Am Samstag sind in Hannover 47 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus griechischen Flüchtlingslagern angekommen.

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Berlin – In Deutschland sind am Samstag 47 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus griechischen Flüchtlingslagern eingetroffen. Die Minderjährigen seien an Bord eines Flugzeugs aus Athen in Hannover gelandet, teilte das Innenministerium mit. Sie werden demnach zunächst für eine zweiwöchige Quarantäne in Niedersachsen untergebracht und sollen dann auf die Bundesländer verteilt werden. Die Minderjährigen kommen dem Ministerium zufolge aus Afghanistan, Syrien und Eritrea und lebten zuletzt in Flüchtlingslagern auf den Inseln Lesbos, Samos und Chios.

Innenminister Horst Seehofer erklärte, es sei erfreulich, dass trotz der schweren Belastungen durch die Coronavirus-Krise die ersten unbegleiteten Kinder aufgenommen werden konnten. "Dies ist das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen und intensiver Gespräche mit unseren europäischen Partnern." Deutschland stehe zu seiner Zusage und setze damit ein konkretes Zeichen europäischer Solidarität. "Ich gehe davon aus, dass unsere europäischen Partner damit beginnen, ihre Zusagen nun ebenfalls sobald wie möglich umzusetzen."

Hilfsorganisation fordern mehr Engagement

Die Ausreise der Kinder und Jugendlichen könne nur ein Anfang sein, wenn es darum gehe, die völlig überfüllten und unzumutbaren Camps auf den griechischen Inseln zu entlasten, sagte der deutsche Repräsentant des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Frank Remus, der dpa. Sie seien jetzt zwar in Sicherheit, aber auch in einer fremden Welt, ohne Gewohntes und ohne vertraute Menschen. Sie seien in Deutschland eingetroffen. "Wann sie auch in Deutschland ankommen, hängt von hilfreichen Händen und offene Herzen ab."

Kritik an der geringen Zahl der Aufgenommenen übte die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. "Wortgewaltig wird das Totalversagen der Staaten Europas kaschiert", erklärte Geschäftsführer Günter Burkhardt. "Tausende müssten aus der Hölle Morias evakuiert werden", verlangte er mit Blick auf das größte der Lager auf der Insel Lesbos. Er drängte vor allem auf die Aufnahme aller Flüchtlinge, die bereits Angehörige in Deutschland haben.

Auch die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision forderte "die sofortige Evakuierung aller Kinder und Schutzbedürftigen aus den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln". Angesichts der akuten Gefahr einer Corona-Infektion in den Camps könne es nicht bei einer Aufnahme der etwa 50 Kinder in Deutschland bleiben, erklärte der Vorstandsvorsitzende Christoph Waffenschmidt. Allerdings sei dies "ein erster wichtiger Schritt".

Österreich nimmt keine Flüchtlingskinder auf

Insgesamt haben sich zehn EU-Staaten bereiterklärt, rund 1.600 unbegleitete Minderjährige von den griechischen Inseln aufzunehmen, davon etwa 350 in Deutschland. Unter anderem wegen der Corona-Krise hatte sich die Hilfsaktion wiederholt verzögert.

Österreich ist bei der Evakuierung Minderjähriger aus Griechenland nicht dabei, in der türkis-grünen Bundesregierung schließt die ÖVP ein Mitmachen dezidiert aus. Innerkoalitionär gebe es zu dem Thema aber fortgesetzt Gespräche, sagte die grüne Vizeklubobfrau Ewa Dziedzic am Mittwoch. (Reuters, APA, red, 18.4.2020)