Entgegen dem Kolumnentitel kommt das, was jetzt kommt, vor dem Absacker. Aber wollen wir angesichts steigender Temperaturen und lange herbeigesehnter Gastgartentrips einmal nicht so sein. Heute huldigen wir dem Gspritzten auf Papier. Dem, der gar nicht prätentiös immer da war und ist und das für alle: für die Un- und Überprätentiösen. Dann, wenn die Seele dürstet und der Gaumen trocknet.

Nirgends schmeckt diese Mischung besser als zwischen Rebzeilen oder auf der Heurigenterrasse. Sonne im Gesicht, die Finger um den Spritzerglashenkel gewickelt. Das ist das Setting, das die Mischung zum Kulturgut macht. Ob man nun den kleinen Finger gspritzt vom Glas wegstreckt oder nicht – ist das Gläschchen einmal gehoben, schmirgelt Kohlensäure das Zünglein glatt.

Dem folgen Würze, je nach Rebsorte blumige und fruchtige Ansätze. Säure. Durst. Nächste Kostprobe. Ein Lächeln, ein Aufatmen, eine kleine Ode auf das Prickelnde in der Hand, und schon schließen sich die Finger wieder fester um den Griff, das Glas entsagt der Schwerkraft, der nächste Schluck steht an.

Wien ist dabei die einzige europäische Metropole, in der der Wein leicht aus dem Stadtgebiet stammen kann. In Wien wachsen auf 637 Hektar Weinstöcke von Grünem Veltliner bis zum Riesling.

Nirgends schmeckt der Gspritzte besser als zwischen Rebzeilen oder auf der Heurigenterrasse.
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Spritzer-Spitzen

236 Kilometer weiter südlich steht der Wein-Roadtrippler vor einem Berg. Es ist das höchste Weindorf Europas, das da 564 Meter über dem Meeresspiegel emporragt: Kitzeck im Sausal in der Südsteiermark. Dort wächst weniger Grüner Veltliner, dafür mehr Sauvignon blanc: frisch, saftig, temperamentvoll. Auch als Spritzer ist er von der aufgeweckten Sorte.

Kenner schwören auf die Kombination mit Brettljause: "Die Säure des Weins und der geselchte Rohschinkenaufschnitt zusammen sind wödklasse." Der Spritzer von Welt – ein super Begleiter für gutes Essen und gute Stunden.

Wenn man sich in der Steiermark westlich hält, dann dreht sich die Bauernjausenwelt um einen Spritzer in Rosé – gekeltert aus der Blauen-Wildbacher-Rebe und in Roséform als Schilcher bekannt. Mit einer Säure, dass sich einem die Zehennägel aufrollen, soll man jenseits der regionalen Grenzen schon vernommen haben. Für die Einheimischen und diejenigen, die sich nach dem ersten Schluck Schilcherspritzer über den zweiten getraut haben, ist dieser säureintensive Wein die einzig wahre Option für die Brettljause.

Knapp 28 Liter Wein konsumiert der Österreicher im Jahr. Die Zahlen während des Lockdowns sind noch nicht erhoben. Sicher wissen wir: Heurigen-Feeling kommt beim Blick auf die Bücherwand oder das ungewaschene Geschirr zu Hause kaum auf. Darum ist die Freude umso größer, dass der Spritzer jetzt wieder mit Aussicht auf die Weinberge und gemeinsam mit lieben Menschen (unter Einhaltung der Regeln) genossen werden kann.

Der Spritzer ist mehr als eine Mischung aus Wein und Mineralwasser oder Soda.
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Positive Aussichten

Anpackmentalität und Hilfsbereitschaft haben die letzten Wochen in der Gastronomie geprägt. Zahlreiche Projekte, die in Stunden aus dem Boden gestampft wurden, haben denen geholfen, die wirklich Hilfe benötigten. In Österreich und in anderen Ländern. Jetzt ist Zeit für Zuversicht, positive Gedanken und freundliche Worte, hört man aus Winzer- und Gastronomenkreisen.

So ein kühler Spritzer tut dazu das seinige. Nicht nur, dass er eine Flüssigkeit gewordene Belohnung nach Erklimmen der Weinbergterrassen ist. Spritzer trinken ist jetzt eine echte Hilfe für die Gastronomie. Grüner Veltliner zum Backhendl oder Traminer zum Sushi übrigens auch.

Zuversicht, Weitblick über das, was unser Auge den Weinberg hinab erblickt, hinaus. In die Zukunft, und zwar in eine, in der bestimmt vieles durch Onlinelösungen ersetzt werden kann. Aber doch bitte niemals ein Restaurantbesuch oder der Spritzer beim Heurigen.

Weil das etwas ist, das uns Menschen zugrunde liegt. Ins Restaurant gehen ist Teil der Herde werden. Teil der emotionalen, humanen und notwendigen Verbindung, die wir suchen. Deshalb wird die Kombination aus Wein und Mineralwasser auch nie nur ein Getränk sein. (Nina Wessely, RONDO Exklusiv, 14.6.2020)

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