Schweden setzt auf Freiwilligkeit in der Corona-Bekämpfung. Weil die Todesrate hoch ist, gibt es viel Kritik.

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Das Coronavirus hat ganz Europa lahmgelegt. Nur in einem Land geht es weniger streng zu – in Schweden. Viele Restaurants und Geschäfte sind geöffnet, ebenso wie Kindergärten und Schulen für unter 16-Jährige. Auf Verbote und strenge Einschränkungen hat Schweden verzichtet. Die Strategie lautet: Wer sich krank fühlt, bleibt zu Hause, wer über 70 Jahre alt ist oder eine Vorerkrankung hat, sollte soziale Kontakte meiden. Zudem raten die Behörden auch in Schweden dazu, Abstand zu halten, wenn möglich, von zu Hause zu arbeiten, und sich häufig die Hände zu waschen. So wie Österreich seit dem 1. Mai lebt Schweden seit Anbeginn dieser Pandemie.

Trotz allem ist auch in Schweden das soziale Leben deutlich zurückgegangen. Laut Daten von Google für Haltestellen und Bahnhöfe sind diese mit Ende April in Schweden um 35 Prozent weniger gut besucht, in Österreich beträgt der Rückgang 45 Prozent. In Schweden sind die Aufenthalte in der eigenen Wohnung um neun Prozent gestiegen, in Österreich um 14 Prozent.

Todesfälle verschoben

Anders Tegnell ist Epidemiologe bei der schwedischen Gesundheitsbehörde, deren Empfehlungen die Politik in Schweden folgt. Er spricht oft von Herdenimmunität und glaubt, dass Teile seines Landes sie schon im Mai erreichen könnten. Gleichzeitig betont er immer wieder, dies sei nicht die Strategie, die Schweden gewählt habe. Man versuche lediglich – wie anderswo auch – die Infektionszahlen niedrig zu halten. Schweden hat bislang 2.854 Todesfälle bei 10,2 Millionen Einwohnern. In Österreich sind es 608 bei 8,9 Millionen.

Die vergleichsweise hohe Zahl der Todesfälle in den letzten Wochen ist es auch, die Kritiker der schwedischen Strategie als Beleg des Scheiterns heranziehen. Eine Antwort darauf hat Epidemiologe Johan Giesecke, der die schwedische Regierung sowie die WHO berät. Viele Länder haben ihre Todesfälle nur in die Zukunft verschoben, auf die Zeit nach dem Lockdown, glaubt er. In einem Jahr solle man die Todeszahlen der Länder vergleichen, dann werden sie etwa gleich hoch sein, vermutet er – mit dem Unterschied, dass die schwedische Wirtschaft besser dastehe und es weniger Folgekosten eines strengen Lockdowns gebe, etwa Suizide, psychische Erkrankungen oder andere, während der Pandemie unzureichend behandelte Krankheiten. Und: Man habe die Bürger nicht eingesperrt, ihnen Freiheiten gelassen und sie nicht bevormundet.

Nicht mehr Tote

Ähnlicher Meinung ist auch der Grazer Public-Health-Experte Martin Sprenger, der bis Anfang April Teil des Beraterstabs zum Management der Corona-Pandemie im Sozialministerium war. Er glaubt, sowohl in Österreich als auch in Schweden wird es am Ende des Jahres nicht mehr Todesfälle geben als in den Jahren 2019 oder 2021. Seine Argumentation dafür: "So ein Virus trifft die, die dem Tod am nächsten sind. Sie sind, zumindest in diesen beiden Ländern, nun an Corona gestorben, anstatt einige Monate später eines natürlichen Todes." Nach der Übersterblichkeit im März und April rechnet Sprenger mit einer Untersterblichkeit in den Monaten danach. Auch in Schweden lag der Altersdurchschnitt der an Covid-19-Verstorbenen bei 81 Jahren.

Anders sieht das die Epidemiologin Eva Schernhammer von der Med-Uni Wien. Man sehe schon jetzt, dass die Gesamtmortalität durch Corona in vielen Ländern zugenommen hat: "Dass sich das am Ende des Jahres ausgleichen wird, dem kann ich nicht viel abgewinnen", sagt sie. Und weiter: "Schweden ist damit ein großes Risiko eingegangen. Und dafür, wie locker die Maßnahmen dort sind, ist das Land glimpflich davongekommen."

Wenn es um Menschenleben geht, "sollte man lieber nichts riskieren und einmal strenger handeln, als dann im Nachhinein etwas zu bereuen", sagt Schernhammer. Und auch Sprenger bestätigt, dass er den schwedischen Weg nicht gewählt hätte: "Bei so viel Ungewissheit, wie wir sie Mitte März hatten, ist das Vorsichtsprinzip schon wichtig", sagt er. Als Ende März aber klar war, dass die Spitäler in Österreich nicht an ihre Grenzen gelangen werden, "hätte man sich auf andere Schäden konzentrieren müssen, etwa auf die Regelversorgung oder wirtschaftliche Auswirkungen", so Sprenger weiter.

Kritik im Land

Am Kurs der Schweden, der vor allem von Experten und nicht von Politikern vorgegeben wird, gab es aber auch im Land immer wieder Kritik. Mitte April kritisierten 22 hochrangige Wissenschafter die Gesundheitsbehörden und forderten die Politik auf, mit strengeren Maßnahmen einzugreifen. Als Referenz führten sie die Gesamtsterblichkeitsrate an, die auch im Vergleich mit den Nachbarländern Dänemark und Finnland deutlich höher ist.

Doch auf Vergleiche mit anderen Ländern haben die Verantwortlichen eine andere Sichtweise. Johan Carlson, Generaldirektor der Agentur für Volksgesundheit, verkündete im schwedischen Fernsehen: Nicht Schweden sei es, das ein Experiment mit seiner Bevölkerung wage, sondern alle anderen Länder, die die Menschen für mehrere Monate einsperren wollen.

Und immer wieder beruft man sich in Schweden auf Evidenz, genauer gesagt darauf, dass es sie nicht gibt. Etwa wenn es um Schulschließungen geht. Belege dafür, dass sie einen epidemiologischen Nutzen bringen, gebe es schlichtweg nicht, betont Tegnell immer wieder. Darüber hinaus sei es für die psychische und physische Gesundheit von entscheidender Bedeutung, dass die jüngere Generation aktiv bleibt, so Tegnell in einem Interview mit der Fachzeitschrift "Nature". Auch in Österreich gibt es Stimmen, die Schweden für diese Einstellung loben. Etwa die Gesundheitsexpertin Claudia Wild vom Austrian Institute for Health Technology Assessment: "Meiner Meinung nach bedarf es bei politischen Entscheidungen wie jener, dass so viele Menschen, ja, dass die ganze Welt daheim bleiben muss, wissenschaftlicher Evidenz", sagt sie.

Kein Ländermatch

Ein weiteres Problem in der Einschätzung von richtig und falsch ist, dass sich sowohl Infektions- als auch Todeszahlen schwer vergleichen lassen, weil sie in den Ländern oft unterschiedlich erhoben werden. "Es ist fast unerträglich, wie mit Zahlen manipuliert wird, um die eigene Sicht der Dinge durchzubringen", sagt Sprenger am Beispiel Schwedens. "Alle bashen auf das Land hin, aber das ist kein Ländermatch", sagt er und kritisiert alle, die die Situation als Wettkampf sehen statt als Chance, voneinander zu lernen. Und Schernhammer ergänzt: "Jedes Land versucht auf seine Weise, mit der ungewissen Situation fertigzuwerden."

Unabhängig davon beeinflussen zahlreiche Faktoren die Entwicklung einer Pandemie in verschiedenen Ländern. Ländervergleiche sind daher von vornherein schwierig. "Wir verstehen vieles derzeit nicht. Etwa warum einige Länder so stark leiden und andere kaum", sagt Schernhammer. Als Beispiel nennt sie Haiti und die Dominikanische Republik. Die beiden aneinandergrenzenden Staaten sind extrem unterschiedlich betroffen. In Ersterem gibt es 100 bestätigte Fälle und zwölf Tote, in Letzterem 8.480 Fälle und 350 Tote.

Viele Single-Haushalte

Im Fall von Schweden sind es mehrere Faktoren, die entscheidend sein könnten: Das Land ist wesentlich dünner besiedelt als Österreich. Stockholm jedoch, wo ein Großteil der Infektionen und 60 Prozent der schwedischen Todesfälle aufgetreten sind, ist dichter besiedelt als Wien. Zudem ist Schweden das Land mit den meisten Single-Haushalten in Europa, setzt traditionell mehr auf die Freiwilligkeit der Bürger, und Händeschütteln ist im Alltag an sich weniger üblich als in Österreich. Was die Infektionen noch erhöht haben könnte: Als sich das Virus in Norditalien ausgebreitet hat, waren in Schweden Frühlingsferien und viele auf Skiurlaub in den Alpen. Auch die Versorgungssituation könnte eine Rolle spielen: Schweden hat 5,8 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, in Österreich sind es 21,8.

Hinzu kommt eine andere Mentalität: Pressekonferenzen in Schweden laufen nüchtern und sachlich ab. Und wenn etwas falsch gelaufen ist, gestehen die Verantwortlichen das ein, sagt Sprenger, der hier wesentliche Unterschiede zu Österreich sieht: "Die Schweden lassen sich nicht einfach etwas vorschreiben, da würden sie sich entmündigt fühlen. Sie wollen verstehen, warum etwas passieren muss, und dann halten sie sich auch daran."

Ein Faktor hat die Zahl der Todesfälle wohl am deutlichsten beeinflusst: In Schweden sind besonders viele Menschen in Alters- und Pflegeheimen gestorben, Schätzungen zufolge ist es fast ein Drittel der Fälle, in Stockholm betrifft das jeden zweiten Todesfall. Die Regierung hat hier Versäumnisse eingeräumt. Ein Besuchsverbot in diesen Einrichtungen gab es erst ab 3. April.

Keine zweite Welle

Und wie schauen Szenarien für die Zukunft aus? Hat Schweden möglicherweise das Schlimmste schon überstanden und Österreich steht eine zweite Welle noch bevor? All das wird sich erst hinterher zeigen. Von früheren Pandemien wisse man, so Schernhammer, das manche Regionen von einer ersten Welle relativ verschont, dafür von einer zweiten härter getroffen werden können.

Für Sprenger ist es zumindest eine Möglichkeit, dass das Virus überhaupt nicht mehr als Welle zurückkommt: "Vielleicht gibt es stattdessen nur mehr einzelne lokale Infektionen, das ist für mich mittlerweile auch eine echte Option geworden", sagt er und ist sich sicher: "Die österreichische Krankenversorgung wird mit dieser Pandemie keine Probleme mehr bekommen." Demnach könnte es vielleicht sogar gelingen, in Zukunft einen sachlicheren, weniger emotionalen und wissensbasierteren Weg für den Umgang mit Viren zu finden – nur ein bisschen so wie in Schweden. (Bernadette Redl, 7.5.2020)