Discokugel oder Abrissbirne? Für viele Wiener Clubs schaut die Lage trist aus.

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"Hochfahren" klingt wie der Name einer recht lustigen Partyreihe. Aber hochgefahren wird am Dancefloor gerade nichts, nicht einmal langsam. Party geht eben nur ganz oder gar nicht. Die Clubs gehörten zu den Ersten, die ob Corona schließen mussten. Sie werden zu den Letzten gehören, die wieder aufsperren dürfen. Veranstaltungen sind bis 30. Juni untersagt, kaum jemand rechnet damit, dass vor Herbst irgendetwas passiert, viele befürchten, dass es im ganzen 2020er-Jahr keine großen Veranstaltungen mehr geben wird. Seit Mitte März dreht sich also keine Discokugel, kein Rubel rollt.

Die Vienna Club Commission, die Clubs und Veranstaltern zur Seite steht, fasst die Problematik zusammen: "Es gibt kaum Rücklagen, wie so oft im Kulturbereich wird teils prekär gearbeitet. In der Clubkultur kann nichts die Verluste auffangen, also kein Streaming, keine Werke und kein Merchandising. Die Ausfälle liegen deshalb oft bei 100 Prozent. Und das ohne Perspektive, wann man wieder aufsperren kann. Der Handel hat diese Perspektive durch gute Lobby schnell bekommen, Kultur muss sich leider anstellen."

Streams als zweischneidiges Schwert

Alle, vom Security über den Kellner bis zum Garderobenpersonal, sind betroffen. Aber auch DJs wie Antonia XM, die normalerweise in Clubs und auf Festivals spielen. Als Tour-DJ für die österreichische Hip-Hop-Künstlerin Keke, die in den kommenden Monaten fast jedes Wochenende Auftritte gehabt hätte, hätte sie den größten Teil ihres Einkommens verdient, ihre Club-Gigs und ein geringfügiger Job in einem Theater sorgen normalerweise für zusätzliches Geld – alle drei Standbeine: weg. Auch sie weicht ins Internet aus. Eine zweischneidige Sache, wie sie erzählt:

"Die Livestreams sind ja alle gratis. Es ist nicht einmal mehr nötig, Eintritt in einen Club zu zahlen, da dir der Club nach Hause gebracht wird. Im Moment verdient damit aber niemand etwas. Positiv ist, dass sich sehr viele Leute diese Clubstreams anschauen, das Interesse ist da. So entsteht zumindest in einer breiteren Bevölkerung Aufmerksamkeit für Clubkultur."

Interesse groß, Bezahlung nicht vorhanden

Dass es tatsächlich ein sehr großes Interesse für Clubstreams gibt, lässt sich mit Zahlen belegen. Das Berliner Projekt United We Stream, das DJ-Sets, Konzerte und Diskursprogramm aus leerstehenden Berliner Locations sendet, läuft seit einem Monat und konnte mehr als fünf Millionen Aufrufe generieren. Die gesammelten Spenden – bis jetzt um die 350.000 Euro – sind für die Rettung der Berliner Clubs bestimmt.

United We Stream wurde schnell auch auf andere Großstädte ausgeweitet. Die Vienna Club Commission, die das Projekt in Wien leitet, ist mit den 140.000 Facebook-Views beim ersten Stream aus dem Werk zufrieden. Die zugehörige Spendenaktion hat allerdings erst 1200 Euro eingespielt. Damit lässt sich freilich kein Club retten.

Sich über den Sommer crowdfunden

Einige Wiener Locations starteten bereits eigene Crowdfunding-Aktionen wie zum Beispiel das Celeste oder das bereits erwähnte Werk. Stefan Stürzer, Chef des Letzteren, will nichts unversucht lassen, um seinen Betrieb zu retten. Über die Maßnahmen der Regierung zeigt er sich frustriert. "Als das Epidemiegesetz außer Kraft gesetzt wurde, habe ich erwartet, dass es etwas Adäquates für die Kulturbranche geben wird, um das Überleben der Betriebe zu sichern. Bis jetzt ist nichts gekommen. 95 Prozent der Mittel, die nun im Raum stehen, sind Stundungen und Kredite. Das ist alles Geld, was verzinst zurückzuzahlen ist. Das ist kein Rettungspaket, das ist eine Augenauswischerei."

Mit seinem Crowdfunding kommt er gerade so über den Sommer. Sollten 2020 gar keine Veranstaltungen mehr stattfinden können, befürchtet er den Tod für weite Teile des Kulturbetriebs. (Amira Ben Saoud, 15.04.2020)