Georg Kapsch sei der Nachfolgeprozess entglitten, meinen Eingeweihte.

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Es sind bewegte Zeiten für die Industriellenvereinigung (IV). Die Organisation mit ihren 4.200 Mitgliedern konnte ihre Machtposition in den letzten Jahren deutlich ausbauen, bestimmt wesentliche Inhalte der politischen Agenda mit. Seit der Machtübernahme durch Sebastian Kurz im Jahr 2017 wurden zentrale Anliegen wie der Zwölfstundentag, die Erhöhung der Forschungsprämie, die Reform der Sozialversicherungen oder die Beschleunigung großer Infrastrukturprojekte durchgebracht.

Was vielleicht noch bemerkenswerter ist: Auch unter Türkis-Grün haben die Industriellen keineswegs an Einfluss verloren. Die Senkung der Körperschaftsteuer steht im Regierungsprogramm, die Einführung von Vermögenssteuern nicht.

Es gärt

Die Industriellenvereinigung ist 158 Jahre nach ihrer Gründung hervorragend positioniert und nimmt über verliehene Mitarbeiter direkt Einfluss auf viele Ministerien und EU-Abgeordnete. Und dennoch gärt es in der Organisation mit Sitz am Wiener Schwarzenbergplatz. Seit Monaten liefern sich einzelne Gruppen einen erbitterten Kampf um die Nachfolge von Präsident Georg Kapsch, für die am Donnerstag Nennschluss ist. Am 18. Juni kommt es dann zum Showdown, zur Kampfabstimmung unter drei Anwärtern, sollte nicht doch noch im letzten Moment eine Streitbeilegung erfolgen.

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In der IV am Schwarzenbergplatz rumort es.
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Auf der einen Seite tritt mit Wolfgang Eder einer der profiliertesten Manager des Landes an, der bis Mitte 2019 15 Jahre lang die Voestalpine leitete. Als Vorsitzender des europäischen und des Weltstahlverbands sowie als Aufsichtsratsvorsitzender der Infineon Technologies hat Eder Rutschfestigkeit auch am internationalen Parkett bewiesen. Dass der auch wirtschafts- und gesellschaftspolitisch beschlagene Jurist trotz seiner Meriten und massiver Unterstützung der Industriehochburg Oberösterreich am Schwarzenbergplatz einziehen wird, ist dennoch fraglich.

Heftige Querschüsse

Es gibt heftige Querschüsse und mit Georg Knill und Martin Ohneberg zwei Gegenkandidaten. Mit Eder würde kein gestandener Unternehmer, sondern ein Manager die Industriellenvereinigung führen, lautet ein Argument. Und mit 68 Jahren würde er nicht jenen Generationenwechsel verkörpern, den die österreichische Sozialpartnerschaft in den letzten Jahren vollzogen hat.

All diese unterschiedlichen Präferenzen wären noch gar nicht so aufreibend, hätten mehrere Involvierte in den letzten Monaten nicht einige Eskalationsstufen erklommen. Von einem Jahrmarkt der Eitelkeiten wird mittlerweile gesprochen, von Sandkastenspielen zulasten der Organisation. Kapsch wird vorgeworfen, seine Nachfolge nicht rechtzeitig in die Hand genommen zu haben.

Wolfgang Eder lässt sich nicht abwimmeln.
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Das kam so: Im Herbst outete sich Eder als Kandidat, womit ein Duell mit Ohneberg absehbar war. Da der Prozess auf die schiefe Bahn geriet, nahmen die Länderpräsidenten das Heft in die Hand. Im Februar gaben sie ihre Präferenz für den Steirer Georg Knill bekannt. Ein Affront gegen Eder, gegen Oberösterreich und viele andere Industrielle, die den gut gehärteten Stahlmann unterstützen, der daraufhin ein für Ende April anberaumtes Hearing platzen ließ.

Briefabtausch

Seither öffnen sich die Visiere. Mit bisher nie dagewesenen Unmutsbekundungen melden sich sonst so auf Diskretion bedachte IV-Granden zu Wort. Eder selbst eröffnete den Reigen und richtete sich schriftlich an den 134-köpfigen Bundesvorstand, der im Juni in geheimer Wahl über die Kapsch-Nachfolge befinden wird. Wegen des Votums der von den Länderpräsidenten gebildeten Findungskommission für Knill sehe er sich vor vollendete Tatsachen gestellt, ließ er wissen. Manfred Gerger, burgenländischer Industrie-Repräsentant und Vorsitzender der genannten Kommission, warf Eder daraufhin vor, seine Teilnahme am Hearing kurzfristig und ohne Angabe plausibler Gründe abgesagt zu haben.

Georg Knill ist der Favorit der Findungskommission.
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Dann beteiligte sich auch noch Kapsch am eskalierenden Briefabtausch, beklagte die "doch etwas verfahrene Situation" und sprach sich für die Wahl Knills aus. Seine Vorgänger und er hätten die Organisation "nicht mit Herzblut und viel Energie geführt, um jetzt zu sehen, wie sie möglicherweise zum Spielball der Partikularinteressen wird", hielt Kapsch fest.

Breitseite aus Niederösterreich

Zuletzt kam noch eine Breitseite von Michael Salzer, langjähriger Ex-Chef der IV Niederösterreich, der den Generationenkonflikt im Bundesvorstand ansprach: "Als wir als Junge in den Vorstand kamen, haben wir uns sehr geärgert, dass viele Pensionisten die Sitze im Vorstand besetzt haben und dauernd Reden hielten, warum es früher anders und besser war. Wo sind die Jungen von damals? Sie versitzen genauso wie damals den Jungen die Vorstandssitze. Und nicht nur das, die Alten versuchen auch leider, sich in die Nachfolge des Präsidenten einzumischen."

Die Ziele der Giftpfeile sind unschwer zu erkennen: die Altpräsidenten Peter Mitterbauer und Veit Sorger, die unbedingt Eder an der Spitze der IV sehen wollen. Pikanterie am Rande: Michael Salzers Sohn Thomas ist Präsident der niederösterreichischen Industrie und soll selbst Ambitionen haben, Kapsch zu beerben. Ihm werden aber nur geringe Chancen eingeräumt.

Crème de la Crème

Der geheimnisvolle Bundesvorstand setzt sich aus der Crème de la Crème der österreichischen Wirtschaftstreibenden zusammen. Vertreter alteingesessener Dynastien wie Stanislaus Turnauer und Markus Langes-Swarovski sind ebenso mit von der Partie wie Selfmademan und ÖVP-Großspender Stefan Pierer (KTM), Andritz-Chef Wolfgang Leitner oder Raiffeisen-Zampano Erwin Hameseder. Auch Banker wie Andreas Treichl und ÖBB-Chef Andreas Matthä zählen zur derzeit gar nicht eingeschworenen Truppe.

Martin Ohneberg will es ebenfalls wissen.
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Frauen unter dem Radar

Wen man mit der Lupe suchen muss: Frauen. Im Vorstand findet man gerade einmal acht weibliche Mitglieder, darunter Casinos-Chefin Bettina Glatz-Kremsner, Unternehmerin Hilde Umdasch und Infineon-Österreich-Vorsitzende Sabine Herlitschka. Die IV-Präsidiumsmitglieder und die neun Landespräsidenten kommen sogar auf eine 100-prozentige Männerquote. Zumindest abseits der Funktionärsebene sieht es besser aus: In der IV selbst haben Frauen einige Führungspositionen ergattert.

Nicht nur Frauen sind in der Organisation nicht allzu hoch im Kurs, sondern auch die Transparenz erscheint ausbaufähig. Die Mitglieder des wichtigen Vorstands werden auch im Jahr 2020 noch geheim gehalten (auch wenn das nicht allzu gut gelingt). Aus Datenschutzgründen, wie es heißt.

Bei der Wahl im Juni steht angesichts der aufgeschaukelten Stimmung viel auf dem Spiel. Wer auch immer als Sieger hervorgehen wird, kann sich schon einmal auf harte Widerstände und womöglich Revanchefouls einstellen. (Andreas Schnauder, 18.5.2020)