Vom Hafen der grönländischen Hauptstadt Nuuk aus wurden die Kinder nach Dänemark gebracht.

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Helene Thiesen wünscht sich eine Entschuldigung von Dänemark.

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Ein Foto aus besseren Tagen: Helene mit fünf Jahren (ganz rechts), ihre Mutter und ihre Geschwister. Ihr Vater machte das Bild.

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Helene Thiesen konnte nicht einmal die Arme heben, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Zu schwer lastete die Trauer auf ihr. Es war das Jahr 1951, und Thiesen war sieben Jahr alt, als sie gemeinsam mit 21 anderen Kindern aus Grönland auf das Schiff MS Disko gebracht wurde. Ihr Vater war nur drei Monate vor ihrer Abreise gestorben – an Typhus, wie so viele Grönländer damals.

Das Ziel der Reise der Kinder: Dänemark, das Staatsgebiet der Kolonialmacht. Der Grund für die Reise: ein soziales Experiment. Doch das wussten die Kinder damals nicht – und sollten es auch lange nicht erfahren. Dänemark wollte damals die Wirtschaft Grönlands beleben, und das sollte durch die Schaffung einer neuen Elite geschehen. Auserkoren, dieser anzugehören, wurden damals jene Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die von Lehrern und Priestern vor Ort als übermäßig intelligent angesehen wurden.

Beamte ließen nicht locker

Das Lehrpersonal sollte die Namen der Kleinen nach Kopenhagen melden. Die heute 76-jährige Helene Thiesen war eine von ihnen. Ihre Mutter wollte sie nicht gehen lassen. Zweimal soll sie zu den Beamten der Krone Nein gesagt haben, als die ihre Tochter holen wollten. Doch die Dänen ließen nicht locker, Helene würde eine gute Ausbildung erhalten. Etwas, das man ihr in Grönland nicht bieten könne. Thiesens Mutter gab schließlich nach.

Besuch der Königin

Und so wurde Helene Thiesen nach Dänemark verschifft, wo sie zunächst für einige Zeit unter Quarantäne gestellt wurde. Offiziell wurde vor den Kindern von einem "Ferienlager" gesprochen, doch in Wahrheit war es ein abgelegener Bauernhof, der sicherstellen sollte, dass möglicherweise eingeschleppte Krankheiten von der dänischen Bevölkerung abgehalten werden. Sogar die Frau des Herrschers, Königin Ingrid, besuchte die 22 Kinder aus Grönland auf dem Hof – so prestigeträchtig war das Projekt. Das Ziel: Die Kleinen sollten in Dänisch und anderen Fächern unterrichtet werden und ihr Wissen auf Grönland verbreiten.

Dazu sollten sie eine Zeit in Dänemark bei Gastfamilien untergebracht werden. Bereits Ende 1951 verbreitete ein dänisches Wochenmagazin die Erfolgsstory, die von der BBC übersetzt wurde: "(…) die Anpassungsfähigkeit der Kinder ist bemerkenswert. Unstimmigkeiten – die durch ihren Kontakt mit der Zivilisation ausgelöst wurden – passieren nur sehr selten", heißt es. Und weiter: "Die Kinder aus Grönland sprechen bereits sehr gut Dänisch, aber wenn sie durch Freude oder Wut erregt sind, bricht plötzlich ein Schwall grönländischer Wörter aus ihnen heraus und der Klang des Kauderwelschs tönt durch die Häuser."

Zwei verschiedene Sprachen

Bei der ersten Gastfamilie sprach Helene Thiesen nicht, erinnert sie sich heute. Nur zu der Tochter der Gasteltern baute sie eine Beziehung auf. Bei der zweiten Familie erging es dem Mädchen besser. Und schließlich, nach eineinhalb Jahren, wurde sie zurück nach Grönland geschickt. "Ich rannte den Steg entlang in die Arme meiner Mutter und berichtete ihr, was ich erlebt hatte", sagt Thiesen heute. Doch die Mutter antwortete nicht. Mutter und Tochter sprachen zwei verschiedene Sprachen. Helene war Grönländisch fremd geworden.

Obwohl sie wieder in Grönland war, durfte sie nicht bei ihrer Mutter bleiben. Die auserwählten Kinder wurden in ein Kinderheim nach Nuuk gebracht – das vom Roten Kreuz und der Hilfsorganisation Redd Barna betrieben wurde. Dort mussten die Kleinen bleiben, damit ihre dänische Erziehung nicht verwässert würde.

Erst 1996 kam die Auflösung

Das führte bei Thiesen dazu, dass sie sich ihrer Mutter nie wieder annäherte. Noch heute denkt sie meistens auf Dänisch und spricht auch hauptsächlich diese Sprache, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass sie wieder in Dänemark lebt. Zeit ihres Erwachsenenlebens litt sie an unkontrollierten Gefühlsausbrüchen.

Die Dimension ihrer Erlebnisse verstand sie aber erst, als ihre Freundin, die Autorin Tine Bryld, 1996 von dem Experiment erzählte. Sie war bei Recherchen darauf gestoßen: "Sie rief mich an und sagte mir, dass ich mich setzen sollte", erinnert sich Thiesen: "Doch ich wollte stehen bleiben." Nach der Neuigkeit brach eine Welt für sie zusammen. Mit ihrer ältesten Tochter kann sie bis heute nicht über das Geschehene sprechen. Zu schlimm sind die Erinnerungen und das Gefühl, benutzt worden zu sein.

Kontakt zu anderen

Von den damals 22 Kindern leben laut Thiesen außer ihr noch fünf. Mit allen ist sie noch in Kontakt. Die meisten jedoch wurden niemals erwachsen. Sie rutschten ab, nahmen Drogen und tranken. Manche töteten sich selbst. Ungeschehen kann das Erlebte nicht mehr gemacht werden, doch wäre Thiesen eine Entschuldigung der dänischen Regierung wichtig. 1998 hatte sich bereits das dänische Rote Kreuz für seine Rolle in dem sozialen Experiment entschuldigt, 2009 folgte dann Redd Barna, wo eine interne Untersuchung zeigte, dass wichtige Unterlagen aus der Zeit verschwunden sind. Anfang 2019 hatte die damalige liberal-konservative Regierung von Lars Lökke Rasmussen eine grönländisch-dänische Expertenkommission eingesetzt, um die Zeit aufzuarbeiten. Die Schuldfrage sollte kein Thema sein.

Corona-Krise verzögert Bericht

Nun ist Premierministerin Mette Frederiksen von den Sozialdemokraten am Ruder, von jener Partei, die in der Oppositionsrolle eine Entschuldigung gefordert hatte. Frederiksen schließt diese auch nicht aus, aber will das Ergebnis des Expertenberichts abwarten. Die Covid-19-Krise könnte die Arbeit an dem Bericht verzögern, heißt es in einem Statement aus dem Sozialministerium an den STANDARD. Weitere Details könnten aufgrund der sich rasch entwickelnden Situation nicht ausgeführt werden. Im Ministerium geht man aber davon aus, dass der Bericht heuer fertig wird. (Bianca Blei, 17.5.2020)