Chequers, der Landsitz britischer Regierungschefs. Hier erholt sich derzeit Boris Johnson.

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Der Landsitz Chequers gehört zu den erfreulichen Aspekten des Jobs als britischer Premier. Viele Amtsinhaber haben die Annehmlichkeiten des Herrenhauses samt Tennisplatz und Pool zum Ausgleich vom anstrengenden Job geschätzt. Derzeit erholen sich Boris Johnson und seine schwangere Verlobte Carrie Symonds dort von ihren Covid-19-Erkrankungen; beim 55-Jährigen ging es in der Karwoche eigenen Angaben zufolge um Leben und Tod, was die Rekonvaleszenz besonders wichtig macht.

Inzwischen erhalte der Regierungschef wieder tägliche Updates, gelegentlich auch Besuch seiner engsten Berater, hieß es am Montag aus der Downing Street. Gleichzeitig mehrt sich in London die Kritik von Presse und Opposition sowie von Gesundheitsfachleuten am Vorgehen der britischen Regierung in der Corona-Krise. Im Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Haben Johnson und sein Team die Anfänge der Pandemie zu Jahresbeginn ernst genug genommen? Und: Sind Vizepremier Dominic Raab und das Kabinett in Abwesenheit des Chefs den Problemen gewachsen und zu eigenen Entscheidungen fähig?

Es fehlt an allem

Experten und Praktikern reißt angesichts der aktuellen Misere zunehmend der Geduldsfaden, im Mittelpunkt der Kritik stehen fehlende Schutzkleidung (PPE) und zu wenig Tests auf Sars-CoV-2. Zudem bestehen anhaltende Zweifel daran, ob die Zahl der an Covid-19 Erkrankten und Verstorbenen von der Regierungsstatistik korrekt wiedergegeben wird.

Immer wieder haben Minister vollmundige Ankündigungen gemacht, die sich als leere Versprechen herausstellen. Man solle den verunsicherten Mitarbeitern an der Corona-Front keine falschen Hoffnungen machen, sagte Chris Hopson von NHS Providers: "Vergangene Woche sollten aus China 200.000 Kittel eintreffen, in Wirklichkeit waren es 20.000." Insgesamt werden im NHS täglich 150.000 Einwegschutzmäntel verbraucht.

Auf Bitte Johnsons soll sich nun Lord Paul Deighton als "PPE-Zar" um die Beschaffung und die korrekte Verteilung der Schutzkleidung kümmern. Der frühere Investmentbanker diente dem damaligen Londoner Bürgermeister als Leiter der Behörde, die für die zeitgerechte Organisation von Olympia 2012 in London zuständig war. Solche Berufungen von externen Fachleuten seien richtig, lobte Labour-Vorgänger Tony Blair, aber auch für andere Bereiche notwendig. Dazu zählt etwa das Problem der fehlenden Corona-Tests. Seit Beginn der Pandemie stolpert das Vereinigte Königreich in dieser Hinsicht hinterher. Dabei soll es nicht an der Kapazität mangeln, heißt es. In der Praxis aber werden Betreuer von Kranken und Alten noch immer dazu aufgefordert, rund 80 Kilometer ins nächstgelegene Testzentrum zu fahren.

Wenig Hilfe für Altenheime

Mehr und mehr stellt sich heraus, dass die Anstrengungen der Regierung ganz auf die Bedürfnisse des Nationalen Gesundheitssystems NHS konzentriert waren; der weitgehend privat betriebene Sektor von Alten- und Pflegeheimen, in denen mehr als 400.000 Menschen leben, blieb sich selbst überlassen. Erst als die Statistikbehörde ONS alarmierende Daten veröffentlichte, nahm die Regierung die Covid-19-Toten außerhalb von Krankenhäusern zur Kenntnis. Noch immer aber wird die tägliche Statistik auf jene beschränkt, die in Spitälern versterben. Laut der Vereinigung von Altenheimbetreibern liegt die Zahl um mindestens 4300 Menschen höher.

Offenbar rächt sich, dass die Reaktion des Premierministers auf die Ankunft des Coronavirus in Großbritannien zögerlich ausfiel und zunächst von Großsprecherei übertüncht war. In der Einsamkeit von Chequers wird Johnson nun nachdenken müssen, ob das Virus nicht eine Neuaufstellung seines Teams und seines eigenen Regierungshandelns erzwingt – viele erwarten einen Umbau. (Sebastian Borger aus London, 20.4.2020)