Little Richard ist tot. 87-jährig ist der Rock-'n'-Roll-Pionier gestorben.

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Die Texte seiner Songs ergaben oft keinen Sinn. Zumindest nicht nach traditionellen Werten. Was bitte soll denn "Awop-bop-a-loo-mop-alop-bam-boom!" heißen? Doch während das konservative Amerika sich angesichts dieser neuen Mode namens Rock-‘n‘-Roll bekreuzigte und hoffte, der Herr möge diesen Irrsinn mit Blitz und Donner vom Antlitz der Erde fegen, kam die Botschaft bei der Jugend an.

"Awop-bop-a-loo-mop-alop-bam-boom!" war ein Befreiungsschrei. Little Richard trat damit die Tür ein, dahinter lauerte der Song Tutti Frutti. Heute weiß man: mit "Awop-bop-a-loo-mop-alop-bam-boom!" entschlüsselte Little Richard die DNA des Rock ‘n‘ Roll. Sieben Jahrzehnte lang stand dieser Inbegriff der Ausschweifung nach Noten auf der Bühne, nun ist dieser Pionier nach Aussagen seines Sohnes an einer Krebserkrankung gestorben, nun ist nur noch Jerry Lee Lewis übrig.

Little Richard bei einem Konzert im Wembley Stadion – mit einem Fan, einem gewissen Screamin' Lord Sutch.
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Little Richard war eine Ein-Mann-Vorfeldorganisation dieser Musik. So einen wie ihn hatte die Welt zuvor nicht gesehen. Auf der Bühne hämmerte er auf die Tasten seines Flügels und verdrehte seine Augen in den weißen Bereich. Sein Becken vibrierte, er stand auf dem Klavier – oder lag darunter, tat alles, solange sein Pompadour darunter nicht litt. Schon 1956 flog ihm bei einem Konzert in Baltimore Damenunterwäsche zu – das gilt als Weltpremiere dieser künftigen Rock-‘n‘-Roll-Folklore.

Zeitlebens Zerissener

Bereits als Kind sang Ricardo Wayne Penniman in einer Gospelgruppe namens Tiny Dots. Das säte in ihm eine Zerrissenheit, der er zeitlebens nicht entkam. Little Richard missionierte die Musik des Teufels und predigte die Botschaft des Herrn. Er entsagte der weltlichen Musik, nicht aber ihren Versuchungen. Als er 1957 in Australien den Satelliten Sputnik 1 aufsteigen sah, missdeutete er das als göttliches Zeichen.

Elvis durfte keine Party feiern

Little Richard war ein wandelnder Widerspruch: Er war verheiratet, aber schwul, er bezeichnete Homosexualität als Krankheit, sich selbst als "omnisexuell". Einmal stand er zu seiner sexuellen Orientierung, dann wieder nicht. Er war drogensüchtig und Priester, er vermählte Prominente und feierte tagelange Orgien.

Als er den jungen Elvis zu einer solchen auf sein Zimmer einlud, durfte der nicht kommen. Colonel Parker, sein Manager, hatte es ihm verboten. Als bei einem Erdbeben in Los Angeles alle auf die Straße liefen, rannte er ins Hotel – seine Bibel holen. Als Janis Joplin einmal vor ihm 60.000 Menschen in Rage versetzte, versetzte Richard sie in Ekstase.

Wundersame, bizarre und exotische Kreatur

Geboren wurde Little Richard als Drittes von zwölf Kindern am 5. Dezember 1932 in Macon, Georgia, im Süden der USA. Bereits in der Schule und im Gospelchor fiel er mit seinem Hang zum Drama auf. Für ein konventionelles Leben war er nicht gemacht. Zeitzeuge Johnny Otis nannte ihn einmal eine wundersame, bizarre und exotische Kreatur.

Als solche kochte er in den 1950er-Jahren eine Mischung aus Country, Blues und Irrsinn zum Rock-’n’-Roll hoch. Und zwar bis der Deckel flog. Ab und an sang Richard durchaus Balladen, doch sein Fach war der Uptempo-Song am Anschlag. Dort entfaltete sich sein Wesen in all seiner schillernden Genialität.

Bereits in der Schule und im Gospelchor fiel er mit seinem Hang zum Drama auf.
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Das 1955 aufgenommene Tutti Frutti steht dafür prototypisch. Der Song war eine für das Radioprogramm von den ärgsten Schweinereien befreite Eloge an das Leben. "Für viele ist Rock nur Lärm, für mich ist es die Musik der Liebe", schrieb Richard in seiner 1984 erschienenen Autobiografie Little Richard – The Quasar of Rock.

Als der Damm brach

1951 nahm der Teenager mit dem stechenden Blick und dem irren Grinsen seine erste Platte auf. Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis er auf dem Label Speciality erste Hits veröffentlichte. Dann war der Damm gebrochen, jetzt gab es kein Halten mehr. Knapp zwanzig Hits veröffentlichte er in weniger als drei Jahren. Darunter befanden sich Klassiker wie Lucille, Good Golly Miss Molly, Rip it Up oder eben Tutti Frutti.

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Das waren brüllende Begehrlichkeiten kurz vor dem hormonellen Kollaps. Damit durchbrach er die Rassenbarrieren. In seinem Publikum mischten sich Schwarze und Weiße unter dem Gebot des Spaßes zu einer friedlichen Gemeinschaft.

Moralischer Verfall

Rassisten und Frömmlern galt er natürlich als Symptom des moralischen Verfalls. Er wurde diffamiert und bekämpft, doch Richards war zu seiner Zeit unschlagbar. Der Einzige, der ihn bremsen konnte, war er selbst.

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Und am Höhepunkt seines Erfolgs wandte er sich von der weltlichen Musik ab. Er wollte plötzlich nur noch Gospel singen und Gott huldigen. Das war 1957. Als Mann großer Gesten warf er einen Diamantring ins Meer, um die Unumkehrbarkeit seiner Entscheidung zu verdeutlichen. Er heiratete und nahm nur noch Gospelplatten auf. Doch das hielt nicht lange. Nur einem blieb er ein Leben lang treu: seinem Kajalstift.

Ratschläge des ersten Glam-Rocker und die Beatles

1962 kehrte er zur weltlichen Musik zurück. Er tourte in England und gab den damals noch unbekannten Beatles Ratschläge und Geld für Essen, als sie für ihn im Hamburger Star Club die Show eröffneten. Für die Beatles war er ein Erweckungserlebnis, in England erging es den Rolling Stones nicht anders, als sie für ihn die Vorgruppe gaben.

Ähnliche Bekenntnisse kamen von Elvis, von Jimi Hendrix (er spielte in Richards Band, den Upsetters), James Brown, den Rolling Stones, Michael Jackson, Otis Redding oder Bob Dylan. Mit seinem scharf rasierten Oberlippenbart und der bis ins Penthouse geföhnten Frisur war er zugleich der erste Glam-Rocker.

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Sein Terrain war das Konzert. Dort holte er das meiste Geld ab, da spielte er in schlechten Zeiten mit derselben Energie wie in guten vor zehntausenden Fans. Unter seiner Sprunghaftigkeit litten seine Veröffentlichungen. Er wechselte die Labels wie Hemden, was sich in starken Qualitätsschwankungen seiner Alben niederschlug. Dennoch befand er sich immer auf der Höhe der Zeit.

Umtriebiger Prediger

In den 1960er-Jahren spielte er Soulalben wie The Explosive Little Richard ein, zur Blüte der Blaxploitation-Filme sang er für Quincy Jones die Weltnummer Money Is ein. Daneben bediente er das Publikum des sich langsam etablierenden Revivalzirkus, der in den 1980ern zu boomen begann. 1986 schrieb er den Titelsong zur Hollywoodkomödie Down and Out in Beverly Hills, 1990 rappte für die New Yorker Band Living Colour über Elvis.

Der Song diente hierzulande als Signation für eine Ö3-Sendung. Welche war's?
Quincy Jones - Topic

Im Jahr 1984 verklagte er sein früheres Label Speciality auf über 100 Millionen Dollar wegen ausstehender Tantiemen. Little Richards fühlte sich wohl zurecht von diesem über den Tisch gezogen, für die Rechte an "Tutti Frutti" erhielt er bloß 50 Dollar. Schließlich einigte man sich außergerichtlich.

Sogar Michael Jackson soll damals als Besitzer des Little-Richard-Katalogs das Scheckheft gezückt haben, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Während Art Rupe von Speciality nachweislich Millionen mit Richard verdient hatte, speiste er diesen mit vergleichsweise läppischen Summen ab.

Schonungslose Autobiografie

Seine schonungslose Autobiografie bescherte ihm ein weiteres Comeback, wenngleich er nie weg war. Nur langsam wurde er milder, ein kleiner Exzess ging immer, doch mit Predigen verdiente er nicht so gut wie als Rockstar.

In Gottes Dienst stehend vermählte er Showbusiness-Größen wie Bruce Willis oder Cindi Lauper und sprach letzte Worte an den Gräbern von Freunden wie Wilson Pickett oder Ike Turner. Sein in vielen Songs auftauchender Wonneschrei – "Woo" – war sogar in seinen Predigten zu hören. Nun ist er für immer verstummt. Der große Little Richard wurde 87 Jahre alt. (Karl Fluch, 9.5.2020)