Politikwissenschafterin Petra Bernhardt.

Foto: Der Plankenauer

STANDARD: In der Corona-Krise geht es auch sehr stark um Inszenierung. Bekommen Bilder in solchen Phasen eine noch wichtigere Bedeutung, um die erwünschten Signale an die Bevölkerung auszusenden?

Bernhardt: Der Bildbegriff ist sehr breit und umfasst unterschiedliche Gattungen, die über materielle Bilder wie beispielsweise Fotos hinausgehen. Sprachbilder erleben beispielsweise in der momentan Krise eine Konjunktur. Die Unsichtbarkeit der Gefahr macht Bezugnahmen auf andere Bereiche notwendig. Bislang hörten wir Bezugnahmen auf den Sport, etwa "Marathon" und "Team", den Krieg – zum Beispiel "Schlachtfeld", "Feind", "Front" – aber auch den Terror, etwa "Ground Zero", oder Formen von Bewegung wie "auf Sicht fahren" und Naturgewalten – zum Beispiel "Auge des Sturms".

Darüber hinaus ist unter Bezugnahme auf ein technisches Sprachbild immer wieder vom "Hochfahren" des Landes die Rede. Dabei ist auffällig, dass diese Sprachbilder in der Politik oft kombiniert und nicht durchgängig konsistent verwendet werden. Welchen Erfolg diese Versprachlichungen haben und ob sie erwünschte Signale transportieren, kann ich leider nicht beurteilen, da mir eine Datengrundlage fehlt.

STANDARD: Aber das Potenzial ist groß?

Bernhardt: Gerade in sozialen Netzwerken sehen wir, dass Bilder das Potenzial haben, starke Affekte auszulösen – vor allem dann, wenn sie einen Aspekt besonders prägnant zum Ausdruck bringen. Ich denke beispielsweise an ein Cover des Magazins "New Yorker", das virale Verbreitung gefunden hat, weil es die enorme Belastung medizinischen Fachpersonals und die Opfer, die dabei gebracht werden, in einprägsamer Form umsetzt.

STANDARD: Auf der Instagram-Seite des Kanzleramts fällt auf, dass es seit einigen Wochen weniger um Sebastian Kurz geht, sondern viel mehr um Botschaften für die Bevölkerung zum Thema Gesundheit: Sollten sich Politikerinnen und Politiker in solchen Zeiten auch bewusst zurücknehmen?

Bernhardt: Sie haben ganz recht, der Instagram-Account @bundeskanzleramt.gv.at steht momentan ganz im Zeichen der Regierungskampagne "Schau auf dich, schau auf mich". Selbstverständlich nutzt die Regierung nicht nur klassische Medien wie Spots im Fernsehen oder Inserate in Printmedien, sondern auch ihre offiziellen Kanäle wie Websites oder Social-Media-Accounts für eine Verbreitung der Informationen.

Der Instagram-Account des Bundeskanzleramts ist allerdings nicht der einzige Account, über den Sebastian Kurz kommuniziert. Auf Instagram tut er das beispielsweise auch über den Account @sebastiankurz. Dabei wird deutlich, dass die für ihn typischen Situationen visueller Selbstinszenierung durch die aktuelle Krise erheblich eingeschränkt sind. Er kann aufgrund der notwendigen Maßnahmen zum Beispiel keine Amtskolleginnen und Amtskollegen empfangen, ins Ausland reisen oder öffentliche Auftritte mit Publikum absolvieren. Wir bekommen ihn hauptsächlich bei den regelmäßigen Pressekonferenzen der Bundesregierung zu sehen, die auch auf den offiziellen Accounts sichtbar gemacht und durch begleitende Informationskampagnen unterstützt werden.

STANDARD: Sebastian Kurz lässt sich ansonsten von seinem Stab und den Fotografen gerne als Macher inszenieren, der den Ton angibt. Kommt das in Corona-Zeiten noch stärker zum Ausdruck?

Bernhardt: Sebastian Kurz hat aufgrund der aktuellen Gesundheitskrise weniger Möglichkeiten, sich bei öffentlichen Auftritten oder amtstypischen Szenen von seinem Team fotografieren zu lassen. Er wird für eine breitere Öffentlichkeit vor allem im Rahmen der regelmäßigen Pressekonferenzen oder in der medialen Berichterstattung – zum Beispiel bei TV-Auftritten oder Interviews – sichtbar. Ein mediales Framing seiner Person und seines Umgangs mit der Krise gewinnt dadurch an Bedeutung. So wurde Kurz beispielsweise auf dem Cover der Farbbeilage der "Kronen Zeitung" vom 29. März als "Der Krisenmanager" präsentiert.

Foto: Kronen Zeitung

STANDARD: Bei einem Foto am "Runden Tisch", das auch die "Kronen Zeitung" auf dem Cover hatte, wird Kurz mit Inszenierungsgelüsten à la Trump verglichen. Wie schmal ist der Grat bzw. wie groß die Gefahr der Übertreibung?

Bernhardt: Bei besagtem Foto geht es um eine Einsatzstabssitzung im Innenministerium Ende Februar. Das Setting erinnert an die international etablierte Bildformel einer Krisensitzung in einem sogenannten "Situation Room".

Der "Situation Room" ist vor allem durch US-Filme und Serien visuell vorgeprägt. Seine bekannteste Umsetzung in der Politik ist das ikonische Foto des Regierungsfotografen Pete Souza, das in der Amtszeit Barack Obamas während des Einsatzes gegen den Terroristen Osama bin Laden aufgenommen und seither immer wieder – mehr oder weniger geschickt – zitiert wurde, unter anderen von Emmanuel Macron oder zuletzt von Donald Trump.

1. Mai 2011: US-Präsident Barack Obama & Co werden im Weißen Haus über die Operation gegen Osama bin Laden informiert.
Foto: AP Photo/The White House, Pete Souza

Das Risiko beim Aufgreifen solcher Motive ist für Politiker verhältnismäßig gering und liegt vor allem in einer Ironisierung durch das Publikum, beispielsweise in Form von Memes, oder in einer Thematisierung im Rahmen einer, allerdings in Österreich eher spärlich vorhandenen, kritischen Einordnung in der medialen Medienberichterstattung.

STANDARD: Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen lässt sich oft in Szene setzen. Gibt es in der Inszenierung große Unterschiede zu Kurz?

Bernhardt: Es gibt Unterschiede, und es gibt Gemeinsamkeiten. Beiden Spitzenpolitikern steht ein professionelles Kommunikationsteam zur Verfügung. Professionell ist in diesem Zusammenhang nicht als Bewertung der Qualität zu verstehen, sondern beschreibt den Hintergrund der tätigen Personen, dass es zum Beispiel ausgebildete Fotografen Fotografinnen sind. Sowohl Van der Bellen als auch Kurz machen unterschiedliche Aspekte ihrer Arbeit als Spitzenpolitiker sichtbar.

STANDARD: Und bringen sie ungefiltert unters Volk.

Bernhardt: Die Bilder davon werden unter anderem über offizielle Kanäle wie Websites oder Social-Media-Accounts verbreitet. Damit folgen die beiden einem internationalen Standard in der politischen Kommunikation der Spitzenpolitik. Unterschiede ergeben sich zwangläufig durch die verschiedenen Aufgabenbereiche und die damit verbundenen Gelegenheiten für die Herstellung von Bildmaterial. Die Kommunikation von Sebastian Kurz ist auch visuell durch eine starke Zuspitzung auf seine Person geprägt, was nicht nur in Wahlkampfzeiten zum Ausdruck kommt.

Kurz als Krisenmanager, in Szene gesetzt von einem Fotografen des Bundeskanzleramts.

STANDARD: Sie haben kürzlich die Fotografin von Frankreichs Präsident Emanuel Macron gelobt: Was machen die Fotos so besonders?

Bernhardt: Soazig de La Moissonnière hat in einem Tweet unterschiedliche Perspektiven auf die Arbeit von Präsident Macron präsentiert. Sie macht dabei vielfältige Aspekte des Tätigkeitsspektrums und der Herausforderungen während einer Krisensituation sichtbar. Politisches Handeln kann dadurch an Nachvollziehbarkeit gewinnen.

Wir sehen Macron beispielsweise bei Videokonferenzen, beim Besuch eines Krankenhauses, im Gespräch mit einem Krisenstab oder während eines nachdenklichen Moments am Schreibtisch. Es wird deutlich, dass Politik mit einer sehr schwierigen Situation konfrontiert ist, die nicht von einer Person im Alleingang gestemmt wird, sondern an der zahlreiche Akteurinnen und Akteure mit wesentlichen Aufgaben und Funktionen beteiligt sind.

STANDARD: Gibt es sonst internationale Beispiele von Politikern, die exemplarisch für gute oder schlechte visuelle Kommunikation stehen?

Bernhardt: Als Politikwissenschafterin ist es eigentlich nicht meine Aufgabe, Bewertungen über gute oder schlechte Kommunikation abzugeben. Meine zentrale Frage lautet, was Politikerinnen und Politiker und ihre Kommunikationsteams wie sichtbar machen und welche Funktionen das Bildmaterial dabei übernimmt. Der US-amerikanische Bildblog "Reading the Pictures" hat kürzlich ein Gespräch mit dem ehemaligen White-House-Photographer Pete Souza veröffentlicht, der Barack Obama während seiner Amtszeit fotografiert hat. In dem Gespräch präsentiert Souza ein Foto aus der Zeit der Ebola-Epidemie 2014. Auf dem Foto umarmt Obama eine Krankenschwester, die nach einer überstandenen Ebola-Infektion das Weiße Haus besucht.

Pete Souza, ehemaliger Fotograf im Weißen Haus, im Gespräch.
Reading The Pictures

STANDARD: Mit welcher Botschaft?

Bernhardt: Die Umarmung hat eine wichtige Funktion: Sie drückt nicht nur den Dank des Präsidenten gegenüber der Krankenschwester aus, die während einer gefährlichen Zeit ihren Dienst absolviert hat. Die Umarmung des Präsidenten zeigt auch, dass der Kontakt mit geheilten Personen ungefährlich ist. Die Geste und das Foto übernehmen damit eine wichtige symbolische Funktion. Sie machen etwas sichtbar, was anders schwerer vermittelbar wäre.

STANDARD: Wann wird es problematisch?

Bernhardt: Schlecht ist politische Kommunikation dann, wenn sie nicht versteht oder bewusst ignoriert, was in einer Situation sinnvoll, notwendig und angemessen wäre. Das passiert aktuell beispielsweise dann, wenn Donald Trump Pressekonferenzen während der Pandemie primär als Bühne für seinen Wahlkampf nutzt, über Einschaltquoten spricht oder politische Mitbewerber und Medienvertreter beflegelt, statt die Bevölkerung faktenbasiert zu informieren. (Oliver Mark, 9.5.2020)