Oft sind es Nymphen oder der Meeresgott Neptun, die als dekorative Brunnenwächter fungieren. Hier ist es ein unbekannter Wasserspeier in Bern.

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Händewaschen ist das Gebot der Stunde. Doch fällt es gerade im öffentlichen Raum schwer, Möglichkeiten fürs Händewaschen zu finden. Ausgerechnet jetzt, wo frisches Fließwasser öfter vonnöten wäre, sind beispielsweise jene 1.000 Trinkbrunnen, die die Stadt Wien verwaltet, nicht in Betrieb. Aus gesundheitlichen Gründen – so hat es der medizinische Krisenstab entschieden. Auch die mobilen Edelstahlbrunnen, die mit den heißer werdenden Sommern in den Großstädten Einzug gehalten haben, fehlen. Das Problem: Sie funktionieren mittels Knopfdruck – eine unhygienische Sache.

Das Wort Hygiene stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "die der Gesundheit dienende Kunst". Und wir alle wissen, dass sie leider nicht jeder beherrscht. Da braucht es gleich mehrere Gottheiten, um das Sauberkeitsideal durchzusetzen. Neben dem Wassergott Neptun oder diversen Nymphen ist es oft die namensgebende Göttin Hygieia, die wasserspendend als Skulptur auf Brunnenanlagen thront. Brunnen und Hygiene sind also schon in der Mythologie direkt verknüpft. Auch Pandemie ist ein griechisches Wort ("das gesamte Volk" bzw. als Adjektiv "im gesamten Volk verbreitet"). Der Plan hieße, Letzteres mit Ersterem einzudämmen.

Locus amoenus

Doch laufen Desinfektionsmittel dem Wasser – nicht nur auf amerikanischem Boden – deutlich den Rang ab. Die Brunnenkultur wird in unseren Breiten wenig gepflegt. Die rasche Technisierung (Wasserleitungen) hat sie abgedrängt, bedauert Altertumsexperte Piero Bordin. Der Gründer und künstlerische Leiter des Welttheaterfestivals Art Carnuntum, selbst mit einem Hausbrunnen an der Marathonstrecke in Griechenland aufgewachsen, plädiert in Pandemie-Zeiten für rasche, unkomplizierte Lösungen: Fließwasser aus dem Gartenschlauch vor Supermärkten und Schulen. "Wir ertragen die härtesten Maßnahmen, sollen möglichst oft die Hände waschen, aber Fließwasser gibt es keines", kritisiert Bordin. Lebensmittelkonzerne bedienen sich in ihren Werbelinien einer falschen "Marktplatz"-Idylle, ohne allerdings einen Tropfen Wasser bereitzuhalten, so Bordin.

Im europäischen Kulturkreis denkt man beim Wort Brunnen zu allererst an plätschernde Marktbrunnen – der Viktualienmarkt in München verfügt noch über stattliche sechs Exemplare. Oder an romantische Ziehbrunnen und deren Symbolkraft als Locus amoenus. Dieses Motiv haben sowohl Johann Wolfgang von Goethe im Faust wie auch Franz Schubert in der Winterreise auf ewig verankert. Als Topos ist der Brunnen aus den Künsten nicht wegzudenken. Lucas Cranach etwa huldigte in seinem gleichnamigen berühmten Gemälde dem Jungbrunnen. Und schließlich widerspiegelt sich die hohe Symbolkraft der Brunnen auch in der Märchenliteratur. Da dienen Brunnen samt ihrer unheimlichen, schwarzen Tiefe als Passagen bzw. Pforten in eine andere Welt, sei es in Frau Holle, im Froschkönig oder in Der Wolf und die sieben Geißlein.

In der nordischen Mythologie gilt der Brunnen als Quelle für Wissen und Weisheit, in der griechischen und römischen Mythologie kommt die (rituelle) reinigende Funktion hinzu. Zu den schönsten, noch erhaltenen antiken Wasserstellen zählen übrigens die Quellen von Kastalia und Levadia am Fuß des Parnass bei Delphi, benannt nach den gleichnamigen Nymphen. Sie symbolisieren die Ströme des Erinnerns und Vergessens.

"Schöner Brunnen"

Wie wichtig Brunnen für die Bevölkerung waren, verraten in Österreich heute noch hunderte Ortsnamen, von Bad Sauerbrunn bis Brunn am Gebirge, von Regelsbrunn bis Schönbrunn. Die gelbe Schlossanlage verdankt ihren Namen tatsächlich einer Wasserquelle, die einer Legende nach 1612 auf der Jagd entdeckt wurde. Der "Schöne Brunnen", an der Meidlinger Seite gelegen, ist heute mit der Nymphe Egeria verziert, aus deren nie versiegendem Füllhorn Wasser strömt.

Macht und Werthaltungen wiederum manifestieren sich in Denkmal- oder Monumentalbrunnen. An einem der berühmtesten von ihnen, dem Trevi-Brunnen in Rom, verewigten sich insbesondere Päpste. Sein Kupfergehalt (Münzen hineinzuwerfen bringt Glück) übertrifft wohl den Nitratgehalt hiesiger Brunnen um ein Vielfaches. In ihm landen angeblich 1,5 Millionen Euro jährlich. (Margarete Affenzeller, 30.4.2020)