Überflutungen in der Nähe des Viktoriasees.

Foto: Reuters / Thomas Mukoya

Ostafrikaner fragen sich derzeit besorgt, von welchen biblischen Plagen sie sonst noch heimgesucht werden könnten: Denn außer gegen die Corona-Pandemie und eine Heuschreckenplage haben die Staaten der Region seit mehreren Tagen auch gegen sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen zu kämpfen. In Kenia, Somalia, Ruanda und Uganda verloren rund 300 Menschen ihr Leben, nachdem sie von über ihre Ufer tretenden Flüssen oder von Erdlawinen fortgerissen wurden.

Mit besonderer Sorge verfolgen Experten den dramatischen Anstieg des Wasserstands des Viktoriasees: Der zweitgrößte Süßwassersee der Welt hat inzwischen den höchsten Stand in der Geschichte der Aufzeichnungen erreicht und in den Anwohnerstaaten Kenia, Uganda und Tansania zahlreiche Dörfer überflutet. Rund 150 Strände sind verschwunden, mehrere bisher bewohnte Inseln unter Wasser gesetzt. Im ugandischen Kasese musste ein in Ufernähe gelegenes Krankenhaus geräumt werden.

Vegetation verstopfte Kraftwerk

Die Wasserbehörde Ugandas öffnete bereits die Schleusentore zwischen dem Viktoriasee und dem Nil: Allerdings muss sie dabei vorsichtig vorgehen, um nicht die flussabwärts lebenden Menschen zu gefährden. Eine riesige, von den Wassermassen des Zubringerflusses Kagera abgerissene Vegetationsinsel verstopfte in der vergangenen Woche die Turbinen des Wasserkraftwerks Nalubaale: Ein landesweiter Stromausfall war die Folge. Nachdem schon die Regenzeit im Dezember ungewöhnlich heftig ausgefallen war, begann auch die jetzige (die bis Ende Juni anhalten wird) mit außergewöhnlich frühen und starken Niederschlägen.

Im Westen Kenias mussten zigtausende Menschen ihre Dörfer verlassen, nachdem der Nzoia-Fluss über die Ufer getreten war. Die Wassermassen zerstörten Straßen wie Brücken und rissen tausende Hektar Ackerland mit sich, hieß es in Nairobi. Allein in Kenia sollen den Überschwemmungen bereits mehr als 160 Menschen zum Opfer gefallen sein. In Ruanda, das von hunderten Hügeln überzogen ist, kam es zu zahllosen Erdrutschen, die mindestens 65 Menschen töteten und zahlreiche Häuser und Hütten zerstörten. In Somalia wird befürchtet, dass der Juba- und der Schabelle-Fluss über ihre Ufer treten werden: Das würde UN-Angaben zufolge 240.000 Menschen bedrohen.

Nur die Heuschrecken freuen sich

"Die Flüsse schwellen mit einer beispiellosen Geschwindigkeit an", berichtet Justin Brady vom UN-Hilfswerk Ocha: Wenn es so weitergehe, sei eine Katastrophe zu erwarten. Nach Angaben von Meteorologen ist auch in den kommenden Tagen mit Regenfällen zu rechnen. Im Gegensatz zu Millionen von Menschen kommen die Niederschläge den Milliarden an Heuschrecken zugute, die in den ostafrikanischen Staaten derzeit unterwegs sind. Die von der arabischen Halbinsel ausgegangene Plage hatte Anfang dieses Jahres auf das Horn von Afrika übergegriffen.

Im vergangenen Monat brüteten die Schwärme eine neue Generation von Heuschrecken aus, die rund zwanzigmal zahlreicher und noch aggressiver als ihre Eltern sein sollen. Sie profitieren von den außergewöhnlichen Niederschlägen, die das Pflanzenwachstum anspornen.

Unterdessen wird der Kampf der Ostafrikaner gegen die Vielfresser von der Ausbreitung der Corona-Pandemie behindert. Die Unterbrechung des Flugverkehrs sorgte dafür, dass etwa Kenia nicht die nötigen Insektenvernichtungsmittel erhielt: Den Heuschreckenschwärmen ist lediglich mit von Flugzeugen gesprühtem Gift beizukommen. Inzwischen hätten sich die Insekten jedoch derartig vermehrt, dass auch Sprühen nicht mehr helfe, teilt die in Rom ansässige Welternährungsorganisation FAO mit: Die Lage sei "beispiellos" und "extrem alarmierend".

Ende Juni werden sich die Heuschrecken ein weiteres Mal vermehren: Dann wird ihre Zahl erneut zwanzigmal größer sein. Auch das Coronavirus breitet sich im Osten des Kontinents weiter exponentiell aus. Somalia, wo bislang knapp tausend Infizierte registriert wurden (von denen 44 gestorben sind), gilt als besonders problematisches Terrain, weil das Gesundheitssystem in dem seit 30 Jahren in Bürgerkriege verwickelten Land ruiniert ist.

Am Montag stürzte in Somalia eine kenianische Transportmaschine mit medizinischen Hilfsmitteln für den Kampf gegen das Coronavirus ab: Die somalische Regierung verdächtigt die mit Al-Kaida verbündete Al-Schabab-Miliz, das Flugzeug abgeschossen zu haben. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 8.5.2020)