Big Daddy Zane's Bar darf doch nicht offenhalten. Bewaffnete Demonstranten, die gegen den Lockdown protestiert hatten, ließen sich Anfang Mai von Vertretern des örtlichen Polizei festnehmen – an das Corona-Vermummungsgebot hatten sie sich schon davor vorbildlich gehalten.

Foto: AP / Eli Hartman

Austin – Es gehe hier nicht nur um eine Show, zitiert die "New York Times" Philip Archibald, der gemeinsam mit Kumpanen in der texanischen Kleinstadt Shepherd mit halbautomatischen Gewehren aufmarschiert ist: "Wir sind bereit zu sterben." Das Ziel, für das sie ihr Leben geben würden, ist freilich bescheiden: Sie und andere Milizen in dem US-Südstaat haben sich in den vergangenen Tagen vor Bars, Friseursalons und anderen Geschäften postiert, deren Öffnung trotz Lockdowns sie notfalls mit Waffengewalt durchsetzen wollen.

Philip Archibald etwa kämpft im Moment, in dem ihn die Zeitung zitiert, gerade um das, so sagt er, verfassungsmäßige Recht der Bürgerinnen und Bürger Shepherds, sich auch in der schlimmsten Gesundheitskrise der letzten Jahrzehnte ein Tattoo in einem Salon namens Crash-N-Burn stechen zu lassen, der eigentlich noch geschlossen sein sollte. Mindestens zehn Personen werden im Lauf des Tages von der Möglichkeit Gebrauch machen.

In Texas hat sich aus dem Kampf gegen die Schließbefehle in den vergangenen Wochen eine bewaffnete Industrie gebildet, die viele Menschen in den USA zunehmend nervös macht. Anders als ebenfalls bewaffnete Gruppen, die bei Demonstrationen etwa in Michigan gegen den Lockdown auftreten, haben sie nicht nur ein ideologisches, sondern auch ein wirtschaftliches Ziel: Geld verdienen.

Eine Dienstleistung gegen den Lockdown

Besitzerinnen und Besitzer von Geschäften, die gerne aufsperren wollen, können sie engagieren, um sich etwa auf dem Parkplatz vor dem Lokal zu postieren. Neben jener Archibalds gibt es noch eine Reihe weiterer neugegründeter Milizen – oder solcher, die aus bereits bestehenden Gruppen von Waffenfreunden und Gegnern der Bundesregierung entstanden sind. Sie verfolgen teils große Ziele. Archibald etwa plant, seine Dienste bald auch in anderen Staaten zur Verfügung zu stellen.

Ob das so einfach möglich sein wird, ist freilich offen. Denn der – ohnehin bescheidene – Erfolg in Texas hat seine Ursprünge in einer äußerst eigenwilligen Mischung aus kritischer Lockdown-Diskussion durch die örtliche Regierung und besonders laxen Waffengesetzen.

Vor allem Erstere dürfte für eine unsichere Stimmung im Bundesstaat gesorgt haben. Beigetragen haben dazu unter anderem Wortmeldungen des stellvertretenden Gouverneurs, Dan Patrick, der zu den Lockdowns sagte, es gebe "wichtigere Dinge, als zu leben", nämlich unter anderem den Schutz der texanischen Wirtschaft. Schon zuvor hatte er in einem TV-Interview angedeutet, er und andere Texaner über 70 seien bereit zu sterben, um "Amerika als Amerika zu bewahren".

Unklare Botschaften

Gouverneur Greg Abbott hatte dennoch zunächst Ausgangsbeschränkungen verhängt, diese allerdings zu guten Teilen am vergangenen Wochenende wieder aufgehoben – wenn auch mit einigen Beschränkungen. Dass es dabei einen Anstieg der Erkrankungen geben werde, hat er in einem privaten, aber später veröffentlichten Gespräch mit Abgeordneten eingestanden.

Die Fallzahlen sind seither in der Tat gestiegen, am Mittwoch verzeichnete der Bundesstaat die bisher höchste Zahl an bestätigten Neuinfektionen seit Messbeginn, 1.636. Außerdem geht die republikanische Regierung des Staates gerichtlich gegen die demokratischen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der größeren Städte vor, die in ihrem Wirkungsbereich die Lockdown-Maßnahmen zu verlängern versuchen.

Warnung vor Terror

Das alles trägt auch bei vielen Texanerinnen und Texanern zur Verwirrung bei – sowohl was die Gefahren von Sars-CoV-2 betrifft als auch darüber, was nun erlaubt und was verboten ist. Darüber hinaus greifen die Milizen aber auch eine in Texas besonders verwurzelte Tradition des Individualismus auf, die auf dem Misstrauen des Einzelnen gegenüber der Bundesregierung aufbaut und die freie Entscheidung über das eigene Schicksal ins Zentrum stellt – auch dann, wenn man im Krankheitsfall dadurch zum Überträger oder zur Überträgerin wird und andere ansteckt.

Ganz alleine steht der Bundesstaat mit dem Milizenproblem dennoch nicht da. Schon Mitte April hatten sogar die US-Bundespolizei FBI, das Heimatschutzministerium und das Antiterrorzentrum gewarnt. Extremistische bewaffnete Gruppen könnten die Krise für ihre Ziele ausnützen, heißt es in einem Bericht, aus dem mehrere US-Medien zitierten. Gewarnt wurde darin auch davor, dass Spitäler oder Apotheken Ziel ihrer Aktionen werden könnten. (red, 14.5.2020)