Am vergangenen Donnerstag stürzte in Wien ein siebenjähriges Mädchen vor den Augen seiner Geschwister, zwei und vier Jahre alt, aus dem Fenster. Seitdem liegt es im Koma. Die Eltern waren einkaufen gegangen, die Kinder versuchten ihnen durch das Fenster "nachzukommen".

Fenster üben auf Kinder eine große Faszination aus. Sind sie geöffnet, ist der Drang, die Welt da draußen zu entdecken, groß.
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Der Verein "Große schützen Kleine" an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz appelliert eindringlich an Eltern: "Übertragen Sie Ihrem Kind in diesem jungen Alter niemals die Verantwortung für jüngere Geschwister, und montieren Sie versperrbare Fenstergriffe!"

Unter fünfjährige Buben am häufigsten betroffen

Peter Spitzer vom Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins "Große schützen Kleine" weiß: "Das typische Kind, das aus dem Fenster stürzt, ist laut langjähriger Betrachtung unter fünf Jahre alt (75 Prozent) und männlich (65 Prozent). Jeder zweite Fenstersturz passiert demnach im zweiten und dritten Lebensjahr. Rund jeder sechste Fenstersturz endet tödlich. Entscheidend sind natürlich hauptsächlich die Fallhöhe und die Beschaffenheit der Aufprallstelle. Der Fenstersturz kommt vor allem bei Mehrparteienhäusern vor. Ab dem dritten Stock steigt die Todesrate signifikant an, ab dem vierten Stock ziehen sich 80 Prozent der Kinder tödliche Verletzungen zu."

Fensterstürze und Stürze aus der Höhe passieren das ganze Jahr hindurch. Dennoch lässt sich ein Höhepunkt in den Monaten Mai bis September ausfindig machen. In der jetzigen "Corona-Zeit", wo die Kinder fast immer zu Hause sind, ist die Fenstersturzgefahr natürlich noch größer.

Holger Till, Präsident von "Große schützen Kleine" und Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie, warnt: "Fenster üben für Kinder eine große Faszination aus. Sind sie geöffnet, ist der Drang, die Welt da draußen zu entdecken, groß. Bei einem Kleinkind ist der Kopf im Verhältnis zum restlichen Körper doppelt so groß und schwer wie bei einem Erwachsenen. Es besteht also die große Gefahr, dass das Kind über alles, das niedriger als auf Nabelhöhe ist, leicht vornüberkippen kann."

Mangelndes Gefahrenbewusstsein der Jüngsten, Risikolust der Älteren

Im Gegensatz zum Fenstersturz, der vorwiegend bei Kleinkindern passiert, betreffen andere Stürze aus der Höhe vor allem ältere Kinder und Jugendliche. Diese verunfallen beim Erklettern von Balkongeländern und Fabriksdächern.

Sicherheitstipps für Eltern:

  • Montieren Sie versperrbare Fenstergriffe. Diese können einfach nachgerüstet werden und sind in Möbelhäusern, in Baumärkten sowie in diversen Onlineshops günstig zu erwerben.
  • Ziehen Sie den Schlüssel ab und bewahren Sie ihn für Kinder unerreichbar auf. Eine Alternative zu versperrbaren Fenstergriffen sind Fensterriegel aus Plastik oder Metall, die am Fensterrahmen angebracht werden.
  • Stellen Sie sicher, dass sich Ihr Kind beim Lüften nicht alleine im Raum aufhält – nehmen Sie es in einen anderen Raum mit und behalten Sie es immer im Auge.
  • Insektengitter und Katzengitter/-netze bieten keinen Schutz vor Fensterstürzen. Erklären Sie Ihren Kindern, dass sie sich niemals gegen diese lehnen dürfen.
  • Sichern Sie auch Balkontüren mit versperrbaren Griffen oder Riegeln und lassen Sie Kinder nicht alleine auf dem Balkon spielen.
  • Übertragen Sie Kindern niemals die (alleinige) Aufsicht für jüngere Geschwister.
  • Achten Sie darauf, dass keine "Aufstiegshilfen" wie Sessel, Couch, Spielkisten et cetera direkt an Fenstern stehen. Da sich dies nicht immer vermeiden lässt, ist die Fenstersicherung die wichtigste Vorsichtsmaßnahme, die Leben retten und schwere Verletzungen vermeiden kann. (red, 20.4.2020)