In Dijon brennen Autos und fallen Schüsse.

Foto: BFM TV via AP

Reisende kennen Dijon als malerischen Ort mit Weinkellern, Gastromesse, schmucken Fachwerkhäusern. Jetzt kommen aber ganz andere Bilder aus dem schönen Burgund: Bilder von nächtlichen Krawallen, Schüssen aus Kalaschnikows und von Autos, die wie im Actionfilm durch die Luft fliegen. Alles ganz echt, und ganz schön beängstigend.

Begonnen hatte alles mit einem Streit im Einwandererviertel Les Grésilles, wo Drogenhändler einen Jugendlichen tschetschenischer Herkunft spitalreif schlugen. Familienangehörige des Verletzten trommelten darauf in Frankreich, Deutschland und Belgien Landsleute zusammen. Mit Schlagstöcken und anderen Waffen ausgerüstet, suchte die Hundertschaft am Wochenende die Wohnsiedlung auf und lieferte sich dort mit den maghrebinischen Dealern eine imposante Straßenschlacht.

Mann bewusstlos geschlagen

Schüsse wurden nicht nur in die Luft abgegeben, traf doch den Inhaber einer Pizzeria eine Kugel in den Rücken. Autos gingen in Flammen auf, städtisches Mobiliar wurde zerstört. Als ein maghrebinischer Dealer mit einem Personenwagen versuchte, die Gruppe der Tschetschenen zu rammen, verursachte er einen Unfall; der Fahrer wurde von den Angegriffenen bewusstlos geschlagen.

Die hoffnungslos überforderte Polizei verfolgte die Krawalle aus der Distanz. Erst nach der dritten Nacht, als die Gewaltorgie landesweite Beachtung fand, schickte Innenminister Christophe Castaner Verstärkung. Eine Kompanie der CRS-Bereitschaftspolizei sicherte Dijon ab, während Vertreter der tschetschenischen Gemeinschaft zur Ruhe aufriefen.

Einer ihrer Sprecher, Chamil Albakov, erklärte französischen Medien, seine Landsleute wollten nur in Frieden leben, würden sich aber nicht dem Diktat der Dealer unterwerfen. Er bedauerte, dass die Polizei einzelne Wohngebiete "aufgegeben" habe. "Unsere Leute haben keine Angst. Sie sind überzeugt, dass die Polizei nichts unternommen hätte, um die Urheber der Aggression zu fassen."

Schattenzone ausgeblendet

In Frankreich leben schätzungsweise 25.000 Tschetschenen. Sie leben auf engem Raum miteinander und sind als zuverlässige Supermarkt- oder Nachtwächter gesucht. Die Tschetschenien-Expertin Heda Inderbaeva erklärte, diese Gemeinschaft suche ein gutes Auskommen mit der Polizei. Aber man müsse ihnen "beibringen, dass Frankreich nicht Russland ist".

Das Bild einer stolzen, solidarischen Diaspora, die auch dort für ihren Ehrenkodex einsteht, wo sich die französische Polizei nicht mehr hinwagt, blendet allerdings einige Schattenzonen aus. Ein Bericht des Pariser Kripo-Nachrichtendienstes DCPJ erwähnt die "Expansion und Bedrohlichkeit" der Gemeinschaft. Das habe im "Milieu" schon mehrfach zu Zoff mit maghrebinischen Drogenhändlern geführt – zuletzt im April bei einer Schießerei in Nizza mit nordafrikanischen Drogenhändlern, steht im Bericht. Die Tschetschenen wendeten auch Mafiamethoden an, um sich im Nachtclubbereich festzusetzen. Mehrere Mitglieder gehörten "kriminellen Organisationen" an. Aus diesem Grund übernahm auch die Polizeibehörde gegen das organisierte Verbrechen (OCLCO) die Ermittlungen in Dijon.

Messerattacke in Paris 2018

Der Geheimdienstbericht verweist auch auf die Nähe einzelner Tschetschenen zum islamistischen Terrorismus. Frankreich wurde sich dessen im Mai 2018 bewusst, nachdem ein 20-jähriger Islamist namens Khamzat Azimov bei einer Messerattacke in Paris eine Person erstochen und fünf weitere verletzt hatte. Laut Pressemeldungen figurieren 300 Tschetschenen in der französischen Radikalenkartei FSPRT.

Ein politisches Echo fanden die Krawalle durch den Besuch von Marine Le Pen in Dijon. Bei einer Pressekonferenz erklärte die Rechtspopulistin am Dienstag, schuld an den Krawallen sei auch die "Untätigkeit" der Regierung von Emmanuel Macron. Die ehemalige Präsidentschaftskandidaten behauptete, dass sich viele Einwohner von Les Grésilles heute nicht mehr bei der Polizei, sondern bei lokalen Drogenhändlern per Identitätskarte ausweisen müssten, um in ihre Wohnung zu gelangen. Was sie selbst dagegen unternehmen wollte, vermochte Le Pen aber auch nicht zu sagen. (Stefan Brände aus Paris, 17.6.2020)