Nur sehr schleppend funktioniert die Rückkehr Italiens zu einer Form von Normalität. Im Bild: Desinfektion eines Geschäfts auf der Mailänder Nobeleinkaufsmeile Via Monte Napoleone.
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Es war Sonntagabend, als sich Giuseppe Conte an seine Untertanen wandte, um sie über die bevorstehenden Lockerungen des Lockdowns zu informieren. Doch was der Regierungschef zu sagen hatte, war für die 60 Millionen Italiener eine kalte Dusche: Die bereits vor sieben Wochen eingeführten massiven Einschränkungen der persönlichen Bewegungsfreiheit bleiben weitgehend erhalten. Die revolutionärste Lockerung besteht darin, dass die familienorientierten Italiener endlich wieder einmal ihre Verwandten werden besuchen können. Ansonsten herrscht weiterhin quasi Hausarrest.

In Italien gelten europaweit die strengsten Quarantänevorschriften – und nach Contes Ausführungen war klar, dass das vorerst auch so bleiben wird. Nur wenn alle sich weiterhin an die Abstandsregeln hielten, könne die Phase der Lockerungen erfolgreich sein und ein erneuter Anstieg der Coronavirus-Infektionen verhindert werden, erklärte der Premier.

Selbst für die Besuche der Verwandten erteilte Conte seinen Bürgern Verhaltensanweisungen: "Es sollen gezielte Besuche sein, bei denen die Abstandsregeln eingehalten und auch Schutzmasken verwendet werden", mahnte Conte. "Die Lockerungen bedeuten nicht, dass ab dem 4. Mai Partys oder Familientreffen erlaubt sind." Wem Italien am Herzen liege, der müsse das Übertragungsrisiko vermeiden.

Einige Fabriken laufen wieder an

Etwas großzügiger sind die Lockerungen für die Wirtschaft, die in Italien nach dem wochenlangen Lockdown mehr oder weniger am Boden liegt. Ab dem 4. Mai dürfen einige Unternehmen "von strategischer Bedeutung" – etwa die stahlverarbeitende und holzverarbeitende Industrie – ihre Fabriken wieder öffnen. Auch Baustellen und exportorientierte Betriebe dürfen wieder aufmachen.

Andere Branchen, allen voran die Gastronomiebetriebe und die Hotellerie, müssen sich noch mindestens drei weitere Wochen – bis zum 18. Mai – in Geduld üben, obwohl die Einbußen längst in die Milliarden gehen. Und während beispielsweise in der Schweiz die Coiffeure seit diesem Montag wieder arbeiten können, werden die italienischen "parrucchieri" ihre Salons erst am 1. Juni wieder öffnen können. Dasselbe gilt auch für Kosmetik- und Schönheitssalons.

Kindergärten, Schulen und Universitäten bleiben überhaupt bis September geschlossen.

Traumatische Erfahrungen vor eineinhalb Monaten

Die extreme Vorsicht der Regierung ist auf das Trauma von Anfang März zurückzuführen: Italien war als erstes europäisches Land und zugleich sehr massiv von Covid-19-Fällen betroffen. Der Schock angesichts der überfüllten Spitäler und der Militär-Lkws, die die Toten abtransportierten, sitzt tief. Doch dank der strikten Quarantänemaßnahmen hat die Regierung die Epidemie inzwischen weitgehend in den Griff bekommen: Am Sonntag zählte der nationale Zivilschutz "nur" 260 Tote – der tiefste Wert seit sechs Wochen. Auf dem Höhepunkt der Epidemie waren es 800 bis 1.000 Tote pro Tag gewesen.

Die sogenannte Basisreproduktionszahl R0, die angibt, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt, liegt in Italien derzeit, je nach Region, bei 0,2 bis 0,7 – und damit tiefer als etwa in Deutschland. Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen hat sich in den vergangenen Tagen mehr als halbiert.

Sorgenkinder Lombardei, Emilia-Romagna und Piemont

Wenn es noch Probleme gibt, dann in den nördlichen Regionen Lombardei, Emilia-Romagna und Piemont. In den Regionen südlich des Po-Flusses ist die Epidemie dagegen gar nie richtig ausgebrochen: Während in der Lombardei bis heute 73.000 Menschen positiv auf das Virus getestet worden sind, zählte man in Kampanien (mit der Drei-Millionen-Einwohner-Agglomeration Neapel) 4.300 Fälle, in Sizilien (mit seinen fünf Millionen Einwohnern) 3.000 Fälle und in Kalabrien (zwei Millionen Einwohner) 1.000 Fälle. In der Hauptstadt Rom mit ihren über drei Millionen Einwohnern wurde seit 48 Stunden kein einziger Toter mehr registriert.

Besonders in Mittel- und Süditalien sehen immer weniger Menschen ein, warum sie weiterhin in ihren Häusern eingesperrt bleiben müssen und nicht arbeiten dürfen. Einer von ihnen ist der Bauarbeiter Stefano in der Kleinstadt Lenola südlich von Rom, der seine drei Kinder und seinen kranken Vater ernähren muss. Von den finanziellen Soforthilfen, die Premier Conte versprochen hatte, hat er bis heute keinen einzigen Euro gesehen. "Ich musste deswegen schon vor Wochen meine Scham überwinden und mich bei der Gemeinde um Essensgutscheine bewerben", berichtet Stefano.

Weil die italienische Bürokratie die schnelle Gewährung von Finanzhilfen und Krediten verhindert, geht es hunderttausenden Italienern wie ihm: Sie werden, zumindest vorübergehend, in die Armut gedrängt. "Die Hilfspakete, die Conte versprochen hat, waren nichts als Lügen", sagt der 55-Jährige bitter.

Frust und soziale Medien

Die Frustration über die nur sehr zögerlichen Lockerungen hat sich auch in den sozialen Medien niedergeschlagen. "Basta, das ist ja eine Diktatur", schrieb zum Beispiel der Friseur Carmine Pellizzieri. Zum Teil wurde im Netz zum zivilen Ungehorsam aufgerufen: "Schert euch nicht um die Vorschriften dieser kriminellen Regierung und seid schlau: Arbeitet schwarz, wenn ihr anders nicht überleben könnt", hieß es in einem weiteren Posting.

Auch Lega-Chef Matteo Salvini ist auf den Protestzug aufgesprungen: "Außer dem Virus nun auch noch Hunger und Freiheitsentzug? Das können wir uns nicht leisten", schrieb der Rechtspolitiker und drohte bereits mit Massendemonstrationen.

Gegen die Regierung gestellt hat sich auch die italienische Bischofskonferenz, die bisher am praktizierenden Katholiken und bekennenden Padre-Pio-Anhänger Conte wenig auszusetzen hatte. Das weiterhin bestehende Verbot, mit den Gläubigen in den Kirchen Messen zu feiern, verstoße gegen die Religionsfreiheit, schrieben die Bischöfe.

Basta mit Geduld

Die Geduld der Unternehmer ist schon länger am Ende: "Wenn wir unsere Betriebe nicht sehr bald wieder hochfahren können, dann droht die Gefahr, dass der Motor des Landes noch ganz absterben wird", schrieben die Arbeitgeberverbände der Regionen Lombardei, Piemont, Venetien und Emilia-Romagna in einem offenen Brief an Conte. Und: "Jeder Tag, der verstreicht, erhöht das Risiko, dass der Motor nicht mehr anspringen wird."

Der Arbeitgeberverband Confindustria warnt, dass 20 bis 30 Prozent der vom Lockdown betroffenen Unternehmen ihre Tore nie mehr öffnen könnten, weil sie in der Zwischenzeit zahlungsunfähig geworden sind. Doch von den über acht Millionen Arbeitern, Angestellten und Selbstständigen, die von der Regierung in die Zwangsferien geschickt worden sind, werden am 4. Mai nur 2,75 Millionen zur Arbeit zurückkehren können.

Die von mittlerweile vielen als übertrieben bezeichnete Vorsicht der Regierung Conte belegt, dass es sehr viel einfacher ist, einen einschneidenden Lockdown zu verordnen, als nach dem Abklingen der Epidemie eine plausible Rückkehr in die Normalität zu gestalten. Was zu Beginn der Epidemie richtig war – nämlich auf den Rat von Experten zu vertrauen –, stellt sich heute als politische Schwäche heraus: Dass Virologen und Epidemiologen angesichts des nach wie vor zirkulierenden Virus zu höchster Vorsicht mahnen, liegt in der Natur der Sache, kann aber auf Dauer verheerende soziale und wirtschaftliche Folgen zeitigen. Es scheint, dass sich Giuseppe Conte in eine Sackgasse manövriert hat. (Dominik Straub, 27.4.2020)