365 Häftlinge auf Rikers Island wurden positiv auf das Virus getestet.

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Ein wenig verlegen blinzelt Marcus Brown in die Kamera eines Laptops. Nach ein paar Sätzen fragt er unsicher, ob er eine Pause machen solle oder weiterreden dürfe. Eine Videokonferenz: Anfangs merkt man ihm an, wie ungewohnt das für ihn noch ist. Irgendwann aber legt er jede Zurückhaltung ab und beschreibt sehr emotional, wie er seine letzten Wochen im Gefängnis auf Rikers Island erlebte. "Sie haben uns nie getestet. Wir haben gebettelt und gebettelt, aber getestet haben sie uns nicht." In dem Gebäude, in dem er sich mit anderen eine Gemeinschaftszelle teilte, ließen die Symptome von mindestens zehn der fünfzig Insassen auf Covid-19 schließen. Bis zu dem Tag, an dem er entlassen wurde, sei keiner von ihnen auf das Virus untersucht worden, sagt Brown.

Vom 10. Jänner bis zum 2. April saß der Mittfünfziger auf Rikers Island ein, jener Insel im East River, auf der sich eines der größten und bekanntesten amerikanischen Gefängnisse befindet. 2026 soll die Haftanstalt geschlossen werden, noch aber zählt sie rund viertausend Insassen. Viertausend von 2,2 Millionen, die in den USA hinter Gittern leben, pro Kopf mehr als in jedem anderen Land.

Gegen Bewährungsauflagen verstoßen

Brown musste nach Rikers Island, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. Den genauen Grund nennt Corey Stoughton, die Anwältin, die ihn pro bono vertritt, nicht. Aber es genüge schon, skizziert sie die Ausgangslage, wenn man zu einem Beratungstermin, etwa mit Sozialarbeitern, nicht erscheine, beim Rauchen eines Joints erwischt werde oder einen Drogentest nicht bestehe.

Es ist eine Videoschalte der Fortune Society, einer New Yorker Organisation, die ehemals Inhaftierten beim Neustart in der Freiheit hilft. Brown und Stoughton schildern die Zustände in einem Gefängnis im Zeichen der Epidemie. In den größeren Zellen beträgt der Abstand zwischen den Bettkanten drei Fuß, etwa neunzig Zentimeter. Um "social distancing" zu praktizieren, schlafen die Häftlinge nicht mehr so, dass sie de facto Kopf an Kopf liegen, sondern so, dass sich der eigene Kopf auf Höhe der Füße des Nachbarn befindet. Jeder erhält eine Schutzmaske, allerdings nur eine pro Woche. Desinfektionsmittel sei Mangelware, manche Gefangene mischten Wasser mit Shampoo, um Tische und Türklinken zu desinfizieren, erzählt Stoughton. Wer das gemeinsame Telefon benutze, tue dies nur noch mit Handschuh.

Kein Fiebermessen

Marcus Brown fühlte sich eine Woche vor seiner Entlassung so schlapp, dass er sich zum "sick call" meldete, zur Untersuchung bei einem Gefängnisarzt, zusammen mit fünf weiteren Häftlingen. Bei keinem sei Fieber gemessen, keinem seien Medikamente verschrieben worden, sagt er. "Sie haben unseren Blutdruck kontrolliert, dann ging es zurück in die Zelle." Zwei der fünf seien später positiv auf das Virus getestet worden. Wie schnell sich der Erreger verbreitete, so Brown, habe er daran gemerkt, dass bald immer mehr Zettel an den Türen der Gemeinschaftsräume klebten. Auf denen war zu lesen, dass es sich von jetzt an um einen "isolierten Wohnbereich" handle. Da er in der Küche beschäftigt war und sich relativ frei auf dem Gelände bewegen konnte, habe er gesehen, dass irgendwann an praktisch jeder Tür so ein Zettel hing. Ganz Rikers Island, schlussfolgerte er, stand unter Quarantäne.

Letzteres führte dazu, dass Freilassungen, auch wenn die Behörden sie bereits angewiesen hatten, häufig aufgeschoben wurden. Statt die Insel verlassen zu können, hatte man auf ihr zu bleiben – zunächst für zwei Wochen, denen im Falle neuer bestätigter Infektionen womöglich eine zweite oder gar ein dritte 14-Tage-Verlängerung folgen würde. Die New Yorker Richterin Alison Nathan verglich es mit einer Uhr, deren Zeiger immer wieder aufs Neue zurückgestellt werden, und verfügte in der Causa eines 55-Jährigen namens Gerard Scparta ein Ende der – in ihren Worten – "kafkaesken" Praxis.

Keine Liste über Tests

Nach offiziellen Angaben sind, Stand Mitte vergangener Woche, 365 der 4.000 Häftlinge der Insel positiv getestet worden. Aus anderen Landesteilen werden noch weit bedenklichere Zahlen gemeldet, etwa aus Ohio, wo sich in der Kleinstadt Marion rund 2.000 der 2.500 Insassen einer Strafvollzugsanstalt angesteckt haben. Wie viele Tests es überhaupt auf Rikers Island gab, dazu gibt es vorläufig keine öffentlich zugängliche Liste. Doch schon die amtliche Statistik vermittelt das Bild einer Notlage, die noch akuter ist als die im ohnehin schon hart getroffenen New York. Demnach liegt die Infektionsrate auf dem Eiland um das Siebenfache über dem Durchschnitt der Metropole.

"Es ist ein gefährlicher Ort, und wir bringen immer noch Leute hin, nur weil sie nicht jede Bewährungsauflage befolgten", kritisiert die Juristin Stoughton. Vincent Schiraldi, Experte für Justizreform an der Columbia University, auch er per Zoom zugeschaltet, nennt weitere Zahlen. Demnach wurden seit dem 27. März 41 New Yorker wegen rein technischer Verstöße, wie er es charakterisiert, nach Rikers Island gebracht. "Was wir riskieren", sagt Schiraldi, "ist der Tod von Menschen, die mal einen Termin verpasst haben." (Frank Herrmann aus Washington, 27.4.2020)