Barrieren stehen in Wuhan nach wie vor.

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In Nordchina häufen sich die Fälle von Infektionen wieder.

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5.000 Yuan, umgerechnet knapp 600 Euro, können sich derzeit Chinesen an der Grenze zu Russland verdienen. Man muss nur einen illegalen Grenzübertritt den Behörden melden, dann wird das Geld ausbezahlt. Ein Tipp oder wichtiger Hinweis wird mit knapp der Hälfte entlohnt. So will China den jüngsten Outbreak innerhalb der Landesgrenzen unter Kontrolle bringen.

Chinas Grenze zu Russland ist von einer Asymmetrie geprägt: Während der sibirische Osten Russlands immer mehr entvölkert – gerade einmal sechs Millionen Menschen leben noch in der Region –, drängen sich diesseits des Armur-Flusses 70 Millionen Chinesen. Viele von ihnen sind längst in russisches Gebiet eingesickert beziehungsweise überqueren die Grenze regelmäßig zu privaten und geschäftlichen Zwecken.

Sperre über Grenzstadt verhängt

In der Provinz Heilongjiang, im unwirtlichen Nordosten des Landes, wurden am Montag und Dienstag 91 "reimportierte Fälle" gemeldet – chinesische Staatsbürger, die sich angeblich in Russland infiziert hatten. Über die Grenzstadt Suifenhe wurde daraufhin eine Sperre verhängt. Auch in der Provinzhauptstadt Harbin wurde die Alarmstufe von niedrig auf mittel erhöht.

China hat ein vierstufiges Warnsystem für die Covid-19-Seuche entwickelt. Auf der aktuellen Stufe darf pro Haushalt nur eine Person alle zwei Tage das Haus verlassen. Landesweit waren es am vergangenen Mittwoch 46 bestätigte Neuinfektionen, davon 36 importierte.

Schuld sind die anderen

Die Regierung versucht seit einiger Zeit die Seuchenproblematik auf das Ausland zu schieben, um so vom eigenen Versagen abzulenken. So dürfen seit dem 28. März keine Ausländer mehr in das Land reisen – davon betroffen sind auch Personen, die eine Arbeits- oder Aufenthaltsgenehmigung haben.

Tatsächlich aber richtet sich die Regelung vor allem an die zahlreichen Austauschstudenten und Auslandschinesen – ähnlich wie an der Grenze zu Russland sind es meist chinesische Staatsbürger, die das Virus ins Land bringen. Die aber sind von der Regelung genauso betroffen, da zahlreiche Flüge nun ausfallen.

Vorzeigestadt Wuhan

Gleichzeitig feiert man die Öffnung Wuhans als Propagandaerfolg. Seit dem 8. April dürfen die Einwohner der Elf-Millionen-Stadt wieder das Haus verlassen und reisen. Tatsächlich aber bestehen noch massive Einschränkungen. Essen in einem Restaurant ist nur möglich, wenn man eine Gesundheits-App mit grünem Sticker vorweisen kann. Geschäftsinhaber klagen über Barrieren aus Plastik und Bambus, die während des Lockdowns errichtet wurden, um Straßen zu blockieren, aber bis heute nicht weggeräumt wurden.

Auch Reisen ist nur bedingt möglich. Täglich dürfen nur 1.000 Menschen die Stadt verlassen oder betreten. Wer zum Beispiel von Wuhan nach Peking mit dem Zug fahren möchte, muss sich via App um ein Ticket bewerben. Das Los entscheidet, wer eines erhält. Wer Glück hat, muss beim Verlassen der Stadt wie auch bei der Einreise nach Peking einen Corona-Test machen. Auch bei negativem Ergebnis folgen zwei Wochen strikte Quarantäne.

Eine Folge der Regierungspropaganda ist eine zunehmende Xenophobie in der chinesischen Bevölkerung. In Schanghai und Peking häufen sich Berichte über Restaurants, die Ausländern den Zutritt verwehren. In der südchinesischen Stadt Guangzhou kam es unterdessen zu Diskriminierung der schwarzafrikanische Gemeinde: Tausende Afrikaner wurden teilweise nachts aus ihren Wohnungen geholt und zu Covid-19-Tests gezwungen. (Philipp Mattheis, 17.4.2020)