Vielleicht liegt es der Corona-Krise: Alles zuvor Gewesene scheint bereits der Geschichte anzugehören. An jenem 15. April 2019 probte Emmanuel Macron im Élysée-Palast gerade eine Fernsehansprache zum Thema Gelbwesten. Kurz nach dem ersten Brandalarm von 18.18 Uhr wurde er informiert, Notre-Dame stehe in Flammen.

Der Präsident machte sich sofort auf zur Seine-Insel, wo sich seine Leibwächter einen Weg durch die Menge bahnten. Die Feuerwehr war im Einsatz. Nachdem das hölzerne Dachgerüst und der lodernde Vierungsturm in das Kirchenschiff gekracht waren, gelang es ihr, das Flammenmeer unter Kontrolle zu bringen.

Kurz vor Mitternacht trat Macron vor die Kameras. Die Gelbwesten-Rede war vergessen. "Ich verspreche es feierlich: Diese Kathedrale, wir werden sie wiederaufbauen", gelobte der sichtlich bewegte Präsident. "Weil es die Franzosen so wollen, weil es die Geschichte verdient und weil es unser Schicksal ist."

Vor einem Jahr brannte Notre-Dame.
Foto: AP Photo/Michel Euler

Tags darauf beauftragte Macron bereits einen pensionierten General mit dem Wiederaufbau. Jean-Louis Georgelin ist ein kantiger, lediger Militär, von dem Bekannte sagen, er habe nur einen Fehler: Er singe in der Messe zu laut. Sein neuester Auftrag: Im Sommer 2024, wenn in Paris die Olympischen Sommerspiele anstehen, soll Notre-Dame wieder ihre mächtigen Portale öffnen.

Andere Zeitrechnung

Der General weiß: Eile ist geboten. Doch eine aus dem 13. Jahrhundert stammende Kathedrale gehorcht einer anderen Zeitrechnung. Rasch zeigte sich, dass allein die Räumungsarbeiten fast zwei Jahre in Anspruch nehmen dürften. Denn das 250 Tonnen schwere Renovierungsgerüst, das Notre-Dame schon vor dem Brand umhüllt hatte, ist eingestürzt. Und bis heute wissen die Ingenieure nicht, ob die 10.000 ineinander verkeilten Metallstangen nicht etwa die Steinmauern und das Gewölbe stützen. Das wäre fatal.

Schon im Sommer 2019 wurde zudem ruchbar, dass die Bleipartikel des geschmolzenen Kirchendachs in südwestlicher Windrichtung Straßen, Hausdächer und sogar Schulhöfe verschmutzt hatten. Die Reinigung, die Stein um Stein erfolgen muss, erfordert Monate.

Quarantäne kam dazwischen

Anfang März begannen die Vorbereitungen für die riskante Entfernung des Metallgerüsts. Doch bevor die erste Stange entfernt war, versetzte Macron sein Land in Quarantäne. Auch über Notre-Dame musste General Georgelin einen Baustopp verhängen.

Seither ist die Zeit der Kathedrale ganz angehalten. Der eigentliche Wiederaufbau hätte im nächsten Frühjahr starten sollen. Jetzt dürfte es mindestens Sommer 2021 werden. Das schafft Zeit für die Architekten und interessierte Bürger, sich auf das zukünftige Antlitz der alten Dame zu einigen. Je länger die Debatte dauert, desto eher scheint sich eine klassische Renovation "à l'identique" gegenüber ausgefallenen Ideen wie einer Dachbegrünung durchzusetzen.

Vor einem Entscheid muss aber zuerst einmal die Räumung beendet sein; dann erst kann die Solidität der Bausubstanz geprüft werden. Wann das so weit sein wird, weiß niemand mehr. Denn in der Zwischenzeit ist ein noch viel größeres Malheur über Paris, über Frankreich, ja die Menschheit hereingebrochen. "Was sind schon fünf Jahre", hinterfragt die Zeitung "Le Monde" die ursprünglich geplante Wiederaufbauzeit, "wenn die Bewohner der Altersheime zu Hunderten sterben?"

Corona lässt den Wiederaufbau stillstehen.
Foto: AP Photo/Vivienne Walt

Bomben auf Reims

Alles ist eben relativ, antwortet die steinalte Pariser Kathedrale. Zeit ist relativ, sogar das Unglück ist relativ. Notre-Dame hat es immerhin überlebt, besser sogar als so manches Bauwerk ihrer Art. Die weltberühmte Kathedrale von Chartres etwa entstand im 12. Jahrhundert auf den Ruinen einer heruntergebrannten romanischen Vorgängerin; und die nicht minder imposante Schwester in Reims, in der einst Frankreichs Könige gesalbt wurden, kassierte im Ersten Weltkrieg 250 feindliche Bomben ein.

All diese gotischen, himmelsstrebenden Basiliken haben überlebt. Gewiss ist alles relativ, aber nach dem Unheil renken sich die Dinge wieder ein; nach der Katastrophe geht das Leben weiter. Auch das ist die Lehre von Notre-Dame, die die Frage umdrehen könnte: Was sind schon ein paar Wochen Ausgangssperre, verglichen mit acht Jahrhunderten Existenz im geografischen und geistigen Mittelpunkt einer ebenso alten Nation? (Stefan Brändle aus Paris, 15.4.2020)