Chinas Vorgehen gegen die Epidemie unter Staats- und Parteichef Xi Jinping wird international kritisiert.

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Die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, Italiens und Spaniens haben die Gefahren unterschätzt und viel zu spät, oft zögernd, auf die Corona-Krise reagiert. Das irrlichternde Krisenmanagement von Donald Trump liefert fast täglich die Beweise für den Niedergang der westlichen Führungsmacht und gefährdet vor allem Gesundheit und Zukunft des US-Volkes. Nur Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro vermag bei der Irreführung der Bevölkerung des größten Landes Lateinamerikas mit ihm zu konkurrieren.

Vor diesem düsteren internationalen Hintergrund gibt sich nur ein Land bereits als strahlender Sieger: die Volksrepublik China, geführt von dem weisen Staats- und Parteichef Xi Jinping. Mit einer atemberaubenden Ablenkungskampagne soll die Überlegenheit des "chinesischen Modells" auch im Kampf gegen das Virus bewiesen werden. China, heißt es, hat das Virus daheim besiegt, jetzt hilft das Land der ganzen Welt mit Hilfslieferungen von medizinischen Gütern. Dass nun die Zahl der Corona-Toten in Wuhan, dem Zentrum der Epidemie, um die Hälfte auf 3819 erhöht und als "technische Korrektur" verniedlicht wurde, wirkt in diesem perfekten digitalen Überwachungsstaat ebenso wenig glaubwürdig wie die früheren Vertuschungsversuche. Die Triumphpropaganda aus Peking kann immer weniger über die bedenkliche Rolle Chinas als Ursprungsland des Virus und die verhängnisvollen grenzüberschreitenden Folgen der anfänglichen Verschleierungstaktik hinwegtäuschen.

Unabhängige Untersuchung

Die Berichte, wonach das Virus entgegen der offiziellen Darstellung nicht von einem Wildtiermarkt, sondern von einem großen staatlichen Forschungslabor stammen könnte, haben den internationalen Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung des Ursprungs des Virus und auch des Verhaltens der Weltgesundheitsorganisation WHO gewaltigen Auftrieb gegeben. Statt der vom deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller geforderten "vollkommenen Offenheit" intensivieren die chinesischen Medien und Diplomaten die diversen Verschwörungstheorien, wonach das Virus durch US-Soldaten nach Wuhan gebracht worden sei.

Das Narrativ, dass das autoritäre Regime Xi Jinpings die Epidemie viel schneller und effektiver bekämpft habe als die liberalen Demokratien, kommt abgesehen von den kritiklosen Bewunderern der "starken Hand" in der internationalen Öffentlichkeit nicht gut an.

Humanitäre Katastrophe

Im Februar dieses Jahres schrieb der (inzwischen verhaftete und spurlos verschwundene) Pekinger Professor für Rechtswissenschaft Xu Zhangrun in einem Essay (vgl. Frühjahrsheft von Lettre International) über die wahren Zustände in China: "Hinter verriegelten Straßen und Türen ereignen sich humanitäre Katastrophen, die an mittelalterliche Zustände erinnern. Der Grund liegt darin, dass die Staatsgewalt auf allen Ebenen erst die Redefreiheit beschneidet, Tatsachen verheimlicht und die Bevölkerung betrügt, anschließend die Verantwortung abschiebt und die Verdienste anderer für sich in Anspruch nimmt." Die korrupte Parteiführung habe die Epidemie zu lange auf sämtlichen Ebenen verschwiegen und damit ein ethisches, soziales, politisches und wirtschaftliches Desaster angerichtet. (Paul Lendvai, 21.4.2020)