Wirecard-Chef Markus Braun ist unter Druck. Der Kapitalmarkt misstraut dem Unternehmensleiter. Auch die Staatsanwaltschaft könnte den Zahlungsabwickler ins Visier nehmen. Braun entschuldigte sich zuletzt bei den Anlegern für die Turbulenzen.

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Der deutsche Zahlungsabwickler Wircard kann mit seinem Vorstandsumbau und der Beschneidung der Macht von Konzernchef Markus Braun die erbosten Aktionäre nicht beschwichtigen. Der Großinvestor Deka hält an seiner Forderung nach einem Rücktritt des aus Österreich stammenden Firmenchefs fest, sagte Ingo Speich, Leiter des Bereichs Corporate Governance bei Deka,der Nachrichtenagentur Reuters.

Nichts ist aufgeklärt

"Um die Forderung nach einem Rücktritt von Braun zurückzunehmen, ist es zu früh. Dafür ist nichts aufgeklärt. Bis spätestens zur Hauptversammlung müssen noch einige Fragen geklärt werden." Auch die Aktionärsvereinigung DSW forderte Brauns Rücktritt. "Offensichtlich hat der Kapitalmarkt das Vertrauen in das Management um Vorstandschef Markus Braun verloren", sagte DSW-Vizepräsident Klaus Nieding zu Reuters. "Entweder sollte Braun freiwillig die entsprechenden Konsequenzen ziehen oder der Aufsichtsrat sollte tätig werden." Von Wirecard war am Samstag zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Der seit Jahresanfang amtierende Wirecard-Aufsichtsratschef Thomas Eichelman hatte am Freitag Konsequenzen aus den jüngsten Kursstürzen und einer missglückten Kommunikation rund um die Sonderprüfung durch KPMG gezogen und die Macht des langjährigen Firmenchefs Braun beschnitten. Die Kapitalmarktkommunikation liegt künftig in der Verantwortung von Finanzchef Alexander von Knoop, Braun soll sich nur noch um strategische Themen kümmern. Zudem berief der Konzern James Freis zum Vorstand für Rechtsfragen und die Einhaltung von Verhaltensregeln (Compliance). Dieser Schritt sei längst überfällig gewesen, sagte Nieding. "Wer in der Börsen-Bundesliga mitspielen will, der muss sich auch an die Spielregeln halten. Das erfordert auch eine leistungsfähige Compliance."

"Druck aus dem Kessel"

"Eichelmann hat damit erst einmal Druck aus dem Kessel genommen", sagte Speich. "Die Ankündigung ist aber auch erst einmal nicht mehr als eine organisatorische Umstrukturierung. Wenn weiterhin alle Machtstrukturen auf Braun ausgerichtet sind, ist das nicht der notwendige Befreiungsschlag für Wirecard." Es komme nun darauf an, wie die neuen Strukturen gelebt würden.

Nieding bezweifelt, dass der Druck auf Wirecard nun sinken wird. "Der Vertrauensverlust ist enorm. Die Entwicklung bei Wirecard hat eine solche Dynamik entwickelt, dass die nun verkündeten Schritte wohl nicht ausreichen werden, um die erzürnten Anleger zu beschwichtigen."

Im Visier

Hedgefonds wie die vom prominenten Hedgefonds-Manager Chris Hohn geführte TCI haben Wirecard schon seit längerem im Visier. Nun droht dem Zahlungsabwickler ein Rechtsstreit mit Fondsgesellschaften. "Große,internationale Investoren prüfen Schadenersatzansprüche gegen Wirecard wegen verspäteter oder unterlassener Ad-hoc-Mitteilungen", berichtete Nieding, der im Hauptberuf Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht ist und dessen Kanzlei mit entsprechenden Prüfungen beauftragt worden sei. "Es handelt sich dabei nicht um Hedgefonds, sondern um normale Fondsgesellschaften, die die Wirecard-Aktie gekauft haben, weil sie im Daxist."

Auch die Staatsanwaltschaft könnte Wirecard ins Visier nehmen. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin untersucht seit Anfang 2019, ob Wirecard die Finanzmärkte korrekt informiert hat. "Wir sehen uns den KPMG-Bericht in diesem Zusammenhang vor allem daraufhin an, ob er Aussagen dazu enthält, ob Wirecard möglicherweise veröffentlichungspflichtige Informationen zurückgehalten oder darüber falsch informiert hat", hatte eine BaFin-Sprecherin am Freitag erklärt. "Soweit wir Anhaltspunkte dafür finden, erstatten wir auch hierzu Anzeige bei der Staatsanwaltschaft."Bereits im April 2019 hatte die BaFin wegen Leerverkaufs-Attacken Anzeige gegen Investoren und Journalisten erstattet.

Der 50-jährige Braun hatte sich im Zuge des Änderungen im Vorstand seines Unternehmens am Freitag entschuldigt: "Ich entschuldige mich bei allen unseren Aktionären, Kunden, Partnern und Mitarbeitern für die Turbulenzen der vergangenen Wochen und Monate", wurde er in einer Unternehmensmitteilung zitiert. (Reuters, 9.5.2020)