Fotos leergefegter Städte gerieten zum Corona-Symbol.

Foto: APA / Helmut Fohringer

Wie das Coronavirus aussieht, weiß mittlerweile jedes Kind. Das Bild dieses eigentlich unsichtbaren Feindes hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt – schließlich kämpft es sich leichter, wenn der Gegner eine Gestalt hat. Ausgangspunkt der massenhaft verbreiteten Darstellungen von Sars-CoV-2 ist eine elektronenmikroskopische Aufnahme des Erregers, entstammt also durchaus der wissenschaftlichen Realität.

Allerdings kommt bei Farbe und Form auch die Kreativität der Gestalter zum Tragen. Erleichtert doch eine vereinfachte Form das Wiedererkennen des Virus, und grelle Farben verleihen ihm eine gewisse mit Gefahr assoziierte Schönheit. "Diese Bilder nehmen wir hin und lassen sie in uns einsickern, ohne uns viele Gedanken darüber zu machen", meint die Kulturwissenschafterin Monika Pietrzak-Franger vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien.

Als Mitglied der Arbeitsgruppe "Geschichte der Medizin / Medical Humanities" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschäftigt sie sich seit Jahren mit der Ikonografie, also der bildhaften Darstellung, von Krankheiten. Dabei geht es ihr vor allem darum, die Sprache dieser Ikonen zu dechiffrieren. Denn Bilder sagen bekanntlich oft mehr als Worte und können auf der emotionalen Ebene viel schneller und unmittelbarer eine große Wirkung entfalten.

Apokalypse ...

Diese Wirkmacht wird auch in der Corona-Pandemie von diversen Interessengruppen gezielt genutzt. So könne man etwa Karten und Grafiken, welche die Ausbreitung von Covid-19 und Fortschritte bei der Eindämmung zeigen, zum Untermauern sehr verschiedener, oft sogar gegensätzlicher Überzeugungen einsetzen.

"Die Grafiken mit der exponentiellen Kurve werden für Pro-Trump-Postings ebenso genutzt wie für Trump-kritische Aussagen", erklärt die Wissenschafterin anhand eines Beispiels. Was immer sie belegen sollen, eine Aussage wird jedenfalls immer mitgeliefert: "Die Lage ist sehr ernst, und es droht eine Katastrophe."

Ein häufig verwendetes Corona-Ikon zu Beginn des Lockdowns waren menschenleere Stadtlandschaften. "Das ist ein Motiv aus postapokalyptischen Narrativen, das den Ausnahmezustand verdeutlicht und in Verbindung etwa mit Särge transportierenden Militärfahrzeugen Angst schürt", sagt Monika Pietrzak-Franger.

... und Utopie

Kombiniert mit Naturelementen können Bilder von leeren Städten aber auch eine utopische Note bekommen. Wenn etwa Enten ungestört über den Stephansplatz watscheln oder auf Fake-Fotos Delfine in den Kanälen von Venedig schwimmen, wird mit dem Bild meist auch das Thema Klimawandel angesprochen.

Es zeigt uns eindrücklich, wie die Natur aufatmet und die sonst vom Menschengewusel verdeckten, verdreckten und kontaminierten Orte zurückerobert. Diese Bildsprache schürt keine Angst, sondern Hoffnung – etwa auf einen ökologisch besseren Neustart nach der Krise.

Große Themen in der Welt der Corona-Bilder sind auch Einsamkeit (allein vor dem Computer, trauriger Blick aus dem Fenster) und Solidarität, die etwa mit Fotos von Balkonkonzerten oder für das medizinische Personal applaudierenden Menschen dargestellt wird. "Wir sehen hier ein spannendes Spektrum zwischen Individualität und Kollektivität, das sich laufend verändert", sagt die Ikonografie-Expertin.

Schutzmasken

Auch bei den zahllosen Corona-Schutzmasken-Bildern hat sich die Bildsprache mit ihren mehr oder weniger unterschwellig mitgelieferten Informationen im Lauf der Pandemie geändert. "Zeigten die Bilder am Anfang vor allem maskierte Menschen asiatischer Herkunft, stand mit fortschreitendem Lockdown verstärkt der kreative Aspekt der Vermummung im Zentrum."

Brasiliens interimistischer Gesundheitsminister mit Maske in Nationalflaggendesign.
Foto: REUTERS/Adriano Machado

Der Mund-Nasen-Schutz lässt sich als individuell gestaltbares Modeaccessoire ebenso gut nutzen wie als stummes Statement patriotischer Gesinnung (Flagge) oder als Element zur Stigmatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Fotos wie jenes von einem Maske tragenden Metzger auf einem asiatischen Fleischmarkt setzen sich mit ihrer drastischen Bildsprache in den Köpfen fest und bedienen – vielleicht sogar ungewollt – das Bedürfnis nach Sündenböcken.

Medien, die schon vor der Corona-Krise den ihrer Meinung nach zu großen Einfluss des Staates auf die politischen Rechte seiner Bürger anprangerten, fanden während der Hochzeit der Pandemie perfektes Bildmaterial für ihre Botschaft: Polizisten beim Maßregeln harmloser Menschen, die zu nahe beieinander stehen oder keine Masken tragen etwa.

Gesammelte Bilder ...

"Es werden weltweit immer neue Bilder zur Illustration von Covid-19 produziert", sagt Monika Pietrzak-Franger. "Zusammenfassende Aussagen kann man deshalb zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht formulieren, aber man kann Tendenzen skizzieren, Beispiele sammeln und Kategorien herausfiltern."

All das macht die Kulturwissenschafterin in der Medical-Humanities-Arbeitsgruppe gemeinsam mit ihrem Team und einer Reihe von Experten aus unterschiedlichsten Fachbereichen. Im Rahmen der Ringvorlesung "Medical Humanities: Cultures, Sciences, Media", die seit Anfang Mai am Institut für Anglistik und Amerikanistik angeboten wird, beteiligen sich auch Studierende an der großen Corona-Bilder-Sammelaktion.

"Die Macht der Krankheitsikonografie wird uns bewusst, wenn wir uns vor Augen führen, welchen unterschiedlichen Zwecken die Bildsprache des Coronavirus dient", betont die Wissenschafterin. "Visuelle Darstellungen, die im Zusammenhang mit Corona kursieren, sind selten objektiv oder neutral, sondern haben ganz bestimmte Funktionen." Oft verfolgen sie eine politische Absicht und versuchen, beim Betrachter die gewünschten Emotionen hervorzurufen beziehungsweise zu verstärken.

... und fragwürdige Botschaften

Foto: US National Library of Medicine / public domain

Wie Covid-19 bekamen auch andere Erkrankungen ihre ureigene Ikonografie, also ihr ganz spezielles Repertoire an Bildern und Symbolen, zugedacht. "Historisch gesehen, waren das oft Darstellungen davon, wie eine Person, die an dieser Krankheit leidet, angeblich aussieht", schildert Monika Pietrzak-Franger. "Tuberkulose etwa hatte im 19. Jahrhundert das Gesicht einer schönen, zarten, blassen, jungen Frau. So wurde die bildhafte Darstellung von TBC zum allgemeinen Schönheitsideal."

Auch für Syphilis wurde meist ein weibliches Gesicht gewählt. Auf Plakaten aus den 1940er-Jahren, die britische Soldaten vor Geschlechtskrankheiten warnen, sind ausschließlich Frauen als gefährliche Überträgerinnen dargestellt: als rauchende Vamps, Prostituierte oder scheinbar biedere Mädchen in weißer Bluse. "She may look clean but ..."

Im Umgang mit Krankheiten und in deren Darstellung spiegeln sich immer auch Ideologien, Machtverhältnisse und kulturelle Praktiken. Das interdisziplinäre Forschungsfeld der Medical Humanities erforscht diesen Hintergrund und holt ihn ins Bewusstsein.

Ein spannendes Unterfangen, das zurzeit mit Bergen brandneuen Untersuchungsmaterials versorgt wird. Was die Forscher darin finden, wird eine Reihe brisanter ethischer und sozialer Fragen aufwerfen. (Doris Griesser, 11.6.2020)