Benannt wurde das Weltraumteleskop nach dem großen US-amerikanischen Astronomen Edwin Hubble. Hört man nur das Wort "Hubble", hat man jedoch unwillkürlich Bilder wie dieses im Kopf.
Foto: NASA

Du weißt, dass du es geschafft hast, wenn dich die Welt unter deinem Vornamen kennt, verkündete die NASA einmal. Und erhob damit das Hubble Space Telescope – oder eben schlicht Hubble – in den Rang einer popkulturellen Ikone wie Elvis oder Cher. Andere Teleskope, ob im Weltraum oder am Boden, mögen für ihre Leistungsfähigkeit gewürdigt werden. Hubble aber wird geliebt.

Stotterstart

Einer der Gründe dafür ist die uramerikanische Geschichte vom Loser, der es doch noch schafft. Nachdem das Teleskop vor genau 30 Jahren, am 24. April 1990, in den Weltraum gebracht worden war, bereitete es als erstes nämlich eine gewaltige Enttäuschung. Wegen eines Konstruktionsfehlers am 2,4 Meter großen Hauptspiegel lieferte es nicht wie erhofft kosmische Panoramen von bis dato ungeahnter Qualität, sondern nur unscharfe Bilder.

Spott und Hohn folgten – wer beim nächtlichen Zappen über eine Wiederholung des Leslie-Nielsen-Films "Die nackte Kanone" stolpert, wird in einer Szene sehen, wie Bilder des Hubble-Teleskops, der Titanic und der Hindenburg an der Wand eine Galerie des Scheiterns bilden. Aber diese kurze Phase der Schmach hat Hubble längst hinter sich gelassen.

Mit Hubble blicken wir ins Universum – und hier scheint das Universum den Blick zu erwidern: Zwei Galaxien befinden sich in Kollision und ergänzen sich zu einem "Gesicht".
Foto: APA/AFP/ESA/Hubble

Die Wende brachte eine Mission im Jahr 1993: Die NASA schickte das Space-Shuttle Endeavour zum Teleskop und ließ die Astronauten eine aufwendige Reparatur durchführen. Der Spiegelfehler konnte mit einer Hilfskonstruktion weitestgehend ausgeglichen werden – dem Teleskop wurde gewissermaßen"eine Brille aufgesetzt", wie es damals hieß. Vier weitere Servicemissionen, die letzte davon 2009, versahen das Teleskop mit zusätzlichen Upgrades.

Und seitdem liefert Hubble atemberaubende Bilder in stetem Strom. Seine Aufnahmen reichen von unserer unmittelbaren Nachbarschaft, also den anderen Himmelskörpern in unserem Sonnensystem, bis zum "Rand" des Universums: Aufnahmen wie das Hubble Deep Field oder das Hubble Ultra-Deep Field zeigen Himmelsregionen, aus denen das Licht 12 bis 13 Milliarden Jahre zu uns unterwegs war. Sie sind damit Fenster in eine Zeit nicht allzu lange nach dem Urknall selbst. Bis heute hat das Teleskop etwa 1,3 Millionen Beobachtungen gemacht, ein Ende ist nicht in Sicht.

Der Blick in immer weitere Ferne wird zur Zeitreise.
Hubble Space Telescope

Und auch das hat zu Hubbles Popularität beigetragen: Es hört nicht auf zu liefern. Menschen schätzen es, wenn technische Geräte über ihre ursprünglich anvisierte Lebensdauer hinaus wacker weiterarbeiten, wie die Mars-Rover Spirit und Opportunity gezeigt haben. Nach Hubble wurden noch Dutzende weitere – kleinere und/oder auf bestimmte Wellenlängenbereiche spezialisierte – Weltraumteleskope ins All gebracht. Und viele davon sind schon längst wieder außer Betrieb, während Hubble weitermacht. Einmal wurde kurz überlegt, es aus Budgetgründen stillzulegen – es folgte ein öffentlicher Aufschrei, und der Plan wurde schnell wieder in einer Schublade versenkt.

Hubble Space Telescope

Einige tausend Studien bauen auf Hubble-Beobachtungen auf, doch das Teleskop gehört nicht allein der Wissenschaft. Die Breitenwirksamkeit der Bilder Hubbles beruht nicht zuletzt darauf, dass das Teleskop ein in jeder Beziehung buntes Universum zeigt. Während man sich früher den Kosmos als Schwärze voller kleiner Lichtpunkte vorstellte, enthüllte Hubble ein Feuerwerk aus wabernden Nebeln und bunt schillernden Supernova-Überresten.

Die Farben, die wir auf den veröffentlichten Fotos zu sehen bekommen, entsprechen freilich nicht ganz dem, was das Teleskop tatsächlich sieht: Hubble nimmt ein breiteres Spektrum wahr als das menschliche Auge, bis in den nahen Infrarot- und Ultraviolettbereich hinein. Die Originalbilder müssen also etwas bearbeitet werden, um "ihre Essenz zu erhalten", wie es Ray Villard vom Space Telescope Science Institute ausdrückt.

Immer wieder ein optischer Genuss: die "Säulen der Schöpfung".
Foto: AP/NASA, ESA/Hubble, Hubble Heritage Team

Das berühmteste dieser Bilder hat als "Säulen der Schöpfung" Geschichte geschrieben. Die 1995 gemachte Aufnahme zeigt einen Ausschnitt des 7.000 Lichtjahre von uns entfernten Adlernebels und ist zu einer Ikone des Weltraumzeitalters geworden – wie auch das Teleskop selbst. Hubble-Bilder zieren nicht nur das übliche Merchandising wie T-Shirts und Tassen. Sie wurden auch schon auf E-Gitarren, Plattencovern und gewagten Kreationen auf der New York Fashion Week gesichtet. "Hubble ist vollkommen von der Popkultur absorbiert worden", sagt David Leckrone, der langjährige Chefwissenschafter des Hubble-Teams.

Ob das stets als "designierter Nachfolger" Hubbles gehandelte James-Webb-Teleskop einen vergleichbaren Kultstatus erreichen wird, steht in den Sternen. Ganz kann es ohnehin nicht in die Rolle Hubbles schlüpfen, da es fast ausschließlich Beobachtungen im Infrarotbereich machen wird – das jedoch erheblich leistungsstärker als Hubble. Sein Start hat sich aber schon über mehrere Jahre hinweg immer wieder verzögert (aktueller Planungsstand: Frühling 2021). Und schon jetzt steht fest, dass Hubble weiterlaufen wird, auch wenn sein "Nachfolger" im All ist.

Wann kommt das Ende?

Nicht die Energieversorgung setzt der Lebensdauer des mit Solarpaneelen ausgestatteten Teleskops eine Grenze, sondern sein vergleichsweise niedriger Orbit. Hubble kreist in knapp 550 Kilometern Höhe. Dort gibt es immer noch einen zwar extrem dünnen Rest von Atmosphäre, der aber ausreicht, um das Weltraumteleskop im Lauf der Zeit abzubremsen und dadurch in einen immer niedrigeren Orbit zu zwingen. Wird nichts unternommen, wird es unweigerlich irgendwann abstürzen. Exakt vorhersagen lässt sich das nicht, es könnte noch in den 2020ern dazu kommen, oder auch erst in den 2040ern.

Hubble Space Telescope

Die vorerst letzte Chance, Hubble aufzusammeln und ihm einen Ehrenplatz in einem Museum auf der Erde einzuräumen, ist mit dem Ende des Space-Shuttle-Programms verstrichen. Derzeit gibt es nichts, mit dem sich der 13 Meter lange und 11 Tonnen schwere Zylinder zur Erde zurücktransportieren ließe. Das könnte sich durch das verstärkte Auftreten privater Raumfahrtbetreiber aber noch ändern.

Einfacher wäre eine Mission, um das Teleskop wieder ein Stück anzuheben, wie es auch die ebenfalls stetig sinkende Internationale Weltraumstation immer wieder tun muss. Noch gibt es keine konkreten Pläne für eine solche mit erheblichen Kosten verbundene Mission, aber die Idee wurde bei der NASA zumindest schon einmal ins Gespräch gebracht. Hubble mag man eben. (jdo, 24.4.2020)

Und hier ist das Bild mit dem Titel "Kosmisches Riff", mit dem die ESA das 30-jährige Jubiläum von Hubble krönt: Es zeigt den riesenhaften Nebel NGC 2014 in der Großen Magellanschen Wolke und links darunter seinen Nachbarn NGC 2020. Die beiden sind Teil einer aktiven Region, in der laufend neue Sterne geboren werden.