Demonstranten gingen auch am Montag auf die Straße.

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Das Theater liegt in Trümmern.

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Das Gebäude wurde 1939 von dem italienischen Architekten Giuglio Bertè entworfen.

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Samstagnacht kamen die schweren Maschinen, die die Mauern einrissen, und die Bagger, die den Schutt wegführten. Nach zwei Jahren der Auseinandersetzung wurde nun über Nacht das albanische Nationaltheater in Tirana abgerissen. Der sozialistische Premier Edi Rama triumphiert. Der Mann, der sich früher gern in Künstlerkreisen zeigte, machte sich schon seit vielen Jahren für die Schleifung und einen Neubau stark.

Die konservative Oppositionspartei DP instrumentalisierte den Protest gegen den Abriss in den vergangenen Monaten, was Rama sicher noch mehr davon überzeugte, das Theater dem Erdboden gleichmachen zu sollen. Am Sonntag kam es zu Zusammenstößen der Polizei mit hunderten Demonstranten, die bereits seit 2018 regelmäßig auf die Straße gingen, um das Kulturerbe zu erhalten. Die Beamten trugen einige Leute, die protestierten, weg. Diese bezeichneten die Regierung Rama als "Diktatur", andere sprachen von einer "Mafia-Gang". 15 Organisationen unterzeichneten indes eine Stellungnahme, in der sie die zunehmende "staatliche Gewalt und Unterdrückung" kritisierten, insbesondere in Zeiten, in denen es an einer funktionierenden Opposition und einem funktionierenden Gerichtssystem fehle.

Nächtlicher Coup in Corona-Zeiten

Tatsächlich erinnert das Vorgehen im Fall des Nationaltheaters in Tirana stark an das Vorgehen der serbischen Behörden, die im April 2016, ebenfalls über Nacht, einige Gebäude in dem alten Viertel Savamala in Belgrad zerstörten. Der "starke" Mann von Serbien, Präsident Aleksandar Vučić, und der "starke" Mann von Albanien, Premier Edi Rama, sind auch in anderen Bereichen für ihr autokratisches Vorgehen in der Region berühmt-berüchtigt. Und natürlich wusste Rama, dass nun während der Pandemie, wo strenge Ausgangsbeschränkungen gelten, kaum Widerstand aus der Bevölkerung kommen – und er daher seinen Willen leichter durchsetzen – kann.

Das Theatergebäude wurde 1939 von dem italienischen Architekten Giuglio Bertè entworfen, war eine Art Offizierskasino für die italienische Armee und diente seit 1947 als Nationaltheater. Es gehört zu einem italienischen Architekturensemble in der Innenstadt von Tirana. Namhafte Künstler, der Verband der Architekten und einige Regisseure kritisierten den Abriss aber nicht nur wegen des Denkmalschutzes, sondern auch wegen der merkwürdigen Ausschreibung, der Umgehung von Wettbewerbsrecht und des kaum bekannten Plans für das neue Theater. Denn den Plänen zufolge soll das neue Gebäude in erster Linie als kommerzieller Raum oder als Bürofläche dienen – die Bürger sollen jedenfalls öffentlichen Raum verlieren.

Repressive Massnahmen

Präsident Ilir Meta, ein politischer Gegenspieler Ramas, nannte den Abriss nun "ein moralisches Verbrechen". Die EU-Delegation sagte – wie üblich wachsweich –, dass man zu einem Dialog aufgerufen habe, bevor eine irreversible Situation geschaffen werde. Von Dialog ist indes gar nichts zu merken – vielmehr erinnert das Vorgehen der Regierung in den vergangenen Wochen an repressive Zeiten. So wurden Verordnungen erlassen, die Personen bestrafen, die Präventionsmaßnahmen gegen Covid-19 nicht einhalten. Sie können zwei bis zehn Jahre ins Gefängnis wandern. Jemand, der einen anderen infiziert, der daraufhin stirbt, kann sogar bis zu 15 Jahre ins Gefängnis gehen. (Adelheid Wölfl, 19.5.2020)