Im Gastkommentar spricht sich Historiker Martin Tschiggerl für die Stärkung der Medienkompetenz eines jeden einzelnen aus, um den Anforderung der digitalen Informationsflut gerecht zu werden.

In der historischen Forschung zu Verschwörungstheorien herrscht Konsens darüber, dass sich diese speziell zu Krisenzeiten ausgesprochen großer Beliebtheit erfreuen. Und so lässt auch eine Pandemie und die sie begleitende Weltwirtschaftskrise historischen Ausmaßes die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien sprießen wie ein Sommerregen Schwammerln aus dem Waldboden.

Gegen Mundschutz, für Aluhut – Verschwörungstheorien bringen derzeit hunderte Demonstranten auf die Straßen europäischer Städte. Auch in Wien gibt es skurrile Proteste gegen die Corona-Maßnahmen.
Foto: Reuters / Christian Mang

Viele Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker sehen angesichts Covid-19 ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet: Sie sind mit einem Staat konfrontiert, der zu Eindämmung der Pandemie seine biopolitische Macht nutzt, im Namen der öffentlichen Gesundheit zentrale Grund- und Freiheitsrechte zumindest teilweise einschränkt und direkter in das Leben seiner Bürgerinnen und Bürger eingreift als sonst.

Dies macht ihnen aus nachvollziehbaren Gründen Angst. Doch wie so oft ist Angst ein schlechter Ratgeber. Denn sie treibt die Verschwörungstheoriegläubigen dazu, dort, wo in der gesellschaftlichen, politischen und historischen Realität Zufall, Improvisation und mitunter auch Unvermögen und Ahnungslosigkeit regieren, einen perfiden, heimtückischen Plan zu erkennen.

Einfache Erklärungen

Hierbei handelt es sich um eine charakteristische Eigenschaft von Verschwörungstheorien: Sie helfen dabei, die Ungewissheit durch eine drastische Reduktion von Komplexität zu bewältigen. Auf ganz ähnliche Weise übrigens, wie es auch Religionen tun. Sie stiften Sinn, wo eigentlich kein Sinn ist. Sie sehen einen Plan, wo es keinen Plan gibt. Sie attestieren Subjekten als historischen Akteuren absolute Handlungsmacht, wo diese Handlungsmacht durch Strukturen und Prozesse begrenzt ist.

Dadurch liefern Verschwörungstheorien ein scheinbar kohärentes, oft monokausales Erklärungsmodell für komplexe Phänomene. Was zuvor kompliziert und unverständlich war, ist plötzlich klar und begreifbar. Nicht umsonst regen zahlreiche Wissenschafterinnen und Wissenschafter an, statt Verschwörungstheorie besser den Begriff "Ver-schwörungsideologie" zu verwenden.

Jetzt kann man natürlich anmerken, dass Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker nicht zwangsweise einen Schaden verursachen. Wenn jemand daran glaubt, dass John F. Kennedy von der CIA ermordet worden ist, 9/11 ein Insidejob war und die Erde in Wirklichkeit eine Scheibe ist, könnte man ihn oder sie als liebenswerten Spinner abtun. Mit Verschwörungstheorien wird jedoch oft gezielt Politik gemacht, um Gesellschaften zu destabilisieren. Und nicht umsonst ist der Antisemitismus geradezu der Archetyp einer Verschwörungstheorie.

Dunning-Kruger-Effekt

Im Fall der Covid-19-Pandemie tritt einmal mehr eine der gefährlichsten Verschwörungsmentalitäten unserer Gegenwart zutage: die Impfgegnerschaft. Impfgegnerinnen und Impfgegner von der Schwachsinnigkeit ihrer zentralen Prämissen zu überzeugen – daran scheitern unzählige wissenschaftliche Studien, Kampagnen und Infomaterialien. Gerade dies ist die Crux an Verschwörungstheorien und unterscheidet sie von wissenschaftlichen Theorien: Sie sind unmöglich zu falsifizieren.

Jedes Argument, jeder wissenschaftliche Beweis, schlicht und einfach jeder Fakt, der etwa die positive Wirkung von Impfungen als eine der wichtigsten medizinischen Errungenschaften der Moderne untermauert, wird von Impfgegnern als Teil einer globalen Verschwörung angesehen.

Hier erleben wir den sogenannten Dunning-Kruger-Effekt in seiner vollen Blüte: Desto weniger Ahnung man von einem bestimmten Themengebiet hat, desto leichter neigt man dazu, das eigene Wissen und das eigene Können maßlos zu überschätzen. Und nein, eine Recherche auf Youtube ersetzt kein mehrjähriges facheinschlägiges Studium.

Unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zur Arbeitsteilung ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Menschheit: Ich habe wenig Ahnung, wie meine Gastherme wirklich funktioniert. Bei ihrer Wartung vertraue ich daher einem Fachmann. Als Gesellschaft täten wir gut daran, Expertinnen und Experten auch weiterhin zu vertrauen und zu wissen, wo unsere persönliche Expertise schlicht und einfach endet.

Medienkompetenz stärken

Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass eine unüberschaubare Menge an Information praktisch jeder Zeit und überall für uns verfügbar ist. Aber nicht alles davon ist gesichertes, fakten- beziehungsweise evidenzbasiertes und somit legitimes Wissen. Da die klassischen Massenmedien aufgrund der Fragmentierung der Gesellschaft in teilweise abgetrennte Teilöffentlichkeiten ihrer Wächterfunktion als vierte Gewalt nicht mehr gerecht werden können, ist mehr denn je kritische Medienkompetenz jeder und jedes Einzelnen gefragt.

Diese Medienkompetenz gilt es zu stärken, um die Menschen für die nicht nur im digitalen Zeitalter notwendige Technik der Quellenkritik zu sensibilisieren. Hier ist auch die Politik in der Pflicht. Denn Karen auf Facebook weiß es eben nicht besser als praktisch alle Virologinnen und Virologen dieser Welt. (Martin Tschiggerl, 20.5.2020)