Mit der Metapher der "roten Pille" wollen Männerrechtler ausdrücken, die vermeintliche Herrschaft des Feminismus erkannt zu haben – so sehe die wahre Realität aus.

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Eine Schlüsselszene aus dem Science-Fiction-Klassiker "The Matrix" zählt längst zum popkulturellen Allgemeingut: Protagonist Neo bekommt von Morpheus zwei Pillen angeboten – die blaue lässt ihn weiterhin in einer computergenerierten Scheinwelt leben, die rote hingegen verspricht Erleuchtung und damit das Erkennen der grausamen Realität.

Den rebellischen Gestus der roten Pille machten sich Jahre später Antifeminist*innen und Männerrechtler im Netz zu eigen. In Foren wie "Reddit" und "4chan" beschrieben sich User als "red-pilled", da sie die vermeintliche Herrschaft des Feminismus entschlüsselt hatten. Feminismus unterdrücke Männer und Buben und schade letztendlich auch den Frauen, so der Glaubenssatz der "Manosphere". In der höchst heterogenen Manosphere tummeln sich hasserfüllte Incels (involuntary celibates) ebenso wie Pick-up-Artists und MGTOWs (Men Going Their Own Way), die Beziehungen zu Frauen ganz grundsätzlich ablehnen.

Aber auch in der US-amerikanischen Alt-Right, die während des Wahlkampfs von Donald Trump neue Höhenflüge erlebte, ist die Metapher der "Red Pill" äußerst populär. Rechtsextreme wähnen sich als Rebell*innen, die sich der Gehirnwäsche einer liberalen Propaganda entzogen hätten, und verpassen so ihren rassistischen Erzählungen einen neuen Anstrich.

Antifeministinnen

Dass der Begriff längst außerhalb einer extrem rechten Blase populär ist, zeigt der Tweet von Tesla-Gründer Elon Musk, der sich jüngst als Red-Piller outete. "Männerrechtsscheiße", kommentierte da die Mutter seiner Partnerin treffend – und auch Co-Regisseurin Lilly Wachowski ("The Matrix") zeigte sich wenig erfreut.

Die Red-Pill-Community ist indes kein reiner Männerzirkel. So veröffentlichte die US-amerikanische Regisseurin Cassie Jaye 2016 den Dokumentarfilm "The Red Pill", in dem sie sich zu Beginn selbst als Feministin beschreibt und erst durch die Auseinandersetzung mit Personen wie dem radikalen Männerrechtsaktivisten Paul Elam Erleuchtung erfährt. Elam gründete die antifeministische und frauenfeindliche Plattform "A Voice for Men" und veröffentlichte gemeinsam mit Peter Wright ein Buch unter dem Titel "Red Pill Psychology".

Für Aufsehen in der Youtube-Community sorgte auch die einst populäre Sex-Education-Bloggerin Lacie Green, die 2017 ein Video unter dem Titel "Taking the Red Pill?" veröffentlichte. Darin beschreibt sie ihre Auseinandersetzung mit rechtskonservativen Inhalten, die sie zu neuen Einsichten gebracht hätten, und wettert gegen "Social Justice Warriors". Als besonders eifrige Verfechterin von Männerrechten präsentiert sich Karen Straughan auf Youtube, die bereits seit 2011 videobloggt und gut in der Männerrechtsszene vernetzt ist. "Ich denke, jedes Vergewaltigungsopfer sollte als potenzieller false accuser betrachtet werden", erklärt Straughan in einem Interview.

Mansplaining Event of the Century

Dass die Manosphere nach wie vor floriert, beweist die für den Oktober in Florida geplante "Make Women Great Again"-Convention, die die Macher ganz unironisch als "Mansplaining Event of the Century" bezeichnen. Frauen können sich dort von ausschließlich männlichen Vortragenden erklären lassen, wie ihre Weiblichkeit zu verbessern sei: vorrangig, um einen Ehemann zu finden, Kinder zu gebären und Gewicht zu verlieren. Ihre Einführung ins Patriarchat lassen sich die Organisatoren gut bezahlen: 999 Dollar kostet das "Early Bird Ticket". Die Tagung ist dabei nicht nur reaktionär-sexistisch, sondern auch transfeindlich: Ausschließlich "biologically natural born women" sind willkommen. Und auch der Begriff "Red Pill" taucht auf der Tagungsseite auf: Sprecher Steve Williams, "stolzer Vater, Ehemann und Patriarch", präsentiert sich als Host der Show "The Red Pill Mindset". Wer teilnimmt, erfährt "die Wahrheit, die ungesunde, militante Feministinnen vor dir versteckt haben". Zumindest den Machern scheint es ernst zu sein. (Brigitte Theißl, 2.6.2020)