Springer-Kremser: "Bei Frauen gelten emotionale Unstimmigkeiten nicht als Schwäche, sondern als ein Leid."

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Marianne Springer-Kremser.

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Die Verhaltensmuster von Frauen werden deutlich schneller als "krank" bezeichnet, sagt die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Marianne Springer-Kremser. Auch die Pathologisierung von Frauen in Zusammenhang mit Gewalt ist noch immer ein Problem, das sich in der aktuellen Krise noch verschärft.

STANDARD: Das Thema Mehrfachbelastung ist derzeit insbesondere für Frauen durch den eingeschränkten Betrieb der Schulen und Kindergärten groß. Warum hängt an Frauen noch immer die Doppelbelastung?

Springer-Kremser: Das hat viel damit zu tun, welche persönliche Lebenslerngeschichte man hinter sich hat, zum Beispiel in welche Art Beziehung man sich begibt. Es gibt also schon auch eine persönliche Beteiligung. Aber es ist auch nach wie vor so, dass im Unterschied zu Männern bei Frauen Verhaltensweisen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken pathologisiert, also als krankhaft bezeichnet werden. Das ist eine alte Geschichte.

STANDARD: Haben Sie ein Beispiel?

Springer-Kremser: Allein die Abweichung vom medizinisch definierten Normalzustand wird immer wieder infrage gestellt. Frauen werden sehr viel häufiger als Männer als depressiv diagnostiziert, was sich später oft als völlige Fehldiagnose herausstellt.

Eine Frau Anfang 20 kam als Patientin zu mir, sie leide unter Schlafstörungen. Ein Arzt hat ihr heftige Antidepressiva verschrieben, doch es hatte sich herausgestellt, dass sie sich in der Nacht einfach mit anderen Dingen beschäftigt hat und daher nicht schlafen kann. Oft wird mit Patientinnen kein Wort geredet, rasch ein Medikament – häufig werden Antidepressiva und/oder Beruhigungsmittel verschrieben.

STANDARD: Sie erwähnen die persönliche Beteiligung. Es ist doch sehr schwer auseinanderzuhalten, was die gesellschaftlichen Strukturen bedingen und was die eigenen Wünsche sind.

Springer-Kremser: Ja, das ist komplex. Aber viele sind sich nicht über das Ausmaß von Abhängigkeiten im Klaren, das sich oft erst später zeigt. Es spielt auch eine große Rolle, was man im eigenen Elternhaus erlebt hat.

STANDARD: Es gibt in Österreich einen deutlichen Anstieg der Anrufe bei der Frauen-Help-line, die Gewalt gegen Frauen ist auch leicht angestiegen. Warum ist das ein so schwer zu bewältigendes Problem?

Springer-Kremser: Man darf nicht vergessen, dass der weibliche Lebenszyklus für viele Männer sehr geheimnisvoll ist. Die Macht, die viele Männer im privaten Bereich ausüben, hat sehr viel damit zu tun, dass sie Angst haben und beunruhigt sind. Man weiß, dass in Irland generell viel getrunken wird, aber noch mehr, wenn die Menschen ihre Arbeit verlieren. Das ist auch eine Situation, die wir jetzt haben: Viele Männer sind jetzt zu Hause.

Für Machtausübung ist der Beruf oft ein gutes Feld. Wann die aber in der Arbeit nicht mehr möglich ist, wird sie auf zu Hause umgelenkt – und die Opfer sind dann Frauen und Kinder. Aber nicht alle Männer sind machtgierig, so einfach ist es nicht. Doch der Verlust der Arbeit spielt derzeit eine große Rolle.

Frauen sind auch nach wie vor versteckter Gewalt im sozial erlaubten Bereich ausgesetzt. Denken wir nur an die gewalttätigen Aspekte in der Reproduktionsmedizin, noch immer gibt es Widerstand gegen die Fristenregelung. Es geht dabei nur darum, die Macht der Frauen einzuschränken.

STANDARD: Sie sagen, auch von Gewalt betroffene Frauen werden stark pathologisiert. Wie drückt sich das aus?

Springer-Kremser: Indem einfach behauptet wird, sie seien selbst schuld. Sie kennen sicher den Spruch gegenüber Kindern, wenn man ihnen Gewalt in die Schuhe schiebt: "um die Watschn betteln". Eine Abzweigung zur direkten Gewalt gegenüber Frauen ist die Diagnostizierung als depressiv. Frauen werden medikalisiert, es wird ihnen gesagt, sie brauchen Medikamente. Es ist unglaublich, wie viel mehr Frauen im Vergleich zu Männern als depressiv diagnostiziert werden: Bei Frauen sind es zehn bis 25 Prozent, bei Männern fünf bis zwölf Prozent. Die Behandlung sind dann oft Antidepressiva, die zum Teil kontraproduktiv sind oder Nebenwirkungen haben, die gern verschleiert werden.

STANDARD: Inwiefern wird zu voreilig von "depressiv" gesprochen?

Springer-Kremser: Trauer ist zum Beispiel eine völlig normale Reaktion auf einen Verlust, und man kann vieles verlieren: eine liebgewonnene Person, den Kontakt zu einer solchen, man kann auch Inhalte oder Wertesysteme verlieren, bei Frauen zum Beispiel die Fähigkeit zur Reproduktion. Das ist eine Potenz, egal ob eine Frau noch mit 50 Kinder haben wollte. Ein Mann, ob er will oder nicht, er könnte! Trauer wird schnell vom gesellschaftlichen Umfeld mit "Du gehörst in Behandlung" oder "Du bist depressiv" kommentiert. Klar ist aber auch: Es gibt natürlich Menschen, die eine gut begleitete medikamentöse Therapie brauchen. Wie und worauf man reagiert, das gehört von einem Fachmann, einer Fachfrau gut begleitet. Antidepressiva werden auch oft von Allgemeinmedizinern verschrieben, keineswegs nur von Fachärzten.

STANDARD: Es heißt aber oft, dass Frauen sich bei psychischen Leiden eher Hilfe holen als Männer. Kann die höhere Zahl an Depressionsdiagnosen nicht auch damit zusammenhängen?

Springer-Kremser: Ja, manche Frauen – nicht alle – sind vielleicht eher bereit, sich Hilfe zu organisieren, und sie erleben das nicht nur als Schwäche, wie es für viele Männer noch der Fall ist. Jede Art emotionaler Unstimmigkeiten wird als Schwäche ausgelegt, und dafür ist nicht unbedingt ein Arztbesuch indiziert. Bei Frauen gilt das nicht als Schwäche, sondern als ein Leid.

STANDARD: Die Ratgeberindustrie wendet sich stark an Frauen. Oft geht es darum, wie sie trotz gesellschaftlicher Zwänge funktionieren oder wie sie sich aus diesen befreien können. Was halten Sie davon?

Springer-Kremser: Als ob es so einfach wäre, sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Die gesellschaftlichen Strukturen sind ja auch mit Fakten wie den finanziellen Möglichkeiten behaftet. Ich denke, wenn jemand etwa durch eine Therapie die Möglichkeit hat, sich selbst besser kennenzulernen, dann ist das schon sehr viel. Man kann sich nur helfen, wenn man sich selbst kennt – ein bisschen zumindest.

STANDARD: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie bedauern, dass sich die Psychoanalyse mehr und mehr aus gesellschaftspolitischen Bereichen zurückzieht. Können Sie das genauer erklären?

Springer-Kremser: Ja, das ist schade. Die Freud'sche Psychoanalyse bietet keine Ad-hoc- und simplen Erklärungen – das ist unbequem. Aber die Art des Denkens, die die Psychoanalyse fordert, setzt sich allmählich in vielen Teilen der Gesellschaft durch: dass man hinterfragt und Dinge nicht einfach als gegeben hinnimmt. Meine Arbeit in der psychosomatischen Frauenambulanz hat mich sehr geprägt. Dort sahen und untersuchten wir viele Frauen mit minimaler Schulbildung, aber sie konnten trotzdem synthetisch und analytisch denken, und man konnte sehr gut mit ihnen arbeiten. Genau das gehört gefördert, die Fähigkeit zu denken. (Beate Hausbichler, 20.4.2020)