Die neuesten Arbeitslosenzahlen, Stand Ende der vergangenen Woche, zeichnen ein deutliches Bild der wirtschaftlichen Verheerung, die die Corona-Virus-Pandemie in der USA verursacht. Weitere 3,2 Millionen Menschen suchten in der Woche vom 4. Mai um Arbeitslosenunterstützung an, 33 Millionen waren es insgesamt in den letzten sieben Wochen. In einigen Bundesstaaten ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos. Durch die Pandemic Unemployment Assistance, Teil des Coronavirus Aid, Relief and Economic Security (CARES) Pakets der amerikanischen Regierung, erhalten Individuen, die ihren Job auf Grund der Pandemie verloren haben, 600 US-Dollar pro Woche, zunächst bis Ende Juli. Außerdem wird den meisten Erwachsenen ein einmaliger Betrag von 1.200 US-Dollar ausbezahlt, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern. Eine dringend benötigte finanzielle Unterstützung, da die Pandemie die Schwächsten trifft. Laut eines Berichtes des Brookings Instituts, einem Think-Tank in Washington D.C., erhält eines von fünf Kindern momentan nicht genug zum Essen, eine drei Mal höhere Zahl als am Höhepunkt der Rezession 2008. 

Österreicher berichten aus New Jersey, Ohio und Kalifornien

In den USA lebende Österreicher berichten im Folgenden über ihre persönlichen und beruflichen Eindrücke in ihren Bundesstaaten, über Arbeitslosigkeit und Food Banks in New Jersey, katastrophale Verhältnisse in Ohios Gefängnissen und Obdachlose in Los Angeles. 

New Jersey

Daniela ist Kriminalsoziologin an der Montclair State University und wohnt in West Orange, New Jersey, circa 30 Minuten vom Big Apple entfernt und eines der Covid-19-Epizentren. Ihr Mann, ebenfalls Professor, ihre zwei Töchter und sie selbst sind nun schon seit Anfang März zu Hause und versuchen, Schule und Universität unter einen Hut zu bringen.

"Die Situation im Norden von New Jersey ist immer noch angespannt und die 'Stay at home'-Order ist nach wie vor aktuell, wobei nun wenigstens Parkanlagen langsam geöffnet werden. Es wird aber für die Leute hier immer schwieriger, sich an die Ausgangsbeschränkungen zu halten, da das Geld für viele knapp wird. Jeder Zehnte in New Jersey ist im Moment arbeitslos gemeldet, Arbeitslosengeld wird an viele wegen Systemüberlastung jedoch nicht ausbezahlt. Das Monmouth University Polling Institute berichtete vor kurzem, dass in vier von zehn Haushalten in New Jersey mindestens eine Person ganz oder vorübergehend arbeitslos wurde. Infolgedessen sind viele Menschen gezwungen, sich an eine der unzähligen Food Banks zu wenden, die es in vielen Städten gibt.

New Jersey ist einer der drei reichsten Bundesstaaten in den USA und trotzdem gibt es anscheinend nicht genügend Geld, um die Bevölkerung mit ausreichend Nahrungsmitteln zu versorgen. Gemeinnützige Organisationen übernehmen lokal vielerorts diese Rolle, wie zum Beispiel in Newark, wo vor kurzem die Community Food Bank of New Jersey Nahrungsmittel an 2.000 Familien verteilt hat. In meiner Stadt gibt es auch unzählige Organisationen, zum Beispiel Kirchen, Nachbarschaftsgruppen, und zentrale Schulverwaltungen, die Essen für Menschen in Not bereitstellen. Der Bedarf ist aber so groß, dass immer wieder Spendenaufrufe für Lebensmittel gemacht werden.

Menschen stehen in der Schlange, um Mahlzeiten und Gesichtsmasken für Bedürftige zu erhalten.
Foto: Reuters/MIKE SEGAR

Strukturelle Ungleichheiten klar erkennbar

Auch persönlich ist es stressig für uns, denn obwohl wir bisher gesund sind, haben viele unserer Studenten selbst mit dem Virus und mit Verlusten in ihren Familien zu kämpfen. Ganze Familien wurden arbeitslos, manche Studenten haben keinen fixen Wohnplatz. Alle Kurse wurden online gelegt, was viele unserer Studenten benachteiligt hat, da diese auf Computer und Internetzugänge am Campus angewiesen waren.

450 Studenten leben derzeit noch gut betreut in den Studentenwohnhäusern unserer Universität, viele von ihnen internationale Studenten, die es nicht mehr nach Hause geschafft haben oder junge Menschen, die einfach nicht nach Hause können, weil es dort keinen Platz für sie gibt. Die strukturellen Ungleichheiten, die in diesem Land so oft zur Seite geschoben werden, stellen sich im Moment ganz klar dar, und obwohl ich nun schon seit über zehn Jahren in den USA lebe, fällt es mir immer noch schwer zu verstehen, wie es das in einem der reichsten Länder der Welt geben kann.

Ich habe nun schon neun Wochen zu Hause verbracht, wo ich versuche, meinen Job in wenigen Stunden pro Tag zu verrichten, bevor ich in die Rolle der Volksschul- und Gymnasiallehrerin schlüpfe, oder meine verzweifelte, 6-jährige Tochter aufmuntere, weil sie einfach 'done with Corona' ist. Der Vergleich zu vielen meiner Mitmenschen, die ohne Einkommen sind oder mit dem Virus kämpfen, stellt meine Probleme definitiv in den Hintergrund, daher Schluss mit Raunzen und auf zum Supermarkt um Nudeln, Reis, und Pasta Sauce zu besorgen, damit auch meine Nachbarn weiterhin Essen können."

Leerer Campus Montclair State University
Foto: Daniela
Leere Regale Whole Foods N.J.
Foto: Daniela

Ohio

Daniela ist gebürtige Steirerin und kam 2007 mit einem Fulbright Stipendium nach Akron, Ohio, um ein Soziologiedoktorat zu machen. Sie ist jetzt Assistant Professor für Soziologie und Criminal Justice an der University of Akron. Die Geschlechtereffekte der Pandemie schockieren sie und sie findet sich in einer total retraditionalisierten Situation wieder. Arbeit, Haushalt, Kind, Mann arbeitet außer Haus. Gute Diskussion und Reflexion findet sie in der Grazer "feminist mothering"-Mailingliste, in der sie noch immer aktiv ist.

"Ohio gehört nicht mehr offiziell zum Bible Belt, ist aber ein inoffizieller Ausläufer. Der derzeitige Governor DeWine hat schon relativ früh Quarantäne Empfehlungen verhängt, jedoch ist Ohio globaler Infektionsraten-Spitzenreiter, nämlich in den Strafanstalten. Ohio allein hat circa 49.000 Gefangene in einem Haftsystem, das für 38.000 gebaut ist. Insgesamt sind in den USA an jedem Tag  2,3 Millionen Menschen hinter Gittern, die höchste Gefängnisrate der Welt. Das 'Prison overcrowding' ist nun ein Saatbeet für die schnelle Verbreitung von Covid-19 unter Gefangenen aber auch dem Personal. 'Social distancing' ist nicht möglich. Gefangene haben aus Sicherheitsgründen nur sehr limitiert, wenn überhaupt, Zugang zu Desinfektionsmitteln und Masken. Im Elkton Federal Prison in meiner Nähe sind bereits sechs Gefangene verstorben.

In den Haftanstalten von Marion und Pickaway in Ohio sind rund 80 Prozent der Insassen infiziert (sechs sind in Marion schon verstorben, 19 in Pickaway, laut offiziellen Zahlen vom 29. April; auch eine Krankenschwester starb an den Folgen von Covid-19). Das ist aber erst der Anfang, denn in den meisten Gefängnissen gibt es noch keine umfangreichen Tests. Das Marshall Project dokumentiert die Infektionsraten hinter Gittern laufend und stellt fest, dass sich diese bisher wöchentlich verdoppelt haben. Angehörige und unabhängige Organisationen verlangen die Entlassung von Gefangenen, was aber nur in minimalem Ausmaß passiert. Bis jetzt sind 108 Gefangene in Ohio freigelassen worden.

Geburtsstadt der Anonymen Alkoholiker

Meine eigene soziologische Forschung findet in einem Niedrigsicherheits-Frauengefängnis statt, in dem ich vor einem Jahr einen Bio-Garten initiiert habe. Dieses ist natürlich auch im Lockdown und nun ziehe ich zu Hause im Keller Pflanzen unter Anleitung meiner wunderbaren Mutter und Meistergärtnerin in der Weststeiermark. Diese kann ich dann hoffentlich im späten Mai oder Juni mit den Frauen pflanzen, um der Ernährungsunsicherheit, der Armut, und dem geringen Wissen über nachhaltige und gesunde Ernährung gemeinsam etwas entgegenzusetzen.

Speziell in Akron ist auch, dass es die Geburtsstadt der Anonymen Alkoholiker (AA) ist. Das erste AA-Meeting fand hier 1935 statt. 'Founder's Day', die traditionelle große Konferenz am zweiten Juniwochenende mit circa 12.000 TeilnehmerInnen, wurde abgesagt. Zum ersten Mal in der Geschichte von AA finden hier keine 'meet'ns“ mit schlechtem Kaffee und Doughnuts statt (normalerweise gibt es circa 400 Treffen pro Woche) und es werden keine 'hugs statt drugs' verteilt. 'Recovery and good vibes' setzen sich trotzdem durch. Viele Treffen haben sich auf Zoom verlagert, was neue Möglichkeiten bietet: Nun kommen Menschen aus allen Teilen der Welt zu online AA-Meetings, die sich die Reise nicht leisten könnten."

Ohio ist Ausläufer des Bible Belts
Foto: Daniela
Danielas Pflanzen, die sie für die Gefängnisinsassen zieht.
Foto: Daniela

Kalifornien

Robert aus Wien lebt seit 2014 in Glendale, Kalifornien, und arbeitet bei der Nasa, genauer am Caltech/Jet Propulsion Lab. Er leitet ein Team, das die digitale Werkzeuginfrastruktur für 4.000 Ingenieure zur Verfügung stellt, um Weltraummissionen zu planen, designen und testen. Davor hat er selbst jahrzehntelang Steuerungssysteme für die größten Teleskope der Welt konstruiert.

"LA County ist mit 10 Millionen Menschen das bevölkerungsreichste County der gesamten USA. Die Fläche ist ungefähr mit der Kärntens zu vergleichen. Bisher gab es circa 28.000 Covid-19-Erkrankungen und mehr als 1.300 Tote. Kalifornien und im speziellen Los Angeles County haben relativ früh mit Einschränkungen begonnen. Schulen, Theater, Kinos und Sportstätten sind seit Wochen dicht. Als ich mich zu Beginn noch allein auf einem öffentlichen Tennisplatz befand, wurde ich über Lautsprecher von der Polizeistreife darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich laut California Code so und so dort nicht aufhalten darf. Am nächsten Tag war dann ein Schloss dran.

Am Anfang gab es vereinzelt Hamsterkäufe, vor allem in Gegenden der Mittelschicht. Wenn man in ärmeren Vierteln einkauft, war weniger Gedränge, weil viele es sich nicht leisten können zu hamstern. Seit ein paar Tagen gibt es Gesichtsbedeckungspflicht in den Supermärkten. Aber wie alles in Kalifornien, wird es von Stadt zu Stadt und Markt zu Markt unterschiedlich gehandhabt. Die einen kleben einfach einen Zettel an die Scheibe, aber drinnen drängt man sich trotzdem, bei anderen lässt man nur eine bestimmte Anzahl von Leuten rein und die Wagerl werden desinfiziert. Manchmal gibt es auch Streifen am Boden, wo man stehen soll.

Hochburg von Gangs

Trotz der Los Angeles Gangsterkultur funktioniert das 'social distancing' erstaunlich gut. LA ist die Hochburg von Gangs in den USA, mit mehr als 1.300 Gangs und 175.000 Mitgliedern. Die machen ihre eigenen Gesetze und kümmern sich nicht darum, was der Staat und öffentliche Stellen zu sagen haben. Und diese 'Gangsterkultur' färbt auch ein bisschen auf den Rest der Bevölkerung ab, finde ich. Letztes Wochenende habe ich ein großes Motorradgangtreffen beobachtet. Maske? Egal. Social Distancing? Egal.

Man hat seit Beginn der Beschränkungen immer noch große Bewegungsfreiheit, trotz 'stay home order'. Man sieht Leute in den Parks, sie wandern, fahren Rad und laufen. Auch in Gruppen, aber immer öfter mit Gesichtsschutz, der mittlerweile verpflichtend ist. Trotzdem habe ich noch nie so viele Menschen auf der Straße spazieren gehen sehen, wie jetzt. Es fahren ja sonst die meisten mit dem Auto. Öffentlicher Verkehr ist nur für die, die sich kein Auto leisten können, sagt man hier.

Alle öffentlichen Strände in LA County sind gesperrt. Die Menschen parken aber entlang des Pacific Coast Highway vor dem Strand und genießen zwischen Auto und Strand dicht gedrängt die Sonne. In Ventura County, das nordwestlich an LA County angrenzt, sind die Strände offen und es tummeln sich dort einige Menschen. Die Strände sind hier so riesig, dass sich die Menschenmassen selbst im Sommer leicht verlieren. Mit dem Sperren der Strände erreicht man leider genau das Gegenteil. Ebenso sind fast alle Wanderwege in den San Gabriel Mountains gesperrt und es winkt eine Strafe von 5.000 Dollar, wenn man es missachtet. Was viele Leute aber nicht hindert, trotzdem wandern zu gehen.

Die Obdachlosen in Los Angeles sind von Covid-19 stark betroffen. Die offiziellen Schätzungen, wie viele Obdachlose tatsächlich im Stadtgebiet von Los Angeles und im Los Angeles County in Zeltdörfern leben, variieren stark, die Zahl dürfte um die 100.000 liegen. Zeltdörfer sind fast über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Ein guter amerikanischer Freund sagte, dass niemand wirklich an Covid-19 glauben werde, solange keine Toten auf den Straßen liegen, was bei 100.000 Obdachlosen nicht unwahrscheinlich ist. Man stellt jetzt mobile Desinfektionsstationen in der Nähe der Zeltstädte auf. Seit zwei Wochen bieten Sozialarbeiter vermehrt Covid-19-Schnelltests und Gesundheitsscreenings für Obdachlose an, und es werden zusätzliche Notunterkünfte zur Verfügung gestellt. Für Obdachlose, die älter als 65 Jahre alt sind oder an Vorerkrankungen leiden, werden spezielle Trailer Parks eingerichtet. Damit hofft man, die Covid-19-Ausbreitung in dieser Bevölkerungsgruppe in den Griff zu bekommen.

Die 'Austrians in Los Angeles'-Facebookgruppe hat sich das letzte Mal Anfang März auf ein Bier getroffen. Ich hoffe, das nächste Treffen findet noch in diesem Jahr statt.

Und es wäre nicht Kalifornien, würde die Krise nicht auch seltsame Blüten treiben. Im Ort Altadena werden 'Healing Prayers' und Services angeboten. Na wenn sonst nichts hilft…" 

Zeltdörfer Los Angeles County
Foto: Robert
Desinfektionsstationen
Foto: Robert
Healing Prayers in L.A.
Foto: Robert
Straende in Ventura County, noerdlich von LA
Robert

Aufruf

Liebe Leserinnen und Leser! Wie geht es Ihnen? Welche Erfahrungen machen Sie in Zeiten des Coronavirus? Wie gehen Sie und Ihre Familie mit der Krise um? Ich freue mich, von Ihnen im Forum zu lesen. Oder schicken Sie mir Ihre Erfahrungsberichte oder Fotos an stellaschuhmacher@hotmail.com. Bleiben Sie gesund! (Stella Schuhmacher, 11.5.2020)

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