Bill Gates ist eine der Zielscheiben von Impfgegnern.

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Verschwörungstheorien verbreiten sich wie Viren. Kaum erreichte das Coronavirus Europa, wurde darüber spekuliert, wer hinter der Krankheit stecken könnte. Dabei fällt oft der Name des Microsoft-Gründers Bill Gates, an dem sich vor allem Impfgegner abarbeiten. Die Gates-Stiftung finanziert weltweit unter anderem Gesundheitsprojekte, darunter auch Impfprogramme. Auf den sogenannten Querfront-Demonstrationen, bei denen sich Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten, Antisemiten und Menschen, die sich wegen der Einschränkung demokratischer Rechte Sorgen machen, zusammenfinden, wird er immer wieder ins Spiel gebracht.

Altes Zitat

"Viele Verschwörungstheorien funktionieren über die Dämonisierung einer Gruppe oder einer Person: Jemand wird als Sündenbock genutzt, ihm wird unterstellt, irgendetwas Dunkles im Sinne zu führen", sagt die Journalistin Ingrid Brodnig. Im aktuellen Fall sei dies oft Bill Gates, dessen Stiftung medizinische Projekte weltweit unterstützt und der auch die rasche Entwicklung eines Impfstoffs finanziell fördert. Gates werde zum Beispiel unterstellt, er wolle via Impfungen die Weltbevölkerung reduzieren. Die Basis dafür ist laut Brodnig ein altes Zitat von Gates, das aus dem Kontext gerissen und irreführend verwendet wird. Einen diesbezüglichen Faktencheck lieferte "Mimikama" .

Bill Gates.
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Der Hintergrund: Sinngemäß argumentierte Gates damals, dass Impfungen in Entwicklungsländern zu einer niedrigeren Sterblichkeitsrate bei Kindern führen – und dass Familien oftmals weniger Kinder bekommen, wenn sie damit rechnen, dass ihre Kinder das Erwachsenenalter erreichen. Gates wohltätiger Einsatz werde in vielen Thesen umkonstruiert zu einer bösartigen Agenda, so Brodnig. "Man sollte auch insofern vorsichtig sein, als dass manche Behauptungen antisemitische Töne aufweisen: Dann heißt es nicht nur, Bill Gates sei irgendwie involviert, sondern auch die Rothschilds. Das ist eine beliebte Methode, Wut auf Juden zu wecken – und auch in der Coronakrise gibt es solche Anspielungen."

Mikrochips implantieren

Es kursiert die Behauptung, der Microsoft-Gründer wolle Menschen über eine mögliche Impfung gegen den Sars-CoV-2-Erreger zugleich Mikrochips implantieren lassen, um totale Kontrolle zu erhalten. Häufig fußt die Falschbehauptung auf einem Bericht der Seite "biohackinfo.com". Dieser Artikel bezieht sich auf einen Beitrag von Gates bei einem Diskussionsforum im Netz am 18. März 2020 auf der Webseite "Reddit".

Auf die Frage eines Users zum Thema, wie Unternehmen in der Corona-Krise weiterarbeiten können, schrieb er, dass es irgendwann eine Art "digitaler Zertifikate" geben werde, die zeigten, wer die Erkrankung bereits durchgestanden hat, kürzlich getestet beziehungsweise – soweit irgendwann möglich – geimpft worden sei.

Verschwörer im Netz nahmen diese Aussage und strickten sie weiter. Dabei verrühren sie Forschungen, die nichts miteinander zu tun haben. So etwa eine Technik, um Impfungen im Infrarotlicht auf der Haut ablesen zu können, und ein Projekt, das sich für eine digitale Identifizierung einsetzt.

Es war eine Begleiterscheinung einer Demonstration vom 1. Mai. Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz wurde beschmiert, als sich Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, bekannte Rechtsextremisten und Menschen, die sich wegen der Einschränkung demokratischer Rechte Sorgen machen, gemeinsam über die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie echauffierten. Sechs Tage war "Stop die Quarantiranei" und "Gates no" auf dem sogenannten Deserteursdenkmal zu lesen, bis es am Mittwochnachmittag von Mitarbeitern der Stadtverwaltung gereinigt wurde.

Die digitale Identifizierung ginge nach Logik des Berichts am besten mithilfe von Mikrochips – wenngleich das Projekt nichts dergleichen erwähnt. Da Gates auch eine Verhütungsmethode mithilfe von Mikrochips unterstützt, sehen die Berichte das Komplott perfektioniert: Gates wolle Kapseln mit "digitalen Zertifikaten" auf den Markt bringen, die in Menschen implantiert werden könnten. So werde überwacht, ob Menschen bereits getestet oder geimpft seien.

Die Gates-Stiftung streitet das ab. Die unterschiedlichen Forschungen hätten nichts mit der Corona-Impfung zu tun, wie sie den US-Faktencheckern von "Factcheck.org" mitteilte. Auch ein Faktencheck der Nachrichtenagentur Reuters kommt zu dem Ergebnis, dass es sich um eine Falschbehauptung handelt.

Gimpfte Kinder

Darüber hinaus kursiert die Behauptung, Bill Gates würde selbst seine Kinder nicht impfen, wofür es aber keinen Beleg gebe. "Auf einer Webseite, die schon mehrfach damit auffiel, Verschwörungstheorien und Desinformation zu verbreiten, wurde diese Behauptung vor Jahren in die Welt gesetzt", weiß Brodnig. Reuters stuft die Causa als Falschmeldung ein. Melinda Gates selbst habe schon 2019 auf Facebook gepostet, dass alle ihre drei Kinder gegen Krankheiten geimpft seien.

Impfverpflichtung

Zwar gibt es noch gar keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus, aber es gibt bereits die These, dass eine Impfverpflichtung kommt. Mehr als eine Million Abrufe erzielte laut Ingrid Brodnig ein Youtube-Video eines deutschen Fotografen, der behauptet, am 15. Mai werde in Deutschland ein Gesetz in Kraft treten, das in Richtung Impfzwang gehe. "Das ist Unsinn – das Video beinhaltet viele inhaltliche Unschärfen und einiges an Spekulation."

"Es gibt weder ein beschlossenes Gesetz, noch einen Gesetzesentwurf, welcher in Deutschland einen Impfzwang einführen soll. Worüber die deutsche Regierung nachgedacht hat, ist, ob ein Immunitätsnachweis eingeführt werden soll – da dies aber sehr umstritten ist, wurde mittlerweile auch der deutsche Ethikrat eingebunden", weiß Brodnig. Und der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn ruderte laut Bayerischem Rundfunk zurück: Eine Gesetzespassage, die in Richtung Immunitätsnachweis gegangen wäre, wurde aus dem Entwurf gestrichen.

Es gibt kein Coronavirus

"Eine besonders steile These ist derzeit, dass es das Coronavirus generell nicht geben würde, dass die Pandemie eine Erfindung sei. Das ist natürlich kompletter Humbug – schließlich forschen Wissenschafter weltweit an diesem Virus", kritisiert Brodnig. Dazu passend habe beispielsweise der Sänger Xavier Naidoo in einem Video Beweise gefordert, "dass dieses Ding echt ist".

Generell kursiere seit Jahren unter überzeugten Impfgegnern die These, dass sämtliche Fotos von krankmachenden Viren eine Fälschung seien oder dass es keine Bilder von krankmachenden Viren gebe. Brodnig: "Das ist falsch." Für Brodnig bergen solche Fake-News "die Gefahr, dass manche Menschen sogar die pure Existenz von Viren infrage stellen und basierend auf solchen Vorstellungen dann Impfungen boykottieren." (APA, sum, 8.5.2020)