Heuer nicht: umstrittenes Gedenken in Bleiburg (Bild aus dem Jahr 2019).

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Heuer kann in Bleiburg keine Großveranstaltung stattfinden. Wegen Covid-19 fällt der Event zum Gedenken an die Massengewalt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die die jugoslawische Armee unter Tito damals auf dem Territorium des heutigen Slowenien verübt hat, aus. Stattdessen wollen die kroatische Kirche und das kroatische Parlament nun ein Gedenken auf dem Zagreber Friedhof Mirogoj und in der katholischen Kathedrale in Sarajevo abhalten.

Allerdings gibt es in Sarajevo Widerstand dagegen, dass Kardinal Vinko Puljić am 16. Mai eine Messe im Gedenken an diese Toten liest. Denn viele fürchten, dass diese Gedenkveranstaltung zur Rehabilitierung des faschistischen NDH-Staates der Ustascha instrumentalisiert werden könnte.

Die Debatte zeigt vor allem, wie polarisiert und politisiert das Gedenken an bestimmte historische Ereignisse in Kroatien und in Bosnien-Herzegowina ist. Während von kroatischen Nationalisten das Gedenken an die Massengewalt durch die Partisanen seit Jahren dafür genutzt wird, um einen völkischen Opferdiskurs zu pflegen, verweigern andere politische Kräfte die Anerkennung dieser Verbrechen und ein Gedenken an die Opfer. Das hat auch damit zu tun, dass es zu Zeiten des kommunistischen Regimes in Jugoslawien verboten war, über die Verbrechen der Partisanen zu sprechen, die vom jugoslawischen Geheimdienst den Auftrag hatten, diese Massenmorde durchzuführen.

Massaker ohne Gerichtsverfahren

Der Südosteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt schreibt in seinem jüngsten Buch über das 20. Jahrhundert zu dem Thema Folgendes: "Bis in die Gegenwart präsent ist der Massenmord (durch Erschießen, Erschöpfungsmärsche und andere Methoden) jugoslawischer Partisanen an mindestens rund 60.000 kroatischen und slowenischen Soldaten und Paramilitärs, mit diesen fliehenden Zivilisten und Kosaken, die sich im Mai 1945 nach Kärnten geflüchtet hatten und dort von der britischen Armee an Tito-Jugoslawien ausgeliefert wurden. Diese Massaker, die ohne jedes Gerichtsverfahren mit Verweis auf angeblich revolutionäre Notwendigkeit erfolgten, sind in der antikommunistischen, teilweise faschistisch geprägten Erinnerungskultur unter den Begriffen Bleiburg und Kreuzweg bekannt."

Die Instrumentalisierung durch die kroatische politische Rechte hat es sicherlich schwieriger gemacht, die Fakten in den Vordergrund zu stellen. So wird von kroatischer Seite das Gedenken so inszeniert, als sei es bei den Massentötungen gezielt gegen "das kroatische Volk" gegangen, was historisch falsch ist, nicht nur weil auch viele Serben und andere Opfer der Massentötungen wurden, sondern auch, weil es um politische "Feinde" ging und nicht um "ethnische" Zuschreibungen. Die Debatte um das Gedenken offenbart jedenfalls, dass zwei sich gegenüberstehende politische Lager seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens Stellvertreterkriege rund um dieses Thema – auch mithilfe der Diaspora – führen. Und sie zeigt, wie wichtig es wäre, einen wissenschaftsbasierten Diskurs zu etablieren.

Vor allem Soldaten, aber auch Zivilisten

Bei den Todesmärschen und Massenerschießungen 1945 kamen jedenfalls Kroaten, Slowenen, Serben, Montenegriner, Italiener wie auch Österreicher ums Leben. Viele waren Soldaten, die auf der Seite der slowenischen und kroatischen Heimwehren und der kroatischen Ustascha-Verbände gekämpft hatten. Unklar und unerforscht ist, wie viele von diesen Soldaten zuvor Verbrechen im Rahmen der faschistischen Regime begangen hatten. Sicher ist: Unter den Opfern waren auch Zivilisten, die aus Angst vor der Gewalt des neuen Regimes Richtung Kärnten geflohen waren. Dort hatten sie gehofft, dass sie von der britischen Befreiungsmacht geschützt würden, doch diese lieferte sie aus.

Schmitt erinnert daran, dass es in Tito-Jugoslawien in den Monaten nach dem Krieg auch "zu ausgedehnten Massakern an politischen und ideologischen Gegnern" kam, "die in der kommunistischen Diktion als Klassenfeinde bezeichnet wurden". Dazu gehörten rund 70.000 nach Schnellprozessen Hingerichtete, die Gesamtzahl der Morde sei aber kaum zu eruieren. "Die Morde wurden mit Wissen und Billigung Titos verübt und erfolgten in einem Gewaltrausch gegen alle echten oder vermeintlichen Gegner. Diese Exzesse trafen nicht nur Angehörige von Ustascha-, Tschetnik- und slowenischen Heimwehrverbänden. Zu den Opfern zählten Angehörige des Bürgertums und nichtslawischer Volksgruppen, Volksdeutsche, Albaner und Italiener", so Schmitt.

Verbrechen in Slowenien

Der Großteil der Massenverbrechen fand nicht in Bleiburg, sondern in Slowenien statt, doch weil nach 1945 in Jugoslawien nicht an die Verbrechen erinnert werden durfte, begannen im österreichischen Exil lebende Kroaten, Gedenkveranstaltungen in Bleiburg abzuhalten, weil von dort aus die Todesmärsche begonnen hatten.

Der Verein von Kroaten in Österreich, der an die Verbrechen erinnerte, geriet im Kalten Krieg ins Visier des jugoslawischen Geheimdienstes UDBA. Einer der Mitbegründer des Vereins, der damals 65-jährige Nikola Martinović, wurde im Jahr 1975 sogar von der UDBA in Österreich durch einen Sprengstoffanschlag ermordet – so sehr fürchteten die jugoslawischen Kommunisten die Erinnerung an die Verbrechen der jugoslawischen Armee.

Angst vor Rehabilitation der Ustascha

Heute geht es in der Debatte um die Gedenkmesse in Sarajevo meist gar nicht um diese Verbrechen, der Fokus liegt auf den Ustascha und deren Verbrechen zuvor. So betont etwa die nationalistische bosniakische Partei SDA, dass die Ustascha 10.000 Bürger von Sarajevo getötet haben, und verlangt, dass die Gedenkmesse abgesagt wird. Es sei offensichtlich, dass es bei der Veranstaltung nicht um die unschuldigen Opfer gehe, sondern um die Rehabilitation der Ustascha, so die SDA.

Tatsächlich haben bis zum Vorjahr manche Besucher, die nach Bleiburg kamen, Ustascha-Abzeichen getragen und den faschistischen Gruß gezeigt. Voriges Jahr hat die österreichische Polizei aber zahlreiche Maßnahmen angekündigt. Und tatsächlich hat dies gewirkt – Provokationen durch Rechtsradikale wurden weniger. Weil das Gedenken aber schon die Jahre zuvor instrumentalisiert worden war, genehmigte im Vorjahr die österreichische katholische Kirche keine Messe mehr.

Fokus auf Ustascha-Verbrechen

Unklar ist, ob Kardinal Puljić oder Teilnehmer der Messe in Sarajevo nun tatsächlich den faschistischen NDH-Staat rehabilitieren wollen, wie ihnen das vorgeworfen wird. In Sarajevo wird die Veranstaltung jedenfalls mit großem Misstrauen aufgenommen. Denn in der bosnischen Hauptstadt wurde noch nie zuvor der Massentötungen durch die jugoslawische Armee nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht, und viele Menschen können gar nichts damit anfangen, obwohl es natürlich auch Bosnier gab, die damals Opfer waren. An den Gedenkveranstaltungen in Bleiburg nahmen in der Vergangenheit nicht nur Vertreter des kroatischen Parlaments, sondern auch Vertreter des bosnischen Parlaments und der Islamischen Glaubensgemeinschaft teil.

In Kroatien argumentiert man nun, dass Puljić die Messe in Bleiburg hätte halten sollen, aber weil dies wegen der Pandemie nicht möglich sei, mache er es eben zu Hause – Puljić ist Kardinal in Sarajevo. Eines der drei Mitglieder des bosnischen Staatspräsidiums, Željko Komšić, verurteilte die angekündigte Gedenkmesse. Er forderte Puljić dazu auf, für die Seelen der Opfer der Ustascha-Verbrecher zu beten.

Forschungen in Slowenien

Der slowenische Historiker Mitja Ferenc hat jenseits der heutigen politischen Instrumentalisierungen zu den Massentötungen geforscht. Erst nach der Unabhängigkeit Sloweniens und der Etablierung eines liberalen demokratischen Rechtsstaats konnten die Verbrechen benannt und viele der hunderten Massengräber in Slowenien ergründet werden.

Vor den Massenerschießungen gab es keinerlei Gerichtsverfahren. Den Partisanen und dem neuen Regime unter Tito ging es einerseits um Vergeltung wegen vorhergegangener Verbrechen, vor allem der Ustascha, anderseits aber um die Etablierung von Macht.

Verordnung gegen Kollaborateure

Angehörige der Heimwehren, serbische und slowenische Militärs und Zivilisten versuchten sich bis zum 14. Mai 1945 in die britische Zone zu begeben. Laut einem britischen Untersuchungsbericht wurden aber zwischen dem 18. und dem 31. Mai 12.196 Kroaten, 8.263 Slowenen, 5.480 Serben und 400 Montenegriner an die jugoslawische Armee übergeben. Ferenc schreibt, dass es eine Verordnung gab, wonach alle Jugoslawen, die mit den deutschen Truppen kollabiert hatten, an die Tito-Partisanen ausgeliefert werden sollten. Auf dem Rückweg Richtung Kroatien kam es dann zu Massenexekutionen.

Die Kroaten seien in dem Marsch hinter den serbischen Paramilitärs und den montenegrinischen Tschetniks gegangen, so Ferenc. Die letzten in der Reihe seien die slowenischen Heimwehren gewesen, etwa 10.000 Menschen. Danach seien die Zivilisten gefolgt. Die meisten dieser Gefangenen seien in das Lager Šentvid bei Ljubljana gekommen, die anderen nach Teharje bei Celje. Die Slowenen seien in drei Gruppen eingeteilt worden. Die Gruppe C wurde sofort ermordet. Die Opfer wurden in Felsklüfte und in Gruben verscharrt.

Geheimdienst OZNA

Bei den Tätern handelte es sich laut Ferenc im Fall der Kroaten und Serben und Montenegriner um Mitglieder der jugoslawischen Armee, die die Massentötungen durchführten. Die Slowenen wurden vor allem von Mitgliedern des jugoslawischen Geheimdienstes OZNA (Abteilung für Volksschutz) und KNOJ (Verteidigungseinheit von Jugoslawien) ermordet. Die OZNA wurde 1944 gegründete und sollte den "inneren Feind" bekämpfen. Der exekutive Arm der OZNA war die Armee der Staatssicherheit (VDV) und später die KNOJ. Sie wurden angewiesen, die sogenannten Säuberungen durchzuführen.

Dies alles geschah auf Anweisung der höchsten politischen Stellen. "Zu dieser Zeit wäre es ohne die Unterstützung der höchsten Politiker und Militärkommandanten unmöglich gewesen, die Tötung einiger tausend Menschen in nur wenigen Tagen zu organisieren", schreibt Ferenc. Die brutale Behandlung von Kriegsgefangenen sei zweifellos von Ereignissen beeinflusst, die während des Krieges stattfanden: nämlich Besetzung, Kollaboration und Bürgerkrieg sowie die Tendenz der Sieger nach, aber auch bereits während des Krieges, mit Gegnern abzurechnen.

Extrem hohe Zahl an Opfern

"Die Rache der Sieger an Besiegten in Slowenien war in vielerlei Hinsicht einzigartig", schreibt Ferenc. Denn auffällig sei die extrem hohe Zahl von Opfern. Die genaue Anzahl der Opfer, die in geheimen Gräbern liegen, werde aber wahrscheinlich nie bekannt werden. Durch die Arbeit slowenischer Behörden weiß man zumindest, dass nach Kriegsende 13.960 Slowenen, nämlich 12.587 Angehörige der Heimwehren, 160 slowenische Tschetniks und 1.127 Zivilisten getötet wurden. Die Erforschung, wie viele Kroaten und Menschen anderer Nationalitäten in Slowenien getötet wurden, ist sehr schwierig, da es kaum Archivmaterial über die Morde, die Massengräber oder die Anzahl der Opfer gibt. "Die Schätzung oder sogar Bestimmung einer solchen Anzahl könnte allzu schnell manipuliert werden", erklärt der Historiker die Ursachen für den schwierigen Umgang mit diesem Teil der Geschichte.

Jenseits davon ist es weder in Kroatien noch in Bosnien-Herzegowina noch in Serbien bislang gelungen, ein angemessenes Erinnern an die Massengewalt nach dem Zweiten Weltkrieg ohne nationalistischen Unterton zu gestalten. Auch die Auswahl eines adäquaten gemeinsamen Erinnerungsortes – etwa in Slowenien, wo die Massentötungen stattfanden – blieb bisher aus. (Adelheid Wölfl, 11.5.2020)