Rekonstruktion eines Neandertaler-Mannes. Genomanalysen zeigten, dass Genabschnitte, die von Neandertalern stammen, einen relativ geringen Effekt auf das Aussehen und die Gesundheit heute lebender Menschen haben.
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Die bis dato ältesten nichtafrikanischen Fossilien des modernen Menschen entdeckte man in einer Höhle im israelischen Karmelgebirge, und sie wurden auf 110.000 Jahre datiert. Heute geht man davon aus, dass es sich dabei um einen frühen gescheiterten Auszug des Homo sapiens aus Afrika gehandelt hatte. Mit der Eroberung der Welt begann der anatomisch moderne Menschen vermutlich erst mehr als 60.000 Jahre später. Auf seinen Wanderungen nach Osten und – vor rund 40.000 Jahren – nach Europa begegnete der Mensch sehr bald schon dem Neandertaler, einem Nachkommen des Homo erectus, der sich wiederum vor etwa 1,8 Millionen Jahren nach Asien ausgebreitet hatte.

Folgenreiches Techtelmechtel

Dieses Aufeinandertreffen zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis führte nicht nur zu Konflikten, sondern auch zu einer Vermischung, wie man seit mittlerweile zehn Jahren weiß. Diese interspezifischen Techtelmechtel blieben nicht ohne Folgen für unser Erbgut: Mittlerweile kennt man zahlreiche sowohl negative als auch durchaus positive Auswirkungen jener Gene, die wir von Neandertalern übernommen haben. Eine erst vor kurzem präsentierte Untersuchung konnte beispielsweise nachweisen, dass heutige Frauen mit einer bestimmten Neandertaler-Genvariante im Schnitt kinderreicher sind. Eine großangelegte Studie hat nun anhand der Genome von 27.566 heutigen Isländerinnen und Isländern erneut untersucht, welche Teile in ihrem Erbgut von Neandertalern stammen und welche Effekte diese haben dürften.

Der Anteil der Neandertaler-DNA im Erbgut heute lebender Menschen ist regional unterschiedlich.
Grafik: MPG

Heute außerhalb Afrikas lebende Menschen teilen zwei Prozent ihrer DNA mit Neandertalern. Identifiziert man die genauen Abschnitte, die von Neandertalern stammen, stellt sich heraus, dass nicht jeder Mensch die gleichen Abschnitte besitzt. Durch das Zusammenaddieren all dieser verschiedenen Abschnitte ist es einem internationalen Forschungsteam nun gelungen, 38 Prozent des Neandertaler-Genoms zu rekonstruieren, verteilt auf 14 Millionen einzelnen Abschnitten.

Neandertaler-Erbe in Isländern

Diese Neandertaler-Gen-Abschnitte im Genom heutiger Isländerinnen und Isländer verglich ein internationales Forscherteam mit den bereits bekannten Neandertaler- und Denisovaner-Genomen, die am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA) sequenziert wurden. Dabei stellten die Wissenschafter im Fachjournal "Nature" fest, dass sie dem Erbgut eines in Kroatien gefundenen Neandertalers ähnlicher waren als dem von in Russland gefundenen Neandertalern.

Zwischen modernen Menschen, Neandertalern und Denisova-Menschen kam es mehrmals zu fruchtbaren Begegnungen.
Grafik: MPG

Überraschenderweise fanden die Forscher auch Genabschnitte, die denen von Denisovanern ähnelten. Bisher hatte man diese nur im Erbgut heute in Ostasien und Papua-Neuguinea lebender Menschen gefunden. Eine mögliche Erklärung der Forschenden dafür ist, dass die Neandertaler-Gruppe, auf welche die Menschen getroffen sind, sich zuvor mit Denisovanern vermischt hatte.

Ältere Mütter, jüngere Väter

Weiters verglichen die Wissenschafter die Mutationsmuster von Genomabschnitten, die von Neandertalern stammen, mit denen rein menschlichen Ursprungs. "Da das Muster von neuen Mutationen (wie zum Beispiel die Mutation der Base C zu T) eines Kindes von dem Alter der Eltern abhängt, konnten wir herausfinden, dass Neandertaler-Mütter im Schnitt wahrscheinlich älter waren, als es bei Menschen der Fall ist. Neandertaler-Väter hingegen waren im Schnitt jünger", sagt Erstautor Laurits Skov von der Universität Aarhus und dem MPI EVA.

Schließlich konnten die Autoren zeigen, dass die Genabschnitte, die von Neandertalern stammen, einen relativ geringen Effekt auf das Aussehen und die Gesundheit heute lebender Menschen haben. Zu diesen Effekten des Neandertaler-Erbguts im Genom heute lebender Isländerinnen und Isländer gehören ein leicht verringertes Risiko von Prostatakrebs, eine etwas geringere Körpergröße und eine leicht erhöhte Blutgerinnung. (tberg, red, 14.6.2020)