Es muss 2010 gewesen sein. Mein 14-jähriges Ich konnte es, wie viele meiner Freunde, kaum erwarten, endlich ans Steuer eines Autos, egal welches, zu kommen. Anders als meine Freunde hatte ich aber schon von klein auf eine Affinität zu Videospielen. Während also meine erste Berührung mit einem Auto rund zwei Jahre zuvor im Sommerurlaub nachts auf einem leeren Parkplatz mit einem klapprigen Smart ForTwo stattgefunden hatte, wusste ich, wie ich die Zeit zum Führerschein überbrücken würde. Denn ich bekam mein erstes Lenkrad für meine Spielekonsole.

Derweil also meine eigentliche Karriere auf dem Asphalt noch rund drei Jahre warten sollte, spulte ich die Kilometer auf dem Bildschirm ab. Lenkrad am Schreibtisch festgeschraubt, einen Karton hinter die Pedale, damit sie nicht verrutschen, und schon jagte ich den Ferrari F50 tagelang über die Nürburgring-Nordschleife.

Rennspiele sind eine spezielle Kategorie der Videospiele. Sind Games in der Regel dazu da, interaktiv fremde Welten zu entdecken, so wollen Rennspiele meist die reale Welt möglichst akkurat darstellen. "Racing Sims" (Racing Simulations) nennt man diese Art von Rennspielen, und sie erfreuen sich, besonders in Zeiten der Isolation, äußerst großer Beliebtheit.

F1-Legende Mario Andretti im Simulator von Red Bull.
Foto: Getty Images

Die aktuelle Formel-1-Saison ist bis auf weiteres verschoben, genau wie alle anderen Sportarten. Während aber Fußballer und Co sich im eigenen Garten mit kleinen Übungen auf Trab halten müssen, steigen die meisten F1-Piloten in ihre virtuellen Cockpits. Allen voran die jungen Wilden rund um Max Verstappen, Charles Leclerc und Lando Norris.

Sie veranstalten momentan einen virtuellen Grand Prix nach dem anderen, um die Sehnsucht nach den echten Boliden zu unterdrücken und Spendengelder für den Kampf gegen Corona zu sammeln. Auf der Livestream-Plattform Twitch kann man ihnen regelmäßig dabei zuschauen. Um das Startfeld aufzufüllen, werden dabei immer wieder Gäste eingeladen, so zum Beispiel Real-Madrid-Torhüter Thibaut Courtois und Ciro Immobile, hauptberuflich Stürmer bei Lazio Rom. Und auch Sebastian Vettel hat sich in Zeiten der Isolation seine virtuelle Lucilla liefern lassen, wie er jüngst in einem Interview verriet.

Perfekt abgestimmt

Um den größtmöglichen Grad an Realismus zu erreichen, ähnelt das Setup der Profis in keinster Weise meinem Kinderzimmer von 2010. Lando Norris nutzt eine spezielle Konstruktion, in der ein originalgetreues Lenkrad und Pedale, Sitz und insgesamt drei Bildschirme nebeneinander zum Einsatz kommen. Dazu ist die Software perfekt auf die Hardware abgestimmt. Fährt das virtuelle Auto über Schotter, merkt der Fahrer das an der Vibration des Lenkrads, aber dazu später mehr.

Ein Blick hinter die Kulissen des Mercedes-Simulators.
Mercedes-AMG Petronas Formula One Team

Dass in der Formel 1 Simulatoren genutzt werden, ist kein Neuland. Das Red-Bull-Team arbeitet seit Jahren mit seinen Fahrern und virtuellen Tests zusammen. Das Equipment geht dabei noch einen Schritt weiter. Eine Leinwand bietet dem Fahrer eine 180-Grad-Sicht, das Cockpit steht auf einer hydraulisch bewegbaren Ebene, die die Bewegungen des eigentlichen Autos simuliert. Perfekt, um vor, während und nach der Saison Strategien, Einstellungen und Wetterbedingungen zu testen.

Formel-1-Piloten wie Lando Norris halten sich in den eigenen vier Wänden fahrerfit.
Screenshot: Lando Norris

Simulatoren sind mittlerweile so anerkannt, dass es neben der regulären Formel-1-Saison auch eine virtuelle gibt, die den gleichen Rennkalender abfährt, nur eben auf dem Bildschirm.

Bis es zu diesem Status kommen konnte, mussten Rennspiele einen langen Weg zurücklegen. Seit Beginn der Videospiele gab es Ableger, die das Fahren von Autos simulierten. So gilt heute Gran Trak 10 von Atari aus dem Jahre 1974 als eines der ersten Rennspiele, das mit einem Lenkrad gesteuert werden konnte. Nur in der Spielhalle, der sogenannte Arcade, versteht sich.

Voll oder gar nicht

Zu Hause mussten sich die Kids mit Pixeln, Vogelperspektive und digitaler Steuerung herumplagen. Zur Erklärung, bei der digitalen Steuerung gibt es nur eine Information, die als solche erkannt wird. Würde man es mit einem richtigen Auto vergleichen, dann gäbe es zum Lenken nur geradeaus oder Volleinschlag und Vollgas oder gar nicht.

Die Einführung von dreidimensionaler Grafik und analoger Steuerung, also auch die Möglichkeit, nur ein wenig Gas zu geben oder zu lenken, vereinfachte die Sache dann schon sehr. Besonders Gran Turismo 3 auf der Playstation 2 gilt als eines der wichtigsten Games dieser Zeit.

Ein langer Weg: Zwischen "Gran Trak 10"...
Screenshot: andys-arcade
...und dem aktuellen Formel-1-Spiel von Codemasters liegen 45 Jahre.
Screenshot: Codemasters

Die Innovationen hörten dort nicht auf. Lenkräder für daheim mit Force Feedback, also die Rückmeldung von Signalen der Software an die Hardware (Sie erinnern sich an das Auto-auf-Schotter-Beispiel), verbesserten die Erfahrung weiter. Und um den Frustfaktor nach unten zu schrauben, kamen Entwickler auf die grandiose Idee, eine Zeitrückspul-Feature einzubauen, das zwar den Realismus nach hinten verschob, dafür aber etliche Neustarts nach Flüchtigkeitsfehlern verhinderte. Mittlerweile ist auch der Einsatz von VR-Brillen keine Seltenheit mehr, wodurch der Grad an Immersion weiter steigt.

Sie sehen, seit meinem bescheidenen Einstieg 2010 hat sich einiges getan. Für die aktuelle Konsolengeneration habe ich zwar kein Lenkrad, da mir der Platz in der Wohnung fehlt, aber die neuen Formel-1-Spiele verschlinge ich immer noch. Denn ich werde wahrscheinlich nie im Leben in so einem Boliden sitzen dürfen. Und weil ich diesen Gedanken verdrängen will, mache ich das wenigstens virtuell. Außerdem kann ich den Lauf der Dinge verändern. Nico Hülkenberg hat 177 Rennen bestritten und keinen einzigen Podiumsplatz geholt? Ich fahre mit Nicos Renault regelmäßig zur Weltmeisterschaft.

Ob die virtuellen Kopf-an-Kopf-Rennen mir auch im echten Leben einen Vorteil verschaffen, wird sich spätestens beim nächsten Kart-Rennen zeigen, wenn ich den Kollegen aus dem Auto-Ressort Rundenzeiten um die Ohren peitsche. Oder sie mir, um ehrlich zu sein. Danach ziehe ich die Mannschaft aber vor den Bildschirm. Spa-Francorchamps mit dem Ferrari F2004, da werden sie kein Land sehen. Versprochen. (Thorben Pollerhof, 05.05.2020)