geduld gebeten und darauf hingewiesen, die Abstandsregeln einzuhalten. Die Kunden haben selbst Masken dabei und setzen die schon ganz selbstverständlich vor dem Geschäft auf. Drinnen wird geduldig vor den Regalen gewartet, bis die anderen mit dem Schmökern fertig sind.

Auf der anderen Salzachseite am Rathausplatz beim Eingang in die Getreidegasse bildet sich eine lose Schlange vor dem Knopferlmayer. Nur einzeln dürfen die nähbegeisterten Kunden in das kleine Kurzwarengeschäft, in dem es neben tausenden Knöpfen auch anderes Nähzubehör und Handarbeitsutensilien gibt. Heißbegehrt sind auch hier derzeit Gummibänder für die heimische Maskenproduktion. (Nora Laufer, Walter Müller, Markus Rohrhofer, Stefanie Ruep, 14.4.2020)