In der Serie alles gut? denkt STANDARD-Redakteur Andreas Sator über eine bessere Welt nach – und darüber, welchen Beitrag er leisten kann. Melden Sie sich hier für seinen kostenlosen Newsletter an.

Nicht erneuerbare Energien sind die Lösung für das Klimaproblem – sondern das Senken der Zahl der Menschen auf der Welt. Das ist die Grundaussage von "Planet of the Humans", einem Film aus dem Hause Michael Moore, der in den USA gerade für Aufsehen sorgt. In dem Film rechnet Jeff Gibbs, der eng mit Moore zusammenarbeitet, mit der Öko-Bewegung ab. Der linke Filmemacher Moore pusht die Doku mit Erfolg. Sie steht auf Youtube bei sieben Millionen Aufrufen. Dabei könnten Gibbs und Moore nicht falscher liegen.

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Das Schema das Films ist simpel. Gibbs besucht ein Solarfestival und "ertappt" dann Techniker dabei, wie sie bei Regen einen Biodieselgenerator installieren, damit das Festival weitergehen kann. Er besucht die Präsentation eines E-Autos von General Motors und "ertappt" die Macher dabei, dass Strom dafür unter anderem aus Kohle kommt. Die Message: Weil die Welt noch nicht perfekt ist, ist jede Besserung scheinheilig.

Der Film geht schleißig mit Quellen um, er ist nicht nur einseitig, sondern immer wieder einfach faktisch falsch, verwendet erschreckend alte Zahlen und wird zum Ende mehr Verschwörungstheorie als Dokumentation. Ausführlich besprochen wurde er etwa hier. Weil ich Argumente aus dem Film immer wieder in meiner Mailbox und auch hier im STANDARD-Forum lese, nehme ich vier davon unter die Lupe.

Der Nissan Leaf: heute schon deutlich besser für das Klima als Benziner.
Foto: reuters / CHRIS HELGREN

1. E-Autos sind nicht besser für das Klima, schon alleine wegen der Batterien.

In Österreich sind E-Autos viel klimaschonender als Diesel oder Benziner. Letztere kommen im Durchschnitt auf etwa 217 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilometer, E-Autos auf 96 Gramm. Ihre Klimawirkung ist also um die Hälfte geringer, und da sind Batterie und Co schon mit drin. Das hat das Umweltbundesamt berechnet. Tankt man mit Ökostrom, sinkt die Klimawirkung sogar auf 52 Gramm pro gefahrenen Kilometer.

Ist das überall so? Das hängt davon ab, wie Strom produziert wird. Gibt es noch sehr viel Kohlekraftwerke in einem Land, sind E-Autos zum Teil heute noch nicht besser für das Klima, schreibt der Forscher Zeke Hausfather. In den meisten Ländern geht die Rechnung aber auf. Baut man jedoch die Stromproduktion um, was langsam überall passiert, dann sind E-Autos auf jeden Fall sauberer.

Das heißt nicht, dass es schlau ist, jeden Diesel mit einem E-Auto zu ersetzen. Aber E-Autos sind klimaschonender und ein Teil der Lösung des Problems.

Wie schmutzig sind Windräder? Nicht sehr.
Foto: imago images/Jochen Tack

2. Solaranlagen und Windräder brauchen sehr viele Ressourcen, das ist schlecht fürs Klima.

Um ein Windrad zu bauen und zu installieren, braucht es viel Stahl und Zement. Beides sind Ressourcen, die zur Erderhitzung beitragen. Auch Solarpaneele wachsen nicht auf Bäumen, sondern werden industriell gefertigt. Rechne man das ein, dann seien weder Solar- noch Windenergie besser für das Klima, heißt es in der Doku. Das ist schlicht und einfach völliger Blödsinn.

Nimmt man die positiveren Berechnungen des Weltklimarats (IPCC) her, kommt Kohlestrom auf 675 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde, Öl und Gas auf 510 Gramm. Photovoltaik kommt auf 18 Gramm und Wind auf sieben Gramm. Da sind Welten dazwischen und Infrastruktur- und Baukosten wieder eingerechnet. Und irgendwann ist Stahl hoffentlich auch klimaschonend, daran forscht mit Unterstützung der EU etwa die Voestalpine. Auch für Zement gibt es zahlreiche Projekte.

Können erneuerbare Energien die fossilen nie ersetzen?
Foto: imago images / Jochen Tack

3. Wind und Sonne ersetzen keine fossile Energie, sie kommen einfach dazu.

Der Energieverbrauch auf der Welt steigt so stark, dass die Emissionen trotz erneuerbarer Energien nicht sinken. Das ist ein Fakt. Global zeichnen Sonne und Wind etwa nur für drei Prozent der Energie verantwortlich. Das Windrad kommt also nicht statt des Kohlekraftwerks, es steht einfach nur daneben. Hier lohnt es sich aber zu differenzieren. Haben erneuerbare in der Vergangenheit global fossile Energien ersetzt? Nein. Werden sie es in Zukunft tun? Das ist sehr wahrscheinlich, weil Solar- und Windenergie immer billiger und effizienter werden.

Tun sie es in einzelnen Regionen schon? Ja. Etwa in Österreich, sagt die Wifo-Ökonomin Claudia Kettner-Marx. In Europa ebenso, schreibt der Energieanalyst Dave Jones. Für die Doku "Planet of the Humans" ist über 13 Jahre recherchiert worden. In der Zeit habe sich in Europa der Strom aus Sonne und Wind verfünffacht, um mehr als 450 Terawattstunden. Die Stromproduktion aus Kohle sei im selben Zeitraum um 500 Terawattstunden gesunken.

Sind wir zu viele? Und wenn ja, wer?
Foto: AP / Joshua Stevens

4. Das größte Problem für den Klimawandel ist, dass es zu viele Menschen gibt.

In der Mitte der Doku sagt Regisseur Gibbs: Das echte Problem ist Überbevölkerung. Es gibt also zu viele Menschen auf der Welt. Das lese ich im STANDARD-Forum regelmäßig. Fakt ist, dass die Weltbevölkerung in den vergangenen 200 Jahren von einer Milliarde auf fast acht Milliarden gestiegen ist. Jeder davon konsumiert und sorgt so für CO2-Emissionen.

Die Frage ist aber, wer ist zu viel? Hier wird dann gerne auf Subsahara-Afrika gezeigt, und tatsächlich bekommt eine Frau dort im Schnitt noch 4,8 Kinder. 1980 waren es noch fast sieben. Die Geburtenrate sinkt, weil Armut ab- und Bildung zunimmt. So wie das auch im Rest der Welt passiert ist. Afrika ist nur für drei Prozent der Emissionen verantwortlich. Die Menschen mit dem global größten Fußabdruck haben hingegen die wenigsten Kinder.

Wer jetzt noch immer der Meinung ist, dass es zu viele Menschen gibt, kann trotzdem aufatmen. Die globale Geburtenrate ist mittlerweile auf 2,4 Kinder pro Frau gesunken. Bei etwa mehr als zwei Kindern pro Frau stagniert die Weltbevölkerung. Wir können uns also auf wichtigere Probleme konzentrieren: zum Beispiel auf den Ausbau erneuerbarer Energien.

Und falls Sie überlegen, sich die Doku anzuschauen, lesen Sie lieber ein Buch. Etwa "More from Less" von dem MIT-Forscher Andrew McAfee. Meine Empfehlung!

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, melden Sie sich für den Newsletter an. Ich schreibe Ihnen, wenn im Rahmen der Serie ein neuer erscheint. (Andreas Sator, 17.5.2020)