Ein als Ersatztransparent verwendetes Antifa-T-Shirt bei einer Demonstration gegen Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasília.

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Donald Trump und das US-Justizministerium haben einen neuen Lieblingsfeind gefunden: "die Antifa". Diese sei für Ausschreitungen bei den aktuellen Protesten verantwortlich, wolle nur Chaos stiften und müsse als terroristische Organisation eingestuft werden, erklärte der US-Präsident. Seine Loyalisten folgen auf dem Fuß. Justizminister William Barr veröffentlichte bald darauf eine Presseerklärung, in der er diesen Standpunkt wiederholte und gemeinsames Vorgehen mit den 56 regionalen Büros des FBI ankündigte.

Für Chandler Wirostek aus Charlotte eine unverständliche Maßnahme, zumal es "die" Antifa als Organisation nicht gibt und der Begriff – der eigentlich für "Antifaschisten" steht – eine Reihe heterogener Gruppierungen ähnlicher Ausrichtung beschreibt. Also schrieb er eine Nachricht auf Twitter, gerichtet an den Account des FBI und dessen Ableger in Charlotte, dokumentiert "The Intercept".

"Schickt mir eine private Nachricht für meine Adresse"

"Hi, ich bin der Anführer der Antifa in Charlotte. Schickt mir eine private Nachricht für meine Adresse, ich kann mich aber auch stellen", erklärte er darin. "Ich würde mich freuen, euer Bullshit-Terrorismus-Statut vor einem Gericht verhandeln zu lassen. Jeder, der glaubt, Antifaschisten wären die Bösen, ist ein Faschist. #IAMAntifa."

Eine unmittelbare Reaktion blieb aus, doch zwei Tage später meldete sich das FBI telefonisch. Nachdem er zuerst bei seiner Mutter angerufen hatte, erreichte ein Mitarbeiter schließlich Wirostek selbst, wobei ein Freund von ihm einen Teil des Gesprächs per Video dokumentierte.

FBI bot Job als Informant an

Warum habe er dem FBI gemailt, dass er der Anführer der lokalen Antifa sei?, wollte der Behördenvertreter wissen und verwechselte dabei eine Twitter-Nachricht mit einer E-Mail. Daraufhin klärte Wirostek ihn darüber auf, dass er natürlich nicht der Chef der örtlichen Antifa sei und seinen Tweet aus Solidarität verfasst habe.

Der Mitarbeiter versicherte ihm darauf, dass er das vermutet hatte und nur angerufen habe, weil er von einem Vorgesetzten dazu angewiesen worden sei. Er stellte ihm weitere Fragen – etwa ob er Kontakte zu Antifa-Mitgliedern habe oder etwas über den Aufbau der Bewegung wisse. Schließlich erkundigte er sich, ob Wirostek daran Interesse hätte, als Informant für das FBI tätig zu werden. "Klar", meinte dieser. "Schickt mir doch die Unterlagen." Ein Interesse daran, tatsächlich tätig zu werden, habe er aber nie gehabt, sondern wollte nur wissen, wie der Rekrutierungsprozess aussehe. Beruflich arbeitet Wirostek in der Betrugsbekämpfungs-Abteilung einer Bank.

Problematisches Vorgehen

Einer Anfrage, ob das FBI infolge der Aussagen des Justizministers nun gezielter Social-Media-Postings auswerten würde, wich die Behörde aus. Man identifiziere, untersuche und verfolge Personen, die zu Gewalt anstiften oder sich kriminell betätigen würden, und habe es nicht auf friedliche Protestierende abgesehen, erklärte man.

Michael German vom Brennan Center for Justice sieht das Vorgehen des FBI im Fall Wirostek als problematisch an. Dass ein Mitarbeiter angewiesen worden sei, einer offensichtlich nicht ernst gemeinten Botschaft nachzugehen, deute darauf hin, dass der Geheimdienst versuche, Trumps Behauptungen auf Biegen und Brechen wahr werden zu lassen und dabei auch auf "fragwürdige Methoden" zurückgreife.

Möglicherweise, vermutet Wirostek, sei der Rückruf aber auch einfach der Versuch, Leute einzuschüchtern, die ihre Unterstützung gegenüber einer Bewegung bekennen, die dem Präsidenten ein Dorn im Auge ist. In diesem Fall sei die Taktik sogar teilweise aufgegangen. Er werde sich in Zukunft zweimal überlegen, was er online sage, um nicht plötzlich auf einer Watchlist der Behörden zu landen. (red, 10.6.2020)