"Der Streßtest von Corona macht so klar und sichtbar wie nie, welche Bevölkerungsteile nicht der 'nationalen Solidargemeinschaft' angehören und nicht bereit sind, die kollektiven Opfer zu bringen." Das sind klare Worte von Martin Sellner, dem Anchorman der Identitären Bewegung. Zu lesen sind sie im Magazin "Sezession".

Impfgegnern, Menschen, die das Tragen von Schutzmasken verweigern, Leuten, die keine Verantwortung gegenüber alten und verletzlichen Menschen wahrnehmen wollen - die werden am Donnerstag in Wien erneut auf die Straße gehen. Die Einladung kommt von der Initiative ICI ("Initiative für evidenzbasierte Corona Informationen"). Dass der Initiative für evidenzbasierte Informationen vor allem Leute folgen, die für eine evidenzbasierte Medizin wenig bis nichts übrig haben, dass zeigen bereits die Berichte der ersten derartigen Demos.    

Identitäre sondierten das Terrain bereits

Sellner hatte bereits bei den ersten Gehversuchen der Anti-Corona-Maßnahmen-Demos das Terrain sondiert und offenbar für gut befunden. Den Vorwurf, sich der "nationalen Solidargemeinschaft" zu verweigern,  den macht Sellner nicht denen, die mit "Gebt Gates keine Chance"- und "No Vax"-Stickern posieren und keck ihr Recht auf aktive und passive Infektion einfordern. Der Vorwurf richtet sich gegen Menschen, die - so der metaphorische Szenesprech -  "wie ihre unmittelbaren Vorfahren ein Gebirgstal im Hindukusch oder eine Oase vor Tripolis" zu verteidigen bereit wären, aber keineswegs die Gesundheit. Das Periodikum "Sezession" will so etwas wie das intellektuelle Aushängeschild der Neuen Rechten sein. Damit wäre zum Niveau der Szene alles gesagt.

Aufruf vom Schafberg auf Wien hinab an "alle Patrioten"

Sellner bestieg jüngst den Schafberg in Wien mit dem Selfie-Stick, um "Patrioten" über einen Youtube-Monolog zum Anschluss an die Corona-Wutbürger zu motivieren. Die Agenda der Seuchenbegeisterten zum Thema Impfungen übernimmt er vorab volley.  Sellner ist empört, "dass man Leuten vorwirft, andere zu gefährden, sich nicht zu impfen, die eigenen Kinder nicht zu impfen - dass man die dazu zwingen kann."

Die "gläubige Masse" sei aufgehetzt gegen "Virusleugner und Impfsünder", weil sie halt die "Staatsmedien" konsumierten und weniger die "alternativen Medien". Der Marschbefehl Sellners: "Es ist ein Gebot der Stunde, dass alle Patrioten ohne Eigendünkel und mit einer gewissen Aufopferungsbereitschaft" sich zumindest temporär in die Bewegung einbringen. Zusatz: "Macht keine weltanschaulichen, inhaltlichen Kompromisse und versteht das Ganze als ein notwendiges und temporäres Zweckbündnis." Die Chuzpe muss man mögen: Sellner ruft "alle Patrioten" dazu auf, sich mit allerlei Seuchenfreunden einen Karl zu machen - den Schwarzen Peter der Gemeingefährdung, den will er Leuten "vom Hindukush" umhängen, von denen weit und breit niemand zu sehen ist bei den bizarren Aufmärschen. 

Die Taliban und die Impfgegner sind d'accord

Ein kleine Anmerkung zum Spin mit dem Hindukusch: Die islamistischen Taliban in und um den Hindukusch haben zwar in der Regel weder Haar noch Bart so schöne wie die Identitären, sie sind aber - zumindest in Sachen aktiver Immunisierung - Brüder im Geiste: Die Aktivisten in Kandahar und Peshawar halten nämlich auch nicht viel vom Gerede um Viren und von Schutzimpfungen. Impfungen seien westlich-jüdisches Teufelszeug, das Muslime unter anderem unfruchtbar machen soll. Die Taliban machen in der Sache Nägel mit Köpfen, bedrohen Ärzte und Vertreter von Impfkampagnen und schrecken vor Gewalt nicht zurück. Wir vermuten: Die Burschen mit Bart und Pluderhose lesen - ebenso wie die Identitären oder esoterischen Impftalibans Österreichs - einfach die richtigen "alternativen" Medien. 

Gates ist die Nemesis der Impfgegner.
Foto: Heribert Corn/www.corn.at/derstandard

Die Partei "Widerstand2020" formiert sich auch in Österreich

Sellner verweist in seinem Video auf eine geplanten Dialog mit dem deutschen Arzt Bodo Schiffmann. Schiffmann ist einer der Wortführer von "Widerstand2020". Die recht neue Partei ist in Deutschland eine Art Sammelbecken für Seuchenenthusiasten, Reichs- und Wutbürger und all jene, die in Deutschland unter dem Label "Hygienedemos" den Behörden das Leben schwer machen. Die "Hygienedemos" sind ein Aufguss der Montagsmahnwachen, bei denen auch in Österreich ab dem Jahr 2014 ein bunter Mix aus Obskuranten, Antisemiten, Rechtsextremisten und Querfront-Linken Stimmung gegen Obama und Israel und die Ukraine machten und ein gutes Wort für Putin, Putin und vor allem für Putin einlegten. Das alles geschah unter der Regenbogenfahne mit der weißen Taube. An Selbstbewusstsein mangelt es dem "Widerstand2020" nicht, man verkündet, aus dem Stand mehr Mitglieder als Grüne oder FDP zu haben. Von der Gründung eines österreichischen Ablegers von "Widerstand2020" werden wir spätestens am Donnerstag hören. 

Demo-Organisatoren ist Sellners Schützenhilfe peinlich

Die Organisatoren der Demo am Donnerstag sind über Sellners Aufruf nicht erquickt: "Wir freuen uns jedenfalls nicht darüber, können das aber nicht verhindern", teilt ICI-Pressesprecher Jakob Purkharthofer mit, man sehe sich als der Mitte der Gesellschaft und lehne jeden Extremismus ab. Dann ergänzt er: "Sellner kommt sicher, weil die Medien das gerne berichten, um uns so zu schaden." Ob es die "alternativen" Medien sind, die ihr böses Spiel treiben und Sellner zur Sause laden oder der "Mainstream", darüber lässt uns der Pressesprecher grübeln.  

Die bisherige Querfront von rechtsaußen bis links bekommt jedenfalls Risse. Bei der ersten Demo war auch Maria Stern anwesend. Die ehemalige Grüne und nunmehrige Vorsitzende der Liste Jetzt verweist darauf, dass an der Demo "viele Linke" teilgenommen hätten, von der Anwesenheit der Identitären habe sie erst am Abend erfahren. Stern: "Das gefundene Fressen für die Medien bedaure ich." Einen Demoaufruf von Sellner werde sie jedenfalls nicht befolgen. (Christian Kreil, 11.5.2020)

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