Die Krise wird zur Marktlücke: Die ersten Schnellschüsse zur Epidemie sind zwei Monate nach dem Ausbruch in Europa auf dem Markt – und dass weitere folgen werden, davon kann man ausgehen.

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Die Buchbranche hat selten schneller und effizienter auf eine Entwicklung reagiert als auf das Coronavirus. Ob aus eigenem Antrieb (wie Marlene Streeruwitz mit dem auf ihrer Website veröffentlichten Covid-19-Fortsetzungsroman So ist die Welt geworden) oder im Auftrag von Literaturhäusern und Verlagen: Viele Autoren richten ihr Instrumentarium zum Weltempfang ganz auf die Pandemie. Das ist flott gemacht, umfasst die Krise doch sämtliche Lebensbereiche.

Entsprechend vielfältig ist die bereits auf den Markt drängende Corona-Literatur. Ex-Jetzt-Chefin Maria Stern hat "55 gute Nachrichten" für eine "Politik nach Corona" (Wieser Verlag). Unzählige Sachbücher (von Stefan Schweiger oder Ina Knobloch) scharren in den Startlöchern, selbst Belletristik gibt es schon gedruckt – passenderweise Thriller. Michael Koglins Coronavirus Killer nimmt als Eifersuchts-Plot seinen Ausgang im Labor, Alessandro Nonnos Tödliche Quarantäne spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Beide erscheinen in Nischenverlagen. Von den Big Playern hat bisher Ullstein flugs geschaltet und hievt den Schnellschuss Dann bleiben wir eben zu Hause! der "Online-Omi" Renate Bergmann ins Programm. Daniel Kallas Patient Null hatte man schon länger am Radar, und bringt es nun Mitte Mai heraus. Das Buch spielt in Italien und erzählt von einer Lungenpest. Qualitätsware ist das nicht.

Als Diskursbeitrag eignet sich das meiste wohl weniger denn als Geschäft: Gesicherte Fakten liegen noch kaum vor, Reflexionen sind noch platt. Die, die etwas zu sagen hätten (Pflegepersonal), kommen nicht zum Schreiben. Das hat vielen bloggenden Autorinnen und Autoren Kritik eingebracht. Die Deutung der Krise dürfte auch den Buchherbst prägen. Nachfolgend ein Überblick über aktuellste Erscheinungen.


Papier, das schon wieder alt aussieht

Infiziertenzahlen, die Menge belegter Krankenbetten, die Verstorbenenstatistik und die Reproduktionsrate stehen am Anfang von Paolo Giordanos Beschäftigung mit dem Virus. Denn "noch bevor Epidemien medizinische Notfälle werden, sind sie mathematische Notfälle. Die Mathematik ist die Wissenschaft von den Beziehungen". Beziehungen geht der italienische Physiker und Autor in seinem Schnellschuss-Bestseller In´Zeiten der Ansteckung auch emotionaler nach, wenn er überlegt, dass er nicht zum Geburtstag eines Freundes geht, oder die verbindende Kraft der Epidemie beschwört:´Wir sind wieder Gemeinschaft! Als erste Reaktion legitim, sehen die atmosphärischen Zeilen über Fake-News oder Flugverkehr aber bereits schrecklich alt aus. Giordanos Erkenntnisse und Mahnungen sind heute Selbstverständlichkeiten. Neugierig macht das Buch nur, wo es über die Zunahme von Virusfällen wegen Umweltzerstörung spricht.

Paolo Giordano, "In Zeiten der Ansteckung". € 8,30 / 80 Seiten. Rowohlt

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Hilflosigkeit mit großer Geste

Filmemacher Alexander Kluge und Autor Ferdinand von Schirach denken weiter zurück als an Wuhans "wet markets". In dem aus einem Chat Ende März hervorgegangenen Büchlein Trotzdem führen sie Voltaires Natur, die "ihre Pranke" zeigt, und Carl Schmitts "Souverän" an und leiten vom Gang Heinrich IV. nach Canossa die Geschichte der Grundrechte ab. Angesichts akuter Fragen eine Hilflosigkeit mit großer Geste. In der Krise schlage "die Stunde der Pragmatiker", zieht Kluge Parallelen zum Lissabonner Erdbeben 1755. Dass Schirach unsere Welt zuletzt behütet schien, mag verwundern, zupass kommt dem Strafverteidiger aber die Diskussion der Triage nach moralisch-juristischen Aspekten. Überraschendste Erkenntnis: Schirach isst stets außer Haus, letztens aber wollte er sich Eier kochen. Sofort stinkt es nach verbranntem Plastik. Die Transportsicherung war nach 15 Jahren noch unter den Herdplatten gewesen.

Ferdinand von Schirach / Alexander Kluge, "Trotzdem". € 8,30 / 80 Seiten. Luchterhand

Bestsellerautor Ferdinand von Schirach im Dialog.
Foto: APA/dpa/Jörg Carstensen

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Zeit für den Kommunismus

Die Pandemie ist Wasser auf die antikapitalistischen Mühlen Slavoj Žižeks. Es werde eine "neue Normalität" brauchen, schreibt er in Pandemic! und denkt über Kanzler Kurz hinaus an das gesamte Weltsystem. Denn "Barbarei" drohe nicht in Form von Straßenplünderungen, sondern als Schlechterstellung der Alten im Gesundheitssystem, noch niedrigere Löhne für Arbeiter, digitale Überwachung und ideologische Viren wie Rassismus. Žižeks Hoffnung gilt einmal mehr den laut ihm als "kommunistisch" angesehenen Prinzipien wie die Erhaltung von Infrastruktur sowie Produktion und Distribution von Nahrung außerhalb des Marktes. Zudem müsse die Souveränität von Staaten bei Bedarf von globalen Organisationen eingeschränkt werden können. Es brauche zwar das wechselseitige Vertrauen von Staat und Volk, ebenso aber Whistle blower als Kontrolle. Autos und Kreuzfahrtschiffe werden ihm nicht fehlen.

Slavoj Žižek, "Pandemic! Covid-19 shakes the world". Auf Englisch. 146 Seiten. OR Books

Die Coronakrise ist Wasser auf die Mühlen von Slavoj Žižek.
Foto: imago images / ITAR-TASS

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Ungeliebtes Tagebuch

Dass Heimisolation zermürbend ist, lässt sich auch aus zweiter Hand erfahren. Seit Wochen bieten das Literaturhaus Graz und der Residenz-Verlag online Corona-Tagebücher an, inzwischen werden dort in Videochats Kameraausfälle vorgetäuscht, um ein Salamibrot zu verschlingen (Ursel Nendzig). In den gelungenen Einträgen überwiegt Humor die bloße Moralkompetenz der Verfasser. Wo Tagesaktuelles registriert wird, scrollt man jedoch lieber weiter. Das mag dereinst mit Abstand interessant werden, jetzt gilt: Je subjektiver, umso einsichtsreicher! "Ich lese, was die anderen schreiben. So vieles erkenne ich wieder, und trotzdem schreiben wir nicht von den gleichen Dingen", benennt Lucia Leidenfrost den Reiz auch für Leser. Ann Cotten indes hadert mit den bewegten Verhältnissen: "Ich fühle das Spiel, das uns zur Verfügung steht und das wir mit Gerede ausfüllen, anstatt zu schaukeln, was geht, um unsere Fesseln zu lösen." (Michael Wurmitzer, 1.5.2020)