Großer Ansturm auf das Möbelhaus Ikea in der Wiener Shopping City Süd (SCS).

Foto: APA/Jäger

Frisöre müssen nun trotz Maske den passenden Haarschnitt auf die Reihe bekommen.

Foto: Reuters

Paola P. zeigt auf ihren Haaransatz. Bei genauem Hinschauen kommt dort bei der 62-Jährigen ein dünner, weißer Streifen zum Vorschein. Für gewöhnlich geht die Wienerin einmal im Monat zum Friseur, um den ergrauten Haaransatz nachzufärben. Doch aufgrund des Coronavirus-Shutdowns musste sie auf den monatlichen Friseurbesuch verzichten und, weil sie nicht selbst den Farbpinsel in die Hand nehmen wollte, die Alterserscheinung zulassen – bis zum Samstag des ersten Mai-Wochenendes.

Denn nach sieben Wochen Stillstand sind alle Geschäfte in Österreich wieder geöffnet. Auch Einkaufszentren, Friseure sowie alle Geschäfte mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche dürfen mit Samstag wieder aufmachen, darunter die großen Elektrohändler, Modeketten, Möbelhäuser und Sportartikelhändler.

Lange Schlangen und volle Lager

Eingekauft werden muss mit Maske und Abstand. Exakt zehn Kunden auf 100 Quadratmetern sind erlaubt, die Zahl der verfügbaren Einkaufskörbe dient als Richtwert. Zur Wiedereröffnung winken großzügige Rabatte. Die Lager sind randvoll und müssen abverkauft werden. Ein Wermutstropfen des Neustarts ist die fehlende Gastronomie, die gewöhnlich für den Handel ein Frequenzbringer ist. Lokale dürfen erst am 15. Mai wieder aufmachen. Ende Mai sollen dann Hotels und Freizeitanlagen sowie Freibäder folgen. In einem ersten Schritt waren am 14. April zuvor schon alle Bau- und Gartenmärkte sowie kleine Geschäfte geöffnet worden.

Vor dem großen Möbelhaus Ikea in der SCS Vösendorf und in Graz, sowie auch vor Filialen des Elektrohändlers Media Markt spielten sich am Samstag ähnliche Szenen ab wie schon vor zwei Wochen in den Bau- und Gartenmärkte: Volle Parkplätze und lange Warteschlangen, die sich noch vor der Öffnung des Geschäfts bildeten.

Masken, Handschuhe und Visier beim Friseur

Ein Stück Normalität abseits der Hektik fanden wohl die ersten Kunden in den Friseursalons, auch wenn von Normalbetrieb noch keine Rede sein kann. Die Betreiber bemühen sich, die neuen Sicherheitsbestimmungen so gut wie möglich einzuhalten, wie einige Kunden dem STANDARD nach ihrem Termin berichteten. Längere Schlangen wurden demnach in den meisten Betrieben beim Lokalaugenschein in Wien mithilfe von verpflichtender Terminvereinbarung vermieden. In den Salons selbst wird auf ausreichend Sicherheitsabstand zwischen den Kunden geachtet, der Ein-Meter-Abstand zwischen Friseur und Kunde ist jedoch praktisch kaum durchführbar. Kunden sowie Mitarbeiter tragen im Salon Masken, die Friseure zusätzlich Handschuhe.

"Beim Haareschneiden selbst hat die Maske kaum gestört", erzählt Josip V., der den ersten möglichen Tag für einen Besuch in einem Barber Shop in Wien Neubau nützte. Beim Stutzen des Bartes musste die Maske freilich abgenommen werden, der Friseur setzte dafür zur Sicherheit ein Gesichtsvisier auf. Und dennoch – der Umgang mit Mund-Nasen-Schutzmasken scheint inzwischen für die meisten Österreicher zum Alltag geworden zu sein. "Nach den vielen Wochen hat es sich nicht einmal seltsam angefühlt, die Maske auch beim Friseur zu tragen", meint der 26-jährige V. "Es ist ja schon fast selbstverständlich." Und so war der Friseurbesuch für den Wiener wie eine Art Befreiung nach der langen Zeit der Ausgangsbeschränkungen. "Sich entspannt und ohne Hektik wieder die Haare schneiden zu lassen, gibt ein bisschen Normalität zurück."

Kein ganz normaler Einkaufssamstag

"Wie die Geier", schimpft eine ältere Dame vor dem großem Entree zum größten Shoppingcenter der Grazer Innenstadt, dem Kastner&Öhler. Nein, sie gehe da nicht rein, wehrt sie ab. Tatsächlich: Es macht den Anschein, als sei es ein ganz normaler Einkaufssamstag – wenn nicht der Desinfektionstisch und das Kontrollpersonal beim Eingang im Weg stünden und alle Mundschutz tragen müssen.

Das mehrstöckige Großkaufhaus ist an diesem ersten Einkaufstag nach dem Lockdown durchaus belebt, ein Gutteil trägt wieder kleine K&Ö-Taschen in Händen. Die Frequenz bleibt dennoch deutlich unter dem samstägigen Normalmaß.

Eine Konsumentin die "nur schauen" war gesteht: "Irgendwie will ich einfach die Normalität genießen". Was nicht ganz gelinge, etwa mulmig sei ihr schon zumute.

"Wieder etwas Alltag spüren"

Zwei junge Frauen verlassen den Grazer Shoppingtempel, die eine nimmt beim Gespräch sofort den Mundschutz ab. Ob sie denn keine Angst gehabt hätten, bei den vielen Menschen im Geschäft. Die Mundschutzbefreite lächelt milde: "Nein wirklich nicht, wir sind ja Ärztinnen." Naja, auch Ärztinnen können Angst haben. "Wir stecken uns wann woanders an", lachen beide. Aber zugegen: Etwas surreal sei das Ganze schon, "wir wollten halt wieder etwas Normalität spielen".

Das scheint querdurch das tragende Motiv der Konsumentinnen und Konsumenten an diesem ersten Covid-19-Einkaufssamstag gewesen sein: Wieder etwas den alten Alltag spüren. (Davina Brunnbauer, Flora Mory, Walter Müller 2.5.2020)