Experten sind sich einig: Der Diebstahl der "Mona Lisa" im Jahr 1911 verhalf dem Gemälde zu seinem heutigen Ruhm.
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Eigentlich hätten die Größe von einem Autoreifen und das Gewicht von 100 Kilogramm ausreichen sollen, die aus reinem Gold bestehende Big Maple Leaf-Münze zu schützen. So war sie zwar von einer Glasvitrine ummantelt, diese war aber nicht alarmgesichert.

Bei einem spektakulären Einbruch konnten 2017 drei Männer in das Berliner Bode-Museum einsteigen, das Glas mit einer Axt zerstören und die Münze abtransportieren. Anfang dieses Jahres wurden die Täter verurteilt, von der Münze fehlt bisher jede Spur. Allein ihr Materialwert wurde auf vier Millionen Euro geschätzt. Mit großer Sicherheit wurde sie eingeschmolzen und verkauft. Ein klassischer "meltdown mob".

Schmutziger Markt

Begriffe wie diese, kann man in dem neuen Buch Kunst und Verbrechen der Kunstmarktexperten und Journalisten Stefan Koldehoff und Tobias Timm lernen, das bei Galiani Berlin erschienen ist. Darin erzählen sie – spannend, wenn auch etwas plakativ – von Kunstdiebstählen, Fälschungen und dubiosen Figuren am Kunstmarkt.

"Dieser Band konzentriert sich auf Verbrechen, die vor Augen führen, wie weit in der Kunstwelt Anspruch und Wirklichkeit oft auseinanderklaffen. Dass um das Gute, Schöne, Wahre häufig mit schmutzigen Methoden gekämpft wird", so die Autoren im Vorwort.

Schmutzig scheint da ein gutes Stichwort, vergleicht man legendäre "art heists" wie das Verschwinden von da Vincis Mona Lisa aus dem Pariser Louvre 1911 mit aktuellen Kunstdiebstählen, beispielsweise dem Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden oder dem erst kürzlich erfolgten Diebstahl des Frühlingsgarten von Van Gogh aus einem wegen Corona geschlossenen niederländischen Museum. Brutaler seien diese geworden, die Täter meist bewaffnet und wie im Beispiel der Goldmünze geht es oft nicht um den kunsthistorischen Wert, sondern um das Material, lehrt das Art-Crime-Fachbuch.

Mythos Kunstverbrecher

Die Beispiele stehen für einen symptomatischen Wandel des Kunstmarkts, so Koldehoff und Timm, die diesen seit Jahren hinsichtlich von Kriminalfällen untersuchen. Das Ziel des Buchs ist es, den Mythos des Kunstverbrechers zu entromantisieren und nach den Hintergründen zu fragen: "Der geheimnisvolle unbekannte Millionär, der Kunstdiebstähle in Auftrag gibt, um die Werke im geheimen Keller anzuschauen", existiere so nicht. Abgesehen davon scheint es heute fast unmöglich, weltberühmte Werke einfach so auf dem offiziellen Markt zu verkaufen.

Viel häufiger komme es zu sogenannten Artnapping-Fällen, bei denen Werke nicht als Trophäe, sondern als Geisel dienen. Oft wird Kunst auch für Geldwäsche oder als illegales Zahlungsmittel eingesetzt. Die Liste dieser kriminellen Machenschaften des Kunstmarkts setzt sich in den späteren Kapiteln fort: Kunstfälschungen (Modigliani-Mythos), Geschäfte mit Reliquien (Hitler-Telefon), Schmuggelware (geheime Antiquitätennetzwerke) oder schwerer Betrug wie im Fall des Kunstvermittlers Helge Achenbach, der seine Kunden um Millionenbeträge brachte.

Metapher und Realität

Koldehoff und Timm wollen die Glorifizierung jener Kunstverbrechen zwar trüben, drücken aber auch selbst auf die Pathostube. Einleitend abstrahieren sie den Kunstmarkt zu einem Ort mit einer hellen und einer dunklen Seite – eine immer wiederkehrende Metapher. Verantwortlich für die dunkle Seite sehen sie allen voran die Tatsache, dass immer teurer werdende Kunst zu einer Form des Investments gezüchtet wurde – zu einem "Statussymbol der Superreichen". Zwar wollen sie die Branche unter keinen Generalverdacht stellen, sehen den Kunstmarkt aber dennoch als einen der "zugleich globalisiertesten wie intransparentesten Märkte".

Die Bestätigung aus der Realität folgt prompt, der Kunstmarkt beziehungsweise dessen sehr dunkle Seite schläft offensichtlich auch während der globalen Krise nicht: Am Mittwoch wurde bekannt, dass eine großangelegte Razzia in 103 Ländern ein illegales Netzwerk von Kunst- und Antiquitätenhändlern aufgedeckt hat. Mehr als 100 Verdächtige wurden festgenommen, 300 Ermittlungen eingeleitet und 19.000 gestohlene Objekte sichergestellt. (Katharina Rustler, 7.5.2020)