Seit Tagen – und auch in den Nächten – baut Paris intensiv sein Fahrradwegenetz aus.
Foto: REUTERS/Charles Platiau

Ein zusammenhängendes Radnetz für Paris, bis in die Vororte? Unmöglich! Und doch staunten Anfang Mai die Bewohner der französischen Hauptstadt nicht schlecht: Über Nacht hatten städtische Arbeiter die rechte Fahrspur zahlreicher Boulevards und Einfallstraßen mit gelber Farbe und Plastikpollern in breite Radwege der Luxusklasse verwandelt.

Was früher massive Proteste von Taxi- und Autofahrern bewirkt hätte, wird nun anstandslos geschluckt. Zwar versicherte Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die Radspuren seien nur "vorübergehend"; doch nicht nur in Frankreich werden aus Provisorien oft dauerhafte Lösungen. Bis Juni entstehen 50 Kilometer neue Radwege – und die Regierung verschenkt 50 Euro für die Instandsetzung eines alten Stahlrosses.

Massive Pkw-Reduktion

Hidalgo will ihre grüne Verkehrspolitik jedenfalls mit aller Entschlossenheit weitertreiben. Die Corona-Krise bestärkt sie darin: Im Lockdown sank die Luftverschmutzung erstmals seit langem wieder auf akzeptable Werte. Und Staus gibt es nicht einmal mehr auf der sonst völlig verstopften Ringautobahn. Die rot-grüne Stadtregierung versucht seit bald 20 Jahren, den Autoverkehr aus der Innenstadt zu verdrängen. Die Expressstraßen entlang der Seine-Ufer hat sie bereits den Fußgängern übergeben. Ältere Dieselmotoren sind verbannt. Sollte Hidalgo heuer wiedergewählt werden, will sie das historische Zentrum um den Louvre ganz autofrei machen. Für diesen Zweck wurden im ersten Vorstadtgürtel auch 2000 neue Park-and-ride-Plätze in der Nähe von Metro-Stationen geschaffen, diese sind für Inhaber einer Monatskarte kostenfrei.

Nach der Pandemie will Hidalgo nur noch die Hälfte der Autos in die City lassen: gerade Kennzeichen an einem Tag, ungerade am nächsten. Das müssen die Arbeitspendler aus den Vororten aber erst schlucken. Hidalgo muss zudem achtgeben, dass sie mit ihrer Bremspolitik für fossile Motoren die Öffis nicht überfordert. Diese haben schon genug Mühe, den virusbedingten Sicherheitsabstand zwischen den Passagieren zu gewährleisten.

Kaum wiederzuerkennen: Paris' Innenstadt gehört den Radlern.
Ville de Paris

Für die vielen Pendler, die 20 oder 30 Kilometer außerhalb von Paris wohnen, ist das Fahrrad keine Lösung. Die Bahn verleitet aber wegen der aktuellen Ansteckungsängste auch nicht gerade zum Umsteigen. Auch wenn der Pariser Stadtkern mit seinen 100.000 Einwohnern autofrei werden sollte: Für den Großraum Paris mit seinen zwölf Millionen Einwohnern wird das nicht funktionieren.

Permanentes Provisorium in Brüssel

Auch in Brüssel könnten die Folgen der Corona-Krise für eine Entschleunigung auf den Straßen sorgen. Die Pläne dazu sind bereits ein Jahr alt: Bei den Regionalwahlen im Mai 2019 wurden die Grünen zweitstärkste Partei. Elke Van den Brandt wurde regionale "Ministerin für Mobilität" und kündigte eine "Verkehrsrevolution" an. Bis Mitte des Jahrzehnts soll für Fahrräder und Fußgänger viel Raum geschaffen, eine neue U-Bahn-Linie und sieben Straßenbahnlinien gebaut sowie der Busverkehr um 30 Prozent erweitert werden.

Das ist weniger ideologischen Gründen geschuldet, sondern angesichts des täglichen Verkehrsinfarkts eine schiere Notwendigkeit. Um aus den Vorstädten ins Zentrum zu kommen, brauchte man in Stoßzeiten bisher locker eine Stunde.

Die Region Brüssel, ein Zusammenschluss von 19 weitreichend autonomen Gemeinden, ist mit 1,2 Millionen Einwohnern nicht riesig. Es mangelt aber seit Jahrzehnten an übergreifender Stadtplanung.

Im eigentlichen Zentrum, zu dem auch das EU-Viertel gehört, leben knapp 200.000 Menschen. Aber: Brüssel ist auch EU-Hauptstadt, beherbergt deren wichtigste Institutionen und auch das Nato-Hauptquartier. An die 100.000 Beamte, Lobbyisten, Politiker, Journalisten plus deren Familien strömen täglich ins Zentrum – oft mit dem Auto, das 27 Prozent des lokalen CO2-Ausstoßes produziert. Das hat sich seit den strikten Ausgangsbeschränkungen deutlich verbessert. Die meisten Beamten sind im Homeoffice, viele an der Peripherie. Das Zentrum und das EU-Viertel sind still und leer, es gibt keine Touristen und EU-Besucher.

Noch mehr als bisher müssen Brüssels Autofahrer auf die Farbe Rot achen.
Foto: Reuters / Francois Lenoir

Die Verkehrsministerin hat die Stillstandswochen genutzt, um ihre "Revolution" in die Tat umzusetzen. Die gesamte Innenstadt wurde zur Begegnungszone. Fußgänger dürfen sich überall bewegen, sie haben absoluten Vorrang. Nur so lasse sich auch der verordnete Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Menschen einhalten, heißt es außerdem.

Maximal 20 km/h

Autos dürfen maximal 20 km/h fahren, auch auf den großen Verkehrsachsen. Dieses Tempolimit gilt auch für Busse und Trams, zudem wurden sämtliche Ampeln im Zentrum auf gelbes Blinken umgeschaltet. Alles soll langsam fließen – und nicht stinkend stauen. Zusätzlich wurden auf den Zufahrtsstraßen neue Fahrradspuren eingerichtet, so auch auf der vierspurigen Rue de la Loi, die an der EU-Kommission vorbeiführt. Die Abtrennung wurde meist durch Betonplatten vorgenommen, wie man sie von Autobahnbaustellen kennt.

Wie so vieles in Belgien wirkt der Umbau improvisiert. Es verwundert auch nicht, dass es im Zentrum kaum Bodenmarkierungen oder echte Umbauten gibt: Das Projekt "Begegnungszone" ist vorläufig auf drei Monate limitiert. Und wie sieht es in der Praxis aus? Auf den fast leeren Gehsteigen bleibt stets genug Platz, es gibt keinerlei Grund für Fußgänger, sich auf den Straßen mit den wenigen Autos um den Platz zu duellieren. Für Radfahrer ist es jedenfalls deutlich weniger gefährlich, man kann das Vélo so richtig laufen lassen.

Geht es nach Van den Brandt, wird die neue Ruhe im Brüsseler Zentrum auch nach dem Sommer weitergehen. Sie hat Großes vor und sieht Paris und Wien als Vorbilder. So twitterte sie stolz, dass 40 Kilometer Radwege und 15 Kilometer neue Fußgängerwege geschaffen wurden, wofür sie sich bei der sozialistischen Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und bei der grünen Vizebürgermeisterin Birgit Hebein in Wien für deren "Inspirationen" bedankte. Österreich als Vorbild in der EU-Hauptstadt – das kommt nicht so oft vor.

Sogar Rom wird grüner

Von wegen Verschrottungsprämien oder Kaufanreize für Neuwagen: Ausgerechnet in Italien, wo das Umweltbewusstsein bisher eher kümmerlich ausgeprägt ist, wird ein Förderprogramm für nachhaltiges Verkehrsverhalten gestartet. Dank des neuen Corona-Hilfspakets im Umfang von 55 Milliarden Euro erhalten künftig alle Käufer eines Fahrrads oder eines E-Scooters 60 Prozent des Kaufpreises, bis zum Maximalbetrag von 500 Euro, vom Staat erstattet.

Ob Fahrrad oder e-Scooter: Italiens Regierung unterstützt umsteigewillige Autofahrer mit einer Geldprämie (Bild: Petersplatz in Rom).
Foto: EPA/MAssimo Percossi

Es ist freilich nicht die Sorge um die Umwelt, die der Maßnahme Pate gestanden hat, sondern die Corona-Pandemie. Oder vielmehr die Befürchtung, dass Millionen Pendler künftig mit dem Auto statt mit Bus oder Bahn zur Arbeit fahren. In Metropolen wie Rom, Mailand oder Neapel käme es unausweichlich zum totalen Chaos. Der Umstieg auf das Fahrrad oder den E-Scooter, so die Überlegung, könnte deutlich zur Entschärfung der Situation beitragen.

Die staatliche Prämie stößt in der Bevölkerung auf massives Interesse, vor Fahrradgeschäften bilden sich seitdem lange Warteschlangen, auch viele Fahrradverleihstationen melden verstärkte Nachfrage.

Rege Bautätigkeit

Gleichzeitig wird der Ausbau von Fahrradwegen vorangetrieben. Dabei gibt es freilich große Unterschiede zwischen den einzelnen Kommunen: "Wir planen die Schaffung von 35 zusätzlichen Kilometern an Radwegen, zusätzlich zu den gut 200 Kilometern, die bereits bestehen", erklärt etwa Mailands Stadtrat für Mobilität, Marco Granelli. Im Vergleich zu Bologna, das vor einigen Tagen 496 Kilometer neue Radwege beschlossen hat, ist das eine vergleichsweise bescheidene Zielsetzung.

Allgemein herrscht in Italien auch bezüglich der umweltfreundlichen Zweiradmobilität eine tiefe Kluft zwischen Norden und Süden. Die Gründe dafür sind aber nicht politische oder soziale, sondern in erster Linie topografische und klimatische: Schon jetzt fahrradfreundliche Städte wie Bologna, Reggio Emilia, Verona und Vicenza liegen im flachen und klimatisch moderaten Norden. Die beiden größten Städte Mittel- und Süditaliens, Rom und Neapel, sind dagegen hügelig; außerdem ist der Zustand des Straßenbelags oft erbärmlich, ja sogar gefährlich. Zumindest im Sommer werden daher viele auf anstrengende körperliche Tätigkeiten verzichten wollen. (Stefan Brändle aus Paris, Thomas Mayer aus Brüssel, Dominik Straub aus Rom, 16.5.2020)