Dexamethasontabletten

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Covid-Patient im Jemen.

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London – Großbritannien wird ab sofort den Wirkstoff Dexamethason zur Behandlung von Covid-19-Patienten einsetzen. Das Steroid-Medikament soll noch am Nachmittag auf die Liste der Standardverfahren des Nationalen Gesundheitsdiensts gegen Covid-19 gesetzt werden, teilte Gesundheitsminister Matt Hancock am Dienstag mit.

Der Entzündungshemmer könnte die Sterberate bei schweren Covid-19-Verläufen senken. Darauf weisen vorläufige Ergebnisse einer klinischen Studie hin, die noch nicht veröffentlicht sind und bisher nicht von anderen Experten begutachtet wurden. Bei Patienten, die künstlich beatmet wurden und das Medikament bekamen, sank die Sterberate um ein Drittel, wie die federführenden Wissenschafter von der Universität Oxford in einer Pressemitteilung berichten.

Kostengünstiges Medikament

"Dexamethason ist das erste Medikament, von dem gezeigt wurde, dass es das Überleben bei Covid-19 verbessert", erklärte Peter Horby, einer der Leiter der "Recovery"-Studie. "Dexamethason ist kostengünstig, verfügbar und kann sofort eingesetzt werden, um weltweit Leben zu retten."

In der "Recovery"-Studie untersuchen Wissenschafter die Eignung verschiedener bereits zugelassener Medikamente als Mittel gegen Covid-19. Insgesamt sind den Angaben zufolge mehr als 11.500 Patienten aus über 175 Kliniken in Großbritannien in die Studie aufgenommen worden. Der Dexamethason-Teil der Studie umfasste demnach 2.104 Patienten, die für zehn Tage einmal täglich sechs Milligramm Dexamethason bekamen. 4.321 Patienten dienten als Kontrollgruppe.

Ein Drittel weniger Tote

Die Sterblichkeit nach 28 Tagen war unter den künstlich beatmeten Patienten am höchsten. Sie lag ohne Dexamethason-Behandlung bei 41 Prozent. In der Versuchsgruppe sank sie um ein Drittel. Bei den Patienten, die Sauerstoff bekamen, aber nicht künstlich beatmet wurden, sank sie um ein Fünftel. Bei den Patienten, die gar keinen Sauerstoff benötigten, zeigte die Behandlung keine Wirkung.

Basierend auf den Zahlen würde bei der Behandlung von acht schwerkranken Covid-19-Patienten durch Dexamethason ein Todesfall verhindert, heißt es in der Mitteilung. "Diese vorläufigen Ergebnisse der 'Recovery'-Studie sind sehr eindeutig – Dexamethason senkt das Sterberisiko bei Patienten mit schweren Atemkomplikationen", erklärte Martin Landray, ein weiterer Studienleiter.

Nick Cammack, Covid-19-Forschungsbeauftragter bei der Wellcome-Stiftung, sprach in einem Statement von einem Durchbruch. Das Medikament müsse nun den tausenden schwer Erkrankten weltweit zugänglich gemacht werden. Die in London ansässige Wellcome-Stiftung setzt sich für die Verbesserung der weltweiten Gesundheit ein.

55,60 Euro für acht Patienten

Dexamethason ist weit verbreitetes synthetisches Glucocorticoid (Nebennierenrindenhormon), das bei einer Reihe von Krankheiten zur Hemmung von Entzündungen eingesetzt wird. "Das Ergebnis zeigt, dass Dexamethason bei Covid-19-Patienten, die beatmet werden oder Sauerstoff erhalten, Leben rettet und das zu bemerkenswert niedrigen Kosten", sagte der Wissenschafter Martin Landray von der Universität Oxford.

"Es wird für jedes Medikament sehr schwierig sein, das wirklich zu ersetzen, da man für weniger als 50 Pfund (rund 55,60 Euro) acht Patienten behandeln und ein Leben retten kann", sagte er in einem Online-Briefing zu Journalisten. Dexamethason sei kostengünstig, liege im Regal bereit und könne sofort verwendet werden, um weltweit Leben zu retten.

Unabhängige Expertenmeinungen

Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie hält die Recovery-Studie nach bisher vorliegenden Infoemationen für eine gute Untersuchung. Die Ergebnisse seien nicht ganz überraschend, "da bei schweren COVID-19-Verläufen häufig eine wahrscheinlich unnötig schwere Entzündungsreaktion auftritt. In dieser Deutlichkeit sind die Ergebnisse allerdings doch neu und wichtig."

Er kann sich auch vorstellen, dass eine Kombination von Dexamethason bzw. anderen immunmodulierende Substanzen und Remdesivir sinnvoll ist: "Remdesivir bekämpft das Virus, Dexamethason die überschießende Entzündung. Solche Kombinationen werden gerade auch in anderen Studien untersucht."

Eher zurückhaltend fällt die Reaktion von Christian Karagiannidis aus, Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin, Lungenklinik des Krankenhauses Köln-Merheim.: "Für eine Bewertung der Daten muss die Studie vorliegen, die wahrscheinlich zeitnah erwartet wird. Bisher gibt es nur diese Pressemeldung." Falls sich die Ergebnisse so bestätigen, ist laut Karagiannidis auch Kortison insbesondere für beatmete COVID-19-Patienten eine gute Behandlungsalternative." Zur Beurteilung der Größe des Therapieeffektes benötige es allerdings alle publizierten Daten.

Bislang gibt es noch keinen Impfstoff und kein Medikament gegen das neuartige Coronavirus, mit dem sich weltweit nach offiziellen Zahlen bislang über acht Millionen Menschen angesteckt haben und das über 430.000 Todesopfer gefordert hat. (APA, AFP, red, 16.6.2020)