Rami Makhlouf: der Cousin Assads in Ungnade.

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Die Kühe, die er früher gefüttert hat, werden jetzt gemolken: "Er" in diesem sarkastischen Kommentar eines Syrers ist Bashar al-Assad, und unter den "Kühen" – reichen syrischen Geschäftsleuten – nimmt sein Cousin Rami Makhlouf (50) eine prominente Stellung ein. Makhlouf, dessen Aufenthaltsort unbekannt ist – manche meinen, er stehe unter Hausarrest –, meldete sich in den vergangenen Tagen mit zwei Videos auf Facebook zu Wort. In ihnen beklagte er, dass sich der Staat an seinem Vermögen und an seinen Firmen vergreife und eine unverhältnismäßig hohe Steuerforderung an ihn stelle.

Bereits im Sommer 2019 gab es die ersten Berichte über den Unmut Assads darüber, dass sich sein superreicher Cousin, der teilweise bis zu 60 Prozent der syrischen Wirtschaft kontrolliert haben soll, nicht daran beteiligen wollte, die syrischen Schulden bei Russland zu bezahlen. Die Russen sollen Assad, der auf leere Staatskassen verwies, mit Fotos von einem der Makhlouf-Söhne, Mohammed, konfrontiert haben, auf denen dieser vor seiner Luxusvilla in Dubai, seinen teuren Autos, dem Privatjet etc. posierte.

Eigene Familie nicht verschont

Unter dem Titel Korruptionsbekämpfung – deren Methodik beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman Anleihen zu nehmen schien – wurde im Herbst 2019 gegen reiche syrische Geschäftsleute vorgegangen. Eine ganze Reihe wurde gezwungen, einen Teil ihres Vermögens abzugeben, darunter auch ein Onkel von Assads Ehefrau Asma und dessen Sohn, Tarif und Morhaf al-Akhras. Die Botschaft war, wie im Falle Saudi-Arabiens: Der Herrscher verschont im Kampf gegen Bereicherung auch die eigene Familie nicht.

Auch wenn es sich eher um einen Kampf zwischen Mafias handelt: Das ist bei Regimeanhängern populär. Rami Makhlouf, der bei der ersten Antikorruptionsrunde offenbar ungeschoren davonkam, war es hingegen nie. Als 2011 die ersten Proteste im Süden Syriens ausbrachen, wurde auch gegen ihn demonstriert.

Zehn Milliarden Dollar

Makhlouf hat mit der Hilfe des Regimes ein mächtiges Unternehmensnetz aufgebaut und dominierte Sektoren wie Telekommunikation, Bauindustrie, Öl, Autoimporte und Tourismus, um nur einige zu nennen. Sein Vermögen wurde auf zehn Milliarden Dollar geschätzt. Als Finanzier des Regimes und damit des Kriegs steht er unter US- und EU-Sanktionen.

Vielleicht wurde der Frontmann des Regimes für den Geschmack Assads zu reich: Nach und nach wurden auch die Unternehmen Makhloufs – das wichtigste davon Syriatel – unter Kuratel gestellt. Dazu gehört auch die "Al-Bustan-Wohlfahrtsgesellschaft". In seinem Video versichert Makhlouf, er werde die Steuern bezahlen, forderte jedoch Assad auf, das Geld an die "hungrigen Menschen" weiterzugeben. Die jüngsten Probleme hätten für ihn begonnen, als er eine Ramadan-Charity vorbereitete.

Unzufriedene Assad-Klientel

Damit könnte Makhlouf versuchen, jene alawitischen, eigentlich Regime-treuen Kreise anzusprechen, die finden, dass ihre persönlichen Opfer während der Kriegsjahre nicht genügend gewürdigt werden. Auch unter den loyalen Alawiten regt sich teilweise Unmut. Makhlouf weist auch darauf hin, dass die Sicherheitskräfte – die Angestellte seiner Firmen verhaftet hätten – gegen "ihre größten Unterstützer und ihren Patron während des Kriegs" vorgingen, und droht subtil damit, dass das "gefährlich" sei.

Was Makhlouf mit seinem Gang an die Öffentlichkeit bezweckt, ist nicht ganz klar: Wie gesagt, auf Sympathie bei den Syrern und Syrerinnen kann er nicht hoffen. Der Name Makhlouf wurde erst wieder vergangene Woche genannt, als die ägyptische Marine zwei Schiffe mit Drogen aufbrachte, die in Milchpackungen der syrischen Firma "Milkman" versteckt waren, die zum Imperium Makhloufs gehört. Eine ähnliche Ladung war, als Mate-Tee deklariert, nach Saudi-Arabien gegangen, allerdings von einem Unternehmen spediert, bei dem kein Zusammenhang mit Makhlouf ersichtlich ist.

Die syrische Wirtschaft liegt nach den Kriegsjahren am Boden, und auch die schwere Finanzkrise im Libanon hat ihre Auswirkungen auf das syrische Pfund, das vergangenen Herbst weiter eingebrochen ist. Und offenbar zeigt auch Russland leichte Ungeduld mit Assad: Mitte April kritisierte ein Kreml-naher Thinktank das mangelnde Interesse Assads daran, eine politische Lösung für Syrien zu finden, die jedoch für den Wiederaufbau nötig wäre. (Gudrun Harrer, 4.5.2020)